Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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^No^52 DIE3§£€ LT 9 Ergebnis des Buches zusammen,v das er über den „Fall Hilsner" " geschrieben hat und das unter dem Titel „Der Polnaer Ritualmordprozeß" jüngst in Berlin bei A. W. Hayns Erben erschienen ist. Professor Franz v. Liszt hat einige einleitende Worte zu diesem Buche geschrieben. Mit Recht verweist er darauf, daß der Prozeß Hilsner „einen Beitrag zur Psychologie der Aussage" liefert, „der alle theoretischen Auseinandersetzungen über xlieses Thema und alle experimentellen Untersuchungen in den Schatten stellt". Ebenso berechtigt ist es aber auch, wenn er sagt Nußbaums Buch sei keine Tendenzschrift . . .. sondern eine nüchterne, streng wissenschaftliche, überall auf dem Akteninhalt fußende Darstellung» Zu rüchtem vielleicht zu kühl mag manchen die Ruhe anmuten, die über dieser Arbeit liegt, die sich nirgends zur Emphase erhebt, aus der nur hie und da ein Ton bitteren, schneidenden Spottes laut wird, wetin die Aussagen und Annahmen, die der Gang der Arbeit zu widerlegen zwingt, einmal gar zu albern werden. Aber um so eindringlicher muß dieses Buch auf jeden wirken, der nicht von vornherein — nicht auf sich wirken lassen will. Die Schuld oder Unschuld eines Menschen, die Frage, ob er als Mörder des Todes schuldig ist oder nicht — als Parteifrage! Kann es etwas Ungeheuerlicheres geben als diese eine Tatsache, die den ganzen Prozeß Hilsner beherrscht? Ein Mensch, die Schuld eines Menschen, das Schicksal, die Freiheit das Leben eines Menschen als Mittel im Kampfe der Parteien! Kann man sich etwas vorstellen, was in schreienderem Widerspruch mit dem innersten Wesen der Strafrechtspflege steht? Wirkt schon in rein politischen Prozessen dieses Moment so oft abstoßend, wie muß es erst wirken in dem Prozeß wegen Mordes, in dem Prozeß, der geführt wird, auf daß die Überweisung oder doch Verurteilung des einen Juden zum Schlachtruf werden könne wider die ganze Judenschaft! Da haben wir einen Prozeß, ein staatliches Verfahren, das im Namen» des Rechtes geführt wird, dessen Urteil im Namen des Staatshauptes gesprochen wird, das von, seinen ersten Anfängen an bis weit hinaus über seinen formellen Abschluß getragen wird von den erregten Wogen der Parteileidenschaft, des Rassenhasses — und des borniertesten Aberglaubens. Wenn einer die Juden nicht leiden kann, wenn er sie „haßt", so ist. das seine Sache; so lange er-diesen Haß nicht dort betätigt wo er ihn nicht betätigen darf; meinetwegen sein Recht Wer aber irgend einen Haß, und sei es * auch „nur" den Judenhaß in das Qebiet des Rechtes hineinträgt: der ist ein Lump, wer immer es sei. In. diesem Prozesse aber haben wir vernommen, .wie vom ersten Augenblicke an, bevor auch nur der erste Ansatz einer Überzeugung aus sachlichen-Gründen sich hätte bilden können, eine Parole ausgegeben, der Kampfschrei erheben wurde; wir haben gehört wie unter dem Schutz-Är Immunität ein Abgeordneter sich gerühmt hat, daß in dieser Rechtssache eine Pression auf. den Justizminister ausgeübt worden sei; wir haben jenes in seiner Art ganz einzige rntersuchungskomitee beobachten können, das nicht nur unter Duldung, sondern mit Unterstützung öffentlicher Behörden seine Zelte neben dem Tempel der Justiz autgeschlagen, Zeugen vernommen^ Erhebungen gepflogen und.— Stimmung gemacht tfnd Suggestion geübt,hat; wir haben gesehen, daß alles, was für die Schuld dritter Personen hätte sprechen können, für Gericht und Staatsanwalt kaum existiert hat; wir haben verfolgt welch groteske, innerlich ganz unmögliche, untereinander in tollstem Widerspruch - stehende. Aussagen, Zeugen und — Bachverständige unter dem Banne der erweckten Massensuggestion gemacht haben; und wir haben schließlich in den Berichten der Tagesblätter lesen können; "' daß nach der Urteilsverkündigung-die Geschworenen, die Hilsner als Mörder verurteilt hatten, und die Vertreter der ^Privatbeteiligten" - auf der.Straße mit «brausenden Nazdar- und Slavarufen" und „ohren- .v betäubendem Freudengeschrei" empfangen wurden, die Verteidiger ' Hilsners*aber?mit »vielhundertstimmigen fianba- und Pereatrufen". Und werm~ Hilsner taiisendrnaVsc^ sein sollte" — dieser Pöbelhaufen, der jübehX.~-weil ein Mensch zum Tode verurteilt worden ist-erwürde, darum nicht um ehr Atom .weniger abstoßend und widerlich sejjat als er es jedem Menschen, der nur einen Funken besserer Empfindung hat sein muß." ~ . ~ /. Aber das ist Ja das Scheußliche, das Furchtbare bei solchen Hetzen, daß sie jede Regung der Menschlichkeit, . des gesunden und ^r-iiaturficl!en_Snaes übertäuben, aus Menschen, die anständige Menschen W4uen-. nmr.es später vielleicht-wieder sind,' i n Rausche .des Augenv-:blickes-Bestie machen. Ich kann mir nicht helfen, aberich glaube " -Immer; wentt man einen einzelnen aus ter Masse heraüsfangen und *-~:ihm imter vier Augeu vorstellen Önnte, was er da eigentlich tut~ jeder,- uJnd sei ©r auch einet der hetzer und Führer, müßte, die Hände £=!vor;$& Anthtz, schlagen und vor .Scham vergehen.. vi^^^V: «~v wohl etwas optimistisch; sein!-Sieben Jahre sind vergan^ se&demUrteil Kurteobef^lse^jseit dem Urteil von :^^^^^^^^f(S^^36n zur Einkelm:^eiuaar^hetrte irgendein« rä^M^^^^^^L S^€%Ä'>^^:i£ u ^ü-j&i&l&eX >!5:>f ,v.'.->--ri».- Meldurtg auftaucht von einer Spur, einem Verdacht die von Hilsner abführen,, dann ertönt der SchlachtrufVon neuem, undwenn dieSpur erlischt wenn, wie jüngst, einer, der vielleicht die Tat begangen haben könnte, statt vor den Richter gestellt zu werden, dem Irrenhause überantwortet wird, dann lösen sich wieder Freudenschreie aus. Nicht so laut, nicht so. heftig, nur vereinzelt — aber es hatte sich ja ribr um eine entfernte Gefahr gehandelt. Wenn aber der ganze Prozeß Hilsner wieder aufgerollt werden wirÄ — dann täuschen wir uns nicht, dann wird es uns auch kaum erspart bleiben, Dinge wieder zu sehen, die wir schon einmal mit Trauer und Unwillen gesehen haben. Und trotzdem muß dieser Prozeß wieder aufgerollt werden. Und er wird wieder aufgerollt werden. Hilsner mag schuldig sein oder unschuldig sein. Ich weiß es nicht. Und wer kann sagen, daß Leopold Hilsner schuldig ist? Nach diesem Rechtsverfahren kein Mensch. Denn der Haß hat diesen Prozeß geboren, der Haß hat ihn gesäugt und der Haß hat ihn bis zum Ende geführt. Und Schlamperei, Aberglaube, Irrtum und Unwahrheit sind seine treuen Begleiter gewesen. Am I. April 1899. am Tage vor Ostern, ist im Brezina-Walde bei Polna die Leiche der Agnes Hruza gefunden worden. Schon mit der Aufnahme des Tatbestandes und dem Sektionsprotokoll beginnt die Reihe verhängnisvoller Unterlassungen und Mißgriffe. Statt Tatsachen Schlüsse T Aber wie der Ruf von.der Schnittwunde am Halse hinausfliegt aus dem kleinen Polna, wie das Wort vom „Sch ächte rschnitt44 fällt, da ist sofort alles hinter dem „Ritualmörder" Hilsner her. Ich weiß sehr wohl, daß längst zweifellos festgestellt ist, daß der jüdische Ritus oder der Ritus irgend welcher jüdischer Sekten nicht das geringste enthält, was einen Anknüpfungspunkt für eine derartige ungeheure Beschuldigung eines ganzen Volkes ergeben könnte, als die die „Lehre" vom Rituahnord sich darstellt. Ich verkenne jedoch nicht die Macht der Suggestion. Aber aus einem andern Grunde. Wahnwitziger Aberglaube hat eine grauenvolle Kraft: die Kraft die Prämissen irgend einer tollen Phantasiegeburt wahr zu machen. Ich will nicht von dem religiösen Aberglauben sprechen, der im Namen so vieler Religionen schon blutige Opfer gefordert hat. Ich will nur auf das Kapitel über »Diebslichter" im „Pitaval" verweisen. Wer einen Menschen tötet und sich aus seinem Talg eine Kerze . macht wird beim Lichte dieser Kerze unsichtbar. Gibt es etwas Dümmeres auf der Welt als diesen Aberglauben? Und doch hat er Mörder gezüchtet! Wo wir ein Strafverfahren haben, .das wenigstens einige Garantien für die Berücksichtigung der primitivsten Elemente eines Rechtsverfahrens-enthält, ist noch kein Ritualmord mit rechtskräftigem- Urteil festgestellt worden. Ja, fast alle Anzeigen erwiesen sich rasch als albernster Unsinn — oder Schlimmeres. Das eine Mal war Maggis Suppenextrakt— „Menschenblut~ gewesen, wie im Falle „Krauß"; ein anderes Mal hatten sich die ^Opfer" die Wunden zur „Anzapfung", die sie aufwiesen, selber beigebracht usw. Auch Hilsner wurde bei der zweiten Verhandlung nicht mehr als Ritualmorder verurteilt. Aber wenn einmal der Tag käme, an dem ein Verblendeter sich sagen würde, „daran, was uns da immer, vorgesagt wird, muß ja doch etwas Wahres sein, Christenblut muß -doch eine geheimnisvolle Wirkung haben" — dann wären .Jene. Elenden und Niederträchtigen, die diesen Wahnwitz gegen ihre Überzeugung aus den gemeinsten, niedrigsten Instinkten hegen, pflegen und in die Welt streuen, die eigentlichen Mörder 1 Durch den Einfluß dieser Schaudermäre, durch die in die Massen getragene Erregung ist/aber auch jenes, so trauriges Interesse . bietende Phänomen zu/erklären, das wir in verschiedenen Ritualmordprozessen beobachten können, das aber den FaÜ: Hilsner geradezu . beherrscht das „"Phänomen des zunehmenden Zeugengedächtnisses*, wie man es zutreffend genannt hat. <•.*/'. Zuerst wissen die Leute*, die vernoniraen werden, fast gar nichts. Aber je mehr Zeit vergeht, desto mehr wissen sie, die Bifder verblassen nicht, sie werden lebhafter, färbiger, reicher, immer neue Bilder erwachen — und immer neue Zeugen kommen, denen es * bisher nicht eingefallen war, sich zu melden, und die nun die merkf würdigsten' Dinge zu berichten wissen. Was für Dinge! Wie herauf- \ geholt aus einem Kolportageroman und immer dieselben^wietierf kehrenden Typen: Die einen haben, zufällig durch Spalten'IugenaV beisammenkauernde Juden gesehen und sie belauscht wiesie gerade - die inhaltsschwersten - Gespräche über den;. Mord hihrteiiandere ■v haben.deu Beschuldigten auf deni. Wege?«m Tatbrt;oder in-der :*Nähe des:Tafortes gesehen» wie/ersich inider>^uft7Uteten " 1 benahm, mit den! Mordwerkzeug/den-künftigen M^rd-lUf^^ecemi i und', ihm .präludierend, recht drastisch..hantierte, uqd gfelch damals. ist Urnen, den Leuten, die dartn^ Wocheuf^orrat^ * Beßen ohne sich zu rühren, d» Ahnuo£ von etwas Fürchterildhetn, ,d«s sich da vortoeifeteV Hr^ifc?;& wäen Aussagen-: <Je> ^gen* ><B^ vj£t .? ^tfömmepr: wQrde».^suid^ sieht n»«r: AbergU" S^^Si -^^z&^J^Mff^^^^^^i "^sas