Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 1 (3.1.1902)
- Article
- Rede Dr. Max Nordaus
- Date
- 1902-01-03
- Page
- 8 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 8 „Die & Welt* Nr, 1 wiesen, nur die Wahl zwischen Boycott oder Preisschleuderei. Das ist das Verhältnis, das ich an anderer Stelle die Ausbeutung des Juden durch die Völker, in deren Mitte er lebt, genannt habe. Wer für einen anderen arbeitet, ohne den dem Werte seiner Arbeit entsprechenden Lohn zu erhalten, und wem es nicht freisteht, seine Arbeit in einem günstigeren Markte zu verwerten, dessen Arbeit nennt die Volkswirtschaft unfreie Arbeit, Sclavenarbeit. Wir sind die Selaven der Völker, für die wir zu arbeiten gezwungen sind, weil wir uns nicht selbst genügen können, und wir werden nur unter der Bedingung geduldet, dass wir die tief unter ihrem Werte entlohnte Sclavenarbeit willig verrichten. Denn beobachten Sie, wie nicht nur unsere Feinde, sondern selbst die, die sich in gutern Glauben für unsere Freunde halten, von uns sprechen. Es ist fortwährend von unseren Diensten, unserer Nützlichkeit die Eede. Die Feinde sagen: wir leisten keine Dienste, wir sind dem Gemeinwesen nicht nützlieh. Die Freunde betheuern: wir leisten Dienste, wir sind nützlich. Die Gl eichgilt igen fragen : Welche Dienste leisten, die Juden? Welchen Nutzen bringen sie uns? Niemand aber scheint zu bemerken, wie unerhört, wie ungeheuerlich dieser Standpunkt, diese Fragestellung ist. Von welchem anderen Volke der Erde bat man sich jemals erdreistet, zu fragen: wozu dient es? Wo hat man je gehört, dass ein Volk zu etwas dienen muss? Ein Volk ist Selbstzweck. Es lebt sich, nicht andern zu Gefallen. Es darf natürlich keinem anderen schaden, weil es sonst Abwehr hervorruft, die es vernichten kann. Aber es braucht niemand zn nützen. Es braucht sein Dasein und seine Daseinsberechtigung niclit dadurch zu erkaufen, dass es andern Dienste leistet. Nur von uns findet man es selbstverständlich, dass wir unser Eecht aufs Dasein durch andern geleistete Dienste erweisen müssen. Nur wir haben nicht das Ifecht, für uus selbst zu leben. Nur wir sind die natürlichen Hausknechte aller Völker, die der Dienstherr wegjagen kann, wenn er sie nicht mehr nöthig zu haben glaubt, die aber selbst ihrem Dienstherrn nicht kündigen können, weil es für sie keine Wahl der Dienststelle gibt. Erst wir Zioniston suchen wenigstens die Kündigung in dieses schmachvolle Dienstverhältnis einzuführen. Denn der Zionismus ist thatsiiohlieh die Kündigung des jüdischen Hausknechts an diejenigen Dienstherren, die ihn allzu niehtswürdig missbraueben. Fürst Bismarck sagte einmal gesprächsweise, er wünsche dem deutschen Volke eine grössere Anzahl Thalermillionäre, denn ihr Reichthum würde der Cultur und ganzen Lebenshaltung des deutschen Volkes zugute kommen. Was Fürst Bismarek vom deutsehen Volke sagte, das ist von allen Völkern richtig. Die Millionäre eines Volkes sind für das ganze Volk von Wert und Nutzen, und wenn sie noch so wenig Gemeinsinn besitzen. Sie können gar nicht anders als die Bildung des Volkes erhöhen, seine Kunst fördern, seine wirtschaftliche Kraft stärken. „Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten/* Nur bei unserem armen Volke ist alles so anormal, dass es in seiner Gesanimtheit, als Volk, nicht das geringste dabei gewinnt, wenn einzelne seiner Söhne Millionäre werden, meinethalben sogar nicht Thaler-, sondern Pfundin i Iii onäre. Die bekannten Ausnahmen, die angeblich die Regel bestärken, zugegeben, können wir im Allgemeinen sagen, dass jeder Jude, der Millionär wird, ein dem Judenthum verlorener Jude ist. Wird ein Jude ausnahmsweise reich, so ist das natürlich gut für ihn. wahrscheinlich auch gut für sein Land, aber für das jüdische Volk bedeutet es keine Stärkung, sondern eine Schwächung". Denn der jüdische Millionär hält es für seine erste Pflicht, ein schönes Beisnl 1 der Vorurteilslosigkeit, Unparteilichkeit, Toleranz zu geben, und das thut er unabänderlich in der Weise, dass er tolerant für christliche Kirchen Baugelder beisteuert, dass er öffentliche Krankenhäuser stiftet, aus denen mit strenger Unparteilichkeit jüdische Kranke, jüdische Pfleger und jüdische Aerzte ausgeschlossen sind, und dass er vorurteilslos für jüdische Zwecke jeden Pfennig verweigert, dagegen alles, was er an Gemeinsinn oder auch nur an Reelaniebedürfnis besitzen mag, solchen Landeseinrichtungen zuwendet, an denen den Juden infolge des herrschenden Antisemitismus in der Regel kein Antheil gegönnt ist. Und selbst wenn ein jüdischer Millionär einmal so parteiisch, so vorurtheilsvoll, so intolerant ist, dass er auch für seine jüdischen Brüder etwas thun will, so thut er es unfehlbar so, dass es dem jüdischen Volke nicht zum Segen, sondern zum Fluche gereicht. Er vertheilt Almosen und züchtet damit Schnorrer, oder er gründet Colonien mit solcher Geschicklichkeit und so glücklicher Hand, dass er die Colonisten, die ursprünglich tüchtige selbständige Arbeiter waren und es auch bleiben wollten, in Berufsbettler verwandelt, oder er hinterlässt dem jüdischen Volke hunderte Millionen und umgibt dieses in der Geschichte unseres Volkes beispiellose, grossartige Vermächtnis mit solchen Bestimmungen, dass der Schatz, der geradezu das Werkzeug der Erlösung des jüdischen Volkes werden könnte, zur tückischen Bekriegung und Auflösung des jüdischen Volkes venvendet wird, und wir heute in diesen Hunderten jüdischer Millionen den. schlimmsten Feind des jüdischen Volkes erkennen müssen. Sie sehen, geehrte Versammlung, die Erkenntnis, die wir erlangen, wenn wir die wirtschaftliche Verfassung des jüdischen Volkes mit Wirkliehkeitssinn und Wahrheitsdrang prüfen, ist herzbrechend. Wir gelangen zur trostlosen Feststellung, dass wir ein Volk von bettelarmen Proletariern mit den geistigen Bedürfnissen von Edclleuten sind. Wie soll ein bettelarmes Volk die Anstrengung machen, die der Zionismus von ihm fordert? Wie sollen Luft nienschen, unausgebildete Handwerker, vermögenslose Händler, Geistesproletarier ohne wirtschaftliche Unterlage und Zukunft, wie sollen diese kläglich schwachen Elemente1 ein jungfreudig hoffendes und strebendes Volk schaffen, ein starkes, neues Gemeinwesen aufbauen? Diese Elemente sind es aber, mit denen wir nun einmal zu arhreiten haben, und es ist klar, dass es die erste Aufgabe des Zionismus sein muss, sie zu stärken, sie ökonomisch tüchtiger zu machen, damit sie für seine Zwecke brauchbarer werden, als sie es heute noch sind. Wir stehen hier jedoch vor einem Circulus vitiosus, angesichts dessen ein schwaches Herz wohl verzagen könnte. Das jüdische Volk kann aus seiner bitteren Armut nur erlöst werden, wenn es auf eigener Scholle ein normales Wirtschaftsleben führt, und es kann die eigene Scholle nur erwerben und sich ein normales Wirtschaftsleben nur einrichten, wenn es aus seiner bitteren Armut erlöst ist. Es hilft nichts, vor der grausam geschlossenen Rundung dieses fehlerhaften Kreises zu stehen und die Arme muthlos sinken zu lassen. Wir müssen in den Kreis einbrechen. Wir müssen, damit beginnen, das jüdische Volk wirtschaftlich zu stärken, denn nur ein wirtschaftlich einigermassesn leistungsfähiges Volk kann zur Verwirklichung des zionistischen Ideals sehreiten. Dies ist unsere Antwort an die senderbaren Kritiker, die von den sogenannten Gegenwartsaufgaben des Zionismus nichts wissen wollen, weil sie angeblich unsere Kräfte zersplittern und unser Streben vor. seinem eigentlichen Ziele ablenken. Man wird füglieh nicht bestreiten wollen, dass ich mehr als andere berufen bin, zum Baseler Programm einen zuverlässigen Commentar zu liefern. Wir, die dieses Programm ausgearbeitet haben, können versichern, dass wir, als wir die Mittel aufzählten, die zur Erreichung des zionistischen Zweckes in Aussicht genommen sind, bei den Punkten zwei und drei mit in erster Reihe an die Organisation der ökonomischen Kräfte und an die wirtschaftliche Stärkung der Juden dachten. Die Gegenwartsaufgaben fügen dem Baseler