Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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genannten Polen mosaischer Konfession als Dekorationsmotiv, als Ja- und Amen-Sager mitnehmen, und so ist - dieses schwere Opfer zu bringen haben sich die Nationaldemokraten entschlieüen müssen ein Zentralkomitee gegründet worden - mit zwei Juden darin . . .Sie. haben nichts gelernt und nichts vergessen**, sagte man einst von den französischen Machthabern. Auf unsere Juden findet das Wort natürlich keine Anwendung. Sie haben ja alles gelernt, aber sie behalten nichts. Gedächtnisschwäche infolge zu langer Dauer des jüdischen Golus. ... Bei einem Bankett, das zu Verbrecher an der Menschheit Ehren unseres, zurzeit in Amerika weilenden Gesinnungsgenossen Dr. Schernarjahü Lew in in New-York gegeben wurde, hielt Herr Jakob H. Schiff eine längere Rede, die der traurigen Lage der russischen Juden gewidmet war. r)er Kernsatz dieser Rede ließ an Prägnanz und Klarheit nichts zu wünschen übrig. Er lautete: „Der Bankier, der der russischen' Regierung noch Geld darleiht, begeht ein Verbrechen an der Menschheit.** Der Draht hat sich beeilt, Herrn Jakob Schiff ein seltsames Echo zuzutragen: Lazard, Emersdorffcr. Gans. Weisweiller, Seligmann, Kahn. Sulzbach, Levy, Hirsch eine verwirrende Fülle von Namen-' jüdischer'Bankiers Frankreichs schwirrt ans Ohr, „gute Namen", die Jaures keinen Anstand nimmt, öffentlich als die Vermittler und Träger der russischen Anleihen in Frankreich zu bezeichnen. Das Verbrechen an der Menschheit wird also in Frankreich en gros begangen, - kein Zweifel, es muß ein gutes Geschäft sein. Und wird begangen mit feinem Raffinenient. Denn, wie Jaures mitteilt, haben diese „ersten Häuser", die sich mit der „Emission" des Verbrechens befassen, ihren Klienten die Anteilnahme möglichst erleichtert, indem sie von ihnen nicht die Zahlung des gesetzlich vorgeschriebenen zehnten Teiles des gezeichneten Betrages verlangten, sondern sich mit dem zwanzigsten und dreißigsten Teil begnügten. Jaures kündigt an. daß er die Regierung interpellieren werde, oh sie eine solche Umgehung des französischen Gesetzes fernerhin dulden werde. Die Regierung wird sie gewiß nicht dulden. Wenigstens wird sie das erklären, wofern sie es nicht vorziehen "wird; im dem heiklen Gewissenskampfe zwischen Demokratie und Ehrfurcht vor dem Alliierten die übliche bewährte Wendung zu gebrauchen: Der Regierung ist nicht bekannt usw. Und die Menschheit? Das ist leider eine Kategorie von Empfindungen irhd Individuen, die nicht leicht zu fassen ist. die sozusagen in der Luft schwebt und den Erdboden nur selten berührt. Die Böse ist jedenfalls besser organisiert. Gorki hat diese Börseniuden verflucht und die „Menschheit" tat es mit ih'm. Jaures verdammt sie " als die Totengräber der jüdischen Emanzipation, Schiff brandmarkt "sie als' Verbrecher — und wieder begleitet die be;den der Chor der Stimmen der Menschlichkeit. Die Börse aber hat für die romantischen Spalten der Blätter, in denen sich die Ethik auslebt, kein Interesse. „Kein Artikel für uns!**» sagt sie. Wenn es wirklich zu einem Konflikt zwischen „Judentum** und „Perzent" kommt, dann „läßt sich" der Börsianer lieber aus irgend einer Kultusrepräsentanz „austreten" — und konzentriert nunmehr, von keinerlei Fesseln beengt, die Fülle seiner ernsten Gedanken auf das Problem, wie man eine neue russische Anleihe dem Publikum verschleiert präsentieren könne, z. B. als Gründl:ng einer „(jesellschart zur Beschaffung des Materials für die russischen Eisenbahnen". Und wir, wir mögen uns winden und krümmen, demonstrieren oder protestieren wie wir wollen, die Solidarität mit diesen Mammonsgesellen können wir mit Zorn und Abscheu von uns weisen, - löswerden aber können wir diese Sippe nicht, ehe sie nicht der Erfolg ihrer schwarzen Kunst zu den anderen Konfessionen geführt hat Und selbst dann noch.klebt an ihrem Gelde und an ihren Operationen der Ruch. Die Erinnerung läßt die Sch'.iten der -i-Vergangenheit heraufziehen. Vergleiche Mendelssohn, einstmals . Ttülosoph und ein teurer jüdischer Name, jetzt Zentralstelle für alle £ russischen Finanzgeschäfte im Auslande. »Gehen Sie nach Lemberg!" Ein Wiener Jude rief es einem andern zu, ein Notabler der Gemeinde einem zionistischen Wahler, weil dieser bei der letzten Kultuswahl einen andern Wähler aufklären wollte, der sich in den Fußangeln .und Fallgruben des Wiener Kultusgemeinderechtes nicht auskannte. „ Ich wähle keinen Polak!"") rief ein Jude in Köln, gleichfalls bei der letzten Kultuswahl, da stimmte er gegen den Kandidaten der Zionisten. v Es ist nicht das Zionistische in uns, das verletzt, empört ist ob solch einer Roheit. Wir Zionisten lächeln über d\e schlechte Behandlung, die uns da und dort noch von vierschrötigen, denkfaul-manierlosen Gesellen zuteil wird. Und gewiß, wir tänden an und für sich nichts Schlimmes darin, wirklich nach Lemberg zu gehen oder etwa statt deutscher Staatsbürger Polaken zu sein Im Gegenteil! Das jüdische. Leben in Lemberg imponiert uns mindestens so sehr wie das Assimilationsprotzentum in der Seitenstettengasse. und ein Polak nötigt uns im allgemeinen bedeutend mehr Hochachtung ab als ein rheinischer Karnevalsjude. Es ist etwas anderes, was uns tief verletzt, was uns die Hand zur Faust ballen macht. Der die Worte vom Polaken spricht, ist ein Jude, und ein Jude der, dem sie zugeschrieen werden. Jener ist wahrscheinlich vor zehn oder vor fünf Jahren aus Galizien nach Österreich oder an den Rhein gekommen, und dieses Haus steht vielleicht schon seit seines Großvaters Zeiten nicht mehr in der-Polakel Der Unterschied ist an und für sich nicht groß. Juden sind sie beide. Aber der eine ist inzwischen deutscher Staatsbürger geworden, oder er ist in Wien ^.ansässig" und darf sich von einem Christlichsozialen die Schmeicheleien sagen lassen, die der andere von den Schlachzizen zu hören bekommt. Und darum ist man gut deutsch alleweg — und darum kann man nichts Polnisches leiden — und nichts Jüdisches. das letztere zumal »dieweil das wahre Deutschtum bekanntlich mit dem Judentum nichts zu tun hat). Und darum weg mit allem Jüdischen, fort nach Lemberg! Schamröte steigt in uns auf, nicht wegen der Beleidigung, sondern wregen der Beleidiger. Denn ihre Gemeinheit ist ein Flecken "an unserer Ehre, ist ein Pfahl in unserem Fl&ische. Der Kölner Polakenfresser ist ein „deutscher** Jude, ist der Vertreter einer deutsch-jüdischen Gemeinde, ist — seien wir uns darüber klar, — der typische Vertreter eines nicht kleinen Teiles der deutsch-jüdischen Bourgeoisie. Das sammelt zwar mit Applomb Gelder, wenn ein Pogrom stattgefunden hat, weit weit weg von hier (der »Anstand verlangt es, und der Name kommt auf die Spenderliste), das hat aber heimlich, heimlich — und offen einen Widerwillen, einen Abscheu gegen alles Jüdische, das nicht „europäisiert", d. h. seines Judentums entkleidet ist, einen Abscheu, der mindestens so groß ist wie der Haß des Alldeutschen gegen den deutschen Juden. Da haben wir den berühmten jüdischen Antisemitismus des Mauschel, nicht jenen von der Konkurrenzcouleur, über den die freisinnigen Blätter sich entrüsten, wenn z. B. ein Jude lieber reaktionär wählt als seinen jüdischen und freisinnigen Geschäftsverderber, sondern jenen der elendesten, niederträchtigsten und traurigsten Sorte, wo der Jude den Juden 'beschimpft und unterdrückt, weil ^r~ einen Hauch vom Jüdischen mit sich bringt, wo der Jude den Juden höhnt und — ausweisen läßt, weil er ihm ^eine Assimilationssuppe verdirbt, er ein Jude bleiben^ will, in Köln war es vor drei Jahren, wo die „liberalen" Juden heimlich ausländische Brüder denunzierten, weil sie gegen die Orgel gestimmt hatten, in Köln war es. wo jetzt wiederum ein »liberaler" Jude (weil} dieser Mensch, daß er den Liberalismus ebenso wie das Judentum beleidigt, wenn er sich dazu rechnet?) gegen die Wahl eines nicht naturalisierten Juden und gegen die Wahlbeteiligung ausländischer Juden Protest erhoben hat, weil „Ausländerin den jüdischen Angelegenheiten in Deutschrand keine Stimme haben sollten? Als - der Skandal der Judenausweisjrgjgen aus Preußen im Landtage, als die Greuel in Rußland in den Parla- •) *x polnischer oder russischer Jude.