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Die Welt · 1906-12-28 · 52 (28.12.1906) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
52 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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der Partei der mFriedlichen Erneuerer** angeschlossen. Wir haben diese Nachricht nicht glauben wollen und sie an dieser Stelle als im politischen und ethischen Sinne absurd zurückgewiesen. Wenige Tage darnach hat der .Verein zur Erlangung der jüdischen Gleichberechtigunjg in Rußland" die Meldung ars zu tendenziösen Zwecken erfunden zurückgewiesen. Die Sache wäre also damit erledigt. Nun tauchen aber ähnliche Meldungen aus anderen Städten auf. und, was noch schlimmer ist, sie finden Aufnahme und begeisterte Kommentare in westeuropäisch-jüdischen Blättern. Also nochmals: Wer sind die Friedlichen Erneuerer? Sehr bequeme Herren, die zwischen Chartreuse und Upmann eine süDe Sehnsucht nach Reformen in Rußland sich etwaals Dessert leisten. Sonntagsjäger der Revolution. Friedlich sind sie, ganz Versöhnung, ganz. Liebe, aber die Erneuerung ist eine Rcdefloskef Man sah sie schon in der ersten Duma" - mit ihrem Zaudern und Knausern, mit ihrem feigen Sichdrücken, mit ihrem banghaften Schwanken. Nun „nahen sie wieder,-schwankende Gestalten", schwache, innerlich* bruchige Geister, im halben Schlummer dahindämmernde Leisetreter und kündigen eine neue Aktion an. Mit Sammetpfötchen wollen sie ein Mammuth. erlegen. Sie suchen die „gemäßigten ' Elemente". Nun sind doch nicht sämtliche Juden radikale Weltstürmer., Auch sehen, nicht alle Juden die Welt unter dem Gesichtswlnkej des Klassenkampfes. Und die „Friedlichen Erneuerer" haben mit Ach und Krach eine Resolution angenommen, daß sämtliche Völkerschaften, folglich auch die Juden, gleichberechtigt sein sollen. Es stehtauf Zertelchen geschrieben. .... Daß die Juden sich auf eigene Füße stellen und ihrem eigenen Empfinden einen größeren Spielraum, verschaffen sollen, ist bis zum Überdruß wiederholt worden. Daß in den krassen Erscheinungsformen der Überreiztheit unerquickliche Auswüchse vorhanden sein müssen, versteht jeder Vernünftige. Der unbändige Haß, die erbitterte Feindschaft unter den Fraktionen, Gruppen und Parteisplittern, von denen jedes glaubt, im alleinigen Besitze der objektiven Wahrheit zu^sein, wird ebensowenig das Wesen der Zeitereignisse in Rußland; wie etwa Geschwürean einem Körper das Wesen einer Krankheit darstellen. .Aber geradezu kindlich "wäre die Einfalt jüdischerseits, das gewaltige Weltdramä, das sich in Rußland abspielt vom Standpunkte "der „Friedlichen Erneuerer" betrachten .zu wollen. Ob sie nun wirklich dieser Partei beigetreten sind oder nicht Tatsache ist daß es in Rußland Exemplare einer absterbenden ,Vorsteher-'-Schichtgibt die da denken und sagen: Die jüdische Masse ist -in ihrer großen' Mehrheit nicht revolutionär.. Sie sagen und denken so,, die bequemen Herren, weil sie eben das Wort nicht verstehen, nicht verstehen, daß Rußland in einem Umforrrjungs- \ pfozeß begriffen ist und eine reaktionäre Phalanx, das ganze Tschinovnikentum mit den schwarzen Cadres, diesen Prozeß hemmt, daß es straffe Zusammenfassung aller fortschrittlichen Elemente* gilt und daß. demnach die einzige Aufgabe ist und bleibt: die Oberwindung des Abgelebten, Faulen, Morschen. Die Juden dürfen das unbestrittene Recht für sich in Anspruch nehmen, diesem Prozeß ihre volle Kraft gegeben zu haben. Nun. gehören ja die »Friedlichen Erneuerer" nicht zu den Rabenschwarzen, — sie sind etwabrünett. Aber diese Nuance ändert nichts. -Das Programm mag noch so refonnatorisch klingen: hier kommt das Zolasche Wort zur Geltung: gesehen durch ein anderes Temperament Die Programme und die Gemeinplätze.sind tausend- - mal geschrieben, gedruckt gesprochen worden, - sie verflattern und. zerfließen.in nichts.. Gegen das Bollwerk der Reaktion sind (fiese Papierdrachen ein Kinderspiel. Das Entschiedene, das Mann-. hafte, die Wucht des tatkräftigen, Fortschritts, das rücksichtslose, \ nötigenfalls auch brutale Aufrolled der. Gegensätze, — das ist es, i was das Revolutionäre ausmacht .'Mehr als die Menschen ist es l: die ^eit: Die Krise bat -den Zenitpunkt erreicht, und da gibt's kein | Ueuimüligef „Kuhhandel* ge- |: titniR^£^ rjierin unterscheidet sich die Stimmung der "ungewöhnlichen Zeit von den alltäglichen, normalen Stimmungen. Jahrzehnte, ja Jahrhunderte vergehen, bis sich eine solche Stimmung als Produkt alles Voraus-- gegangenen herausbildet, uncj naiv ist es, sie den Juden in die* Schuhe zu schieben oder sie von ihren Rockschößen abstreifen zu wollen. Die abmarschierenden Gemeindevorsteher haben recht, "daß die Mehrheit der jüdischen Masse nicht revolutionär ist. Sie ist passiv, wie die'Mehrheit jeder Masse. aber dieser Teil zählt nicht mit." Der Teil, der Bedeutung hat, steht nicht im Bannkreise der „Friedlichen Erneuerer". Daran soll man nicht mäkeln, es ist natürliche Notwendigkeit, eine Folge von tausend Ursachen. Wir gehören nicht zu den Optimisten, die den russischen Umformungsprozeß als die endgültige Lösung der Judenfrage betrachten. Einen modus vivendi kann dieser Prozeß anbahnen, eine Linderung, die noch mit großen Kämpfen verbundenist. Aber weder die ledernen Bureaukraten noch' die opportunistisch-konservativen „Friedlichen Erneuerer" werden den Berg der Ausnahmegesetze von.uns abwälzen. Es ist eine Arbeit für Männer, für Ganze, für Starke. Und deshalb wäre der Abmarsch irgendeiner jüdischen Gruppe zur Partei der „Friedlichen** eine kurzlebige Torheit, ein tragikomisches Intermezzo. KoJo olskle" nat'ona,'st?scne Sammelsurium hat.sich.in Polen " p zusammengefunden. Der feindseligen Worte sind genug gewechselt — nunmehr heißt's: „Pack schlägt sich. Pack verträgt sich". Gilt es doch die Abwehr einer gemeinsamen Gefahr, die Abwehr des Anpralls der Fremden. ' Nationalistische Demokratie i'N. D.) und Polnische Fortschrittspartei iP. P. P.) scheuen sich zwar beide noch, offen mit der Sprache herauszugehen und zu bekennen, daß sie im Grunde genommen nur-ein Herz und eine Seele sind» in Wirklichkeit ist aber der ganze Zweck des Spiels, das auf der Bühne des Parteilebens noch fortgespielt wird, leerer Schein, berechnet auf die Täuschung der Uneingeweihten. Die Wissenden stehen bereits lächelnd als Auguren zusammen und kennen nur noch die eine gemeinschaftliche Sorge um die Integrität des zukünftigen „Kolo Polskie" (Polnischer Ring) in der Duma. So bezeichnen sie ihr Bestreben, in Wahrheit liegt ihnen nur die Alleinherrschaft der- Polnisch-Nationalen am Herzen, die sie als Privilegierte nicht missen wollen, mögen sie sich' nun zur nationalistischen Demokratie' bekennen oder zum polnischen „Fortschritt". Sind sie doch sogar einig in Warschau, also da, wo die gegenseitige. Eifersucht am. stärksten entbranntwar. Die Kompromiß-Zeitung Sygietynski's und der kompromiß-gestimmte „Gonrec" wissen nicht Worte genug zu machen, wenn es gilt, sich gegen die Zumutung antisemitischer Neigungen zu verwahren. Das ist das Stichwort, mit dem man die leichtgläubigen Juden zur Mitfolge zu verleiten sucht. Aber waren nicht die Nationaldemokraten durch und durch' antisemitisch und hetzten sie nicht bei den letzten Dumawahlen mit PogTom.drohungen ganz offen gegen die Juden? Und wie konnte eine „Fortschrittsparteisich mit solchen Reaktionären verschmelzen? Wer etwa noch naiv genug an prinzipielle Spaltungen zwischen den »mehr4* oder«weniger" nationalistischen Parteiformationen glauben wollte, hat volle Gelegenheit, sich eines Besseren zu belehren, wenn, er sich die'polnischen Parteienin ihrer Stellung — nicht- 2un: Abstraktum der Jndedgleichberechtigung, sondern zum Korikretum der Judenwahlen für die Duma — im Lichte der neuesten Vorkommnisse bei den Wahlvorbereitungen ansieht. Von Feindseligkeit spürt man da blutwenig, obwohl es zu einem Aufeinanderplatzen von Gegensätzen wahrhaftig nicht an.:Zündstoff gefehlt hätte. Die Frage der-jüdischen Mandate war so ein Anlaß. Sollten doch logischerweise 6-^-7 Juden aus Polen in die Duma gewählt werden. ,Die Nationaldemokraten, die seinerzeit bei Gelegenheit der ersten'Wahlen-sich gegen die Juden abwehrend verhalten zu sollen glaubten, waren diesmal der Meinung,* irgend ein Konzessiönchen machen zu müssen- Bs ist so leicht,: bliese Taktik zu durchschauen. Man'möchte 'gern irgend*einen «K'

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