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Die Welt · 1906-12-28 · 52 (28.12.1906) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
52 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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blinden. Dann folgt als sehr wichtig die Frage der Emigration. Die Juden, die aus allen organisierten sozialpolitischen Körperschaften verdrängt werden, suchen instinktiv einen Ausweg in der Emigration. Und es wäre die Pflicht der jüdischen Selbstverwaltung, deren Aufgabe die Organisation der jüdischen Kräfte ist, diese wichtige ' Frage in ihren Interessenkreis einzuschließen. Wenn wir nun einige innere Angelegenheiten des jüdisch-religiösen und kulturellen Lebens, wie die Heirat sgesetze, die Sabbat- .ruhe usw. hinzufügen, so haben wir beiläufig den konkreten Inhalt der jüdischen Selbstverwaltung erschöpft. Aber nun taucht die Frage auf, wer denn der Vertreter des jüdischen Volkes sein werden, wenn die Stunde der Realisierung der Idee der jüdischen Selbstverwaltung schlagen wird? Und wir antworten: Die jüdische . Nationalversammlung. Nur diese allein wird im Stande" sein im Namen der Judenheit zu reden, nur sie allein wird das Recht und die Autorität haben, um Form und Inhalt der jüdischen Selbstverwaltung zu bestimmen. Die jüdische Nationalversammlung muß einberufen werden, und .wir müssen darauf hinarbeiten, daß ihre Antwort auf die Fragen des jüdischen Lebens sich mit der unseren decke." Auf das kurze Referat Seidenmanns folgten die Debatten über die Frage der Autonomie. Als erster ergriff das Wort Dr. D. Pasmanik. Fr sagte u. a.: .Der Referent verteidigte die Ansicht, daß das jüdische Volk auch in der Diaspora dank den Erfolgen der Demokratie regeneriere. Ich bin mit diesem Ge*sichtspunkte durchaus nicht einverstanden, denn sonst müßte ich gegen den Zionismus sein. Ein auflebendes Volk sucht kein neues Territorium für seine Renaissance. Die Geschichte der westeuropäischen Länder kann uns keineswegs besondere Hoffnungen auf die Demokratie einflößen. Die Besserung der jüdischen Lage im Westen hat nur auf individuell-finanziellem . Debiet stattgefunden. Das jüdische Kollektivum ist ebenso entrechtet geblieben wie zuvor. Auch in so demokratischen Ländern, wie*- Frankreich und Amerika, wird die Lage der iuden prekärer, da der Zufluß von Juden sich vergrößert hat. . . Wir können auf - keine Renaissance in der Diaspora hoffen. Ein entartendes Volk aber kann nichts schaffen. Es kann bloß emigrieren. Und nur auf diesem, vom jüdischen Volk oft erprobten Wege und noch weiter auf dem Wege der endgiltigen Emigration kann die Renaissance beginnen. Wir müssen nur den „Exodus organisieren4*. Aus diesem Grunde ist für mich die Frage der politischen Piatform keine prinzipielle. Wir müssen unsere Vollberechtigung erlangen, und aus diesem Gesichtswinkel unsere politischen Bündnisse mit dieser oder jener Partei — und kraft der Umstände stehen die für uns in Betracht kommenden Parteien mehr nach links — wählen- Der Zionismus ist keine Partei, die ein bestimmtos politisches Parteiprogramm hat, sondern eine Volksbewegung, die die mannigfachen Interessen des Volkes und dessen Klassen, einschließt. Unsere nationalen Forderungen dürfen nicht das Maß des Möglicher, übersteigen, damit sie nicht bloß Phrasen bleiben. Ich erwarte von einem freien Verband der jüdischen Gemeinden mit zwingenden Vollmachten mehr als von einer Nationalversammlung. Aber das ist keine prinzipielle Frage. Wir müssen die Organisation des Judentums von unten nach oben beginnen. — Schabotinsky präzisiert die Fragen, um die es sich in den ~ Debatten handeln sollte: Die Notwendigkeit einer Organisation des * Judentums; volle Autonomie oder Selbstverwaltung, Nationalversammlung oder Gemeindebund, die Organisation von oben nach ' unten oder von unten nach oben. Er tritt für das Maximum der Forderungen und des Programms ein. Er ist für die Nationalversammlung, da dadurch die Parole der geeinten Judenheit, von den Zionisten ausgerufen, ins Leben gesetzt wäre. Baß spricht gegen die Ausführungen der vorigen Redner. Die Zionisten hätten sich zwei. Maximum-Programme /geschaffen; für r zwei solcher Programme könne man nicht arbeiten. Der Zionismus sei für alle Juden, die das zionistische Ziel anerkennen, und nicht nur ' für diejenigen, die auf ein gewisses politisches Programm schwören. Deshalb dürfe man den Zionisten kein allgemeinpolitisches Programm aufoktroyieren. - ~ Aleinikow will die „öegenwartsarbeit*4 und ihre Notwendig-?. r'jeelt für unser Programm theoretisch begründen. Die Gegnerschaf: ^"^?:ijlj»n.\dlcse „Gegenwartsarbeit*4 war früher der Ausfluß der An "tscnanuii^, daß das Endziel des Zionismus und die momentane Jl^ftfbeit für das jüdische Volk,' die Ansammlung von Kräften in der jgg^lft&spdra» in zweiFlächen liegen. Unsere Gegenwartsarbeit wie ggypiPSer Demokratismus aber sind opportunistisch.. Unsere Schwäche ^g^ftlgt lins zum Opportunismus. Uni' deshalb meint er, dafr wir ^^g^die.nationaie Autonomie' keine großen Hoffnungen legen dürfen. ||g£*w die Nationalversammlung betreffe/ so sei das ein gewagtes ^^^ateiiiehmen. Womit werden wir uns in dieser-Nationalversammlung beschäftigen, womit werden wir sie ausfüllen? Ich bin daher für die Schaffung eines Gemeindebundes. Schabotinsky tritt noch einmal eindringlichst für die der Konferenz vorgeschlagene politische Platform ein. Sich gegen Aleinikow wendend, sagte er: Sie wissen nicht womit wir die Sitzungen unserer Nationalversammlungen ausfüllen werden? Mit unseren „Zores** (Leiden)! Gibt es noch ein zweites Volk, das so viele schmerzliche und schwierige Fragen zu lösen hätte? Gegen die Verteidiger der Idee des Gemeindebundes wendet er eTn, daß. wenn die Idee der Nationalversammlung nur aus opportunistischen Gründen verworfen werde, d. h. aus Furcht, daß die Düma sie nicht gewähren werde man demgegenüber sagten könne, daß eine Duma, die dies verweigern würde, auch die üemeindeorganisation nicht sanktionieren werde. In der Frage Autonomie oder Selbstverwaltung stellt er sich auf die Seite der letzteren, da wir kraft unserer exterritorialen Stellung keine eigentliche Autonomie beanspruchen können. Motzkin: Ich bin mit Herrn Grünbaum darin nicht einverstanden, daü jetzt unsere Prinzipien inbezug auf die Gegenwartsarbeit umgestoßen sind, — es haben sich nur die Umstände verändert. Schon im Programm der Demokratischen Fraktion wurde darauf hingewiesen, daß die Juden Anteil an einer politischen Revolution nehmen sollen, wenn uns dazu ein nationales Bedürfnis treibt, wenn nicht wir die Schöpfer dieser Revolution sind und wenn diese Arbeit die Massen nicht zu einer Assimilation treibt. Solche Umstände traten ein nach dem russisch-japanischen Kriege. Ich halte die vielverbreitete Ansicht, daß die Juden die Revolution in Rußland geweckt haben, für falsch, — es haben sie die objektiven Bedingungen geschaffen. Die andere Frage ist nun, — an welcher politischen Richtung wir Anteil nehmen sollen. Die demokratische Richtung, — wenn sie die nationale Tendenz als solche nicht anerkennt, — muß doch angesichts ihres letzten Ideales, der Befreiung der menschlichen Individualität, im letzten Ende die nationalen Forderungen zu würdigen verstehen, nachdem das Wesen der nationalen Frage aufgeklärt sein wird. Und so sehen wir, daß die Sozialdemokratie der verschiedenen Länder allmählich ein richtiges Verständnis dieser Frage entgegenbringt. Ich kann infolgedessen die Ansicht von Herrn Pasmanik nicht billigen, daß wir nur die spezifisch-jüdischen Interessen verteidigen sollen, gar wenn diese Interessen im Gegensatz zu den Forderungen der allgemein-menschlichen Ethik sich befinden. Eine solche Taktik können auch starke Völker nicht lange ungestraft verfolgen, die Schwachen müssen dabei zugrunde gehen. Und dann wenn z. B. die gesetzliche Einführung des achtstündigen Arbeitstages für die Mehrheit der Juden eine Zeitlang unvorteilhaft sein wird, so muß es sich bald ausgleichen, — was für alle progressiven Elemente nützlich ist, muß auch für uns von Nutzen sein. Ich sehe eine andere Frage, die bald auf der Tagesordnung auftauchen wird, und das ist die Frage, ob wir ein Recht besitzen, als Nation zu gelten. Das Recht auf eine Sonderexistenz besitzt eine Nation, wenn sie besondere Lebensformen und eine eigene Sprache besitzt Deswegen wird die Sprachenfrage vor allen anderen nationalen Problemen vor uns stehen. Ich halte das Wiederaufleben der hebräischen Sprache in der Diaspora nicht für absolut ausgeschlossen. Natürlich kann nur von einem Experimente gesprochen werden, von einem solchen Experimente, bei dem die*breiten Volksmassen in Betracht kommen, nicht ein mehr oder minder beschränkter Kreis von Personen. Dabei will ich aber gar keine kategorischen Voraussagungen inbezug auf die Frage machen: welche Sprache zu einer nationalen werden kann, — Hebräisch.oder Jüdisch. Ich will nur konstatieren, daß dieses Problem bald zur brennendsten Frage unseres nationalen Daseins werden wird, besonders im Hinblick auf die starke assimilatorische Tendenz, die zweifellos bald einsetzen wird. In unserer politischen Tätigkeit dürfen wir vor dem Worte „Autonomiedurchaus nicht zurückschrecken. Ich' sehe bestimmte Aufgaben voraus, die das Judentum zu losen haben wirdl Aber eine andere Sache ist's, ob wir mit der Forderung einer „Nationalen Versammlung" in der Duma auftreten sollen. Ich halte es für verfrüht. Ich glaube, wir müssen' zuerst eine Nationale Versammlung des jüdischen Volkes einberufen-, seinen Willen erfahren, es fragen, welche Sprache es für die seine hält, welche Institutionen es verlangt etc. Wir organisieren eine mächtige disziplinierte Kraft des jüdischen Volkes und a. erden auf diesem Wege zur Realisation des Zionismus kommen. Ich halte dafür, daß die Autorität des vereinigten, organisierten jüdischen Volkes, wenn auch nur Rußlands, für die Außenwelt und für unsere Brüder anderswo zweifellos Geltung haben wird! / " Was die Arbeit in Palästina anbetrifft, so kann ich die kleinen Erfolge unserer Tätigkeit nicht mit derselben Freude begrüßen, wie viele andere meinet Vorredner. Ich befürchte; daß die'Enttäuschung, die ich inbezug. auf die reale Arbeit in der ersten

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