Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316239--48847-3317613- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m DFE3|k LT No. 52 POLITISCHE REVUE Der Wahlkampf zur Reicbstagswaht hat be- Die Rclchatagswahl goimciuund Politiker und Journalisten haben gute Zeit Die Wahlartikel fällen die Blatter, und auch die jüdischen Zeitungen haben zur Reichstagswahl Stellung genommen, d. h. sie haben sich darüber ausgelassen, welche Kandidaten die Juden nicht wählen sollen. Im übrigen begnügen sie sieji mit der Feststellung, daß die deutsche Judenheft als ein aus heterogenen Elementen zusammengesetztes Gebilde sich auf eine einheitliche Wahlparole nicht festlegen lassen könne. Es ist immerhin interessant, daß die jüdischen Zeitungen s?ch überhaupt — und zum größten Teile sehr eingehend — mit 'dieser innerpolitischen Frage beschäftigen und konstatieren, daß die Reichstagswahlen für die deutschen Juden nicht nur als Staatsbürger und Angehörige irgendwelcher Partei richtungen. sondern auch ab Juden großes Interesse haben. Wir erinnern uns noch sehr gut der Zeit, wo ein solcher Standpunkt ganz und gar verpönt war, wo man mit einem gewissen Elan in allen Wahlangelegenheifen jedes jüdische Interesse weit von sich wies und sich etwas darauf zugute tat, lediglich als deutscher Staatsbürger und guter Patriot seinen Stimmzettel abzugeben. Damals konnte es noch vorkommen, daß Juden offiziell für den antisemitischen Kandidaten eintraten, um die Wahl des. „staatsgefährlichen" Sozialdemokraten zu .verhindern, und wir Zionisteri dürfen es wohl unserer Tätigkeit zuschreiben, wenn .heute das jüdische Selbstbewußtsein solch knechtische Handlangerdienste von sich weist. Das „Wählt niemals den Antisemiten!- geht durch die Wahlbetrachtungen aller jüdischen Zeitungen, mit Ausnahme, natürlich der. Allgemeinen Zeitung des Judentums,* die diese Mahnung über dem .selbstverständlichen?Werberuf. für die Parteien, „auf die wir zunächst rechnen müssen", vergißt* Und schon finden wir auch das „Wählt unter allen Umstanden gegen die Antisemiten!" und das „Wählt keinen getauften Juden!*. Wir möchten es nicht zu hoch einschätzen, daß endlich auch für die deutschen Juden die selbstverständlichsten Anforderungen der Selbstachtung Geltung haben sollen, und wir wissen sehr wohl, daß -erst noch die Probe aufs Exempel gemacht werden muß, ob wirklich 'der liberale jüdische Wähler seihe Stimme lieber gegen den freisinnigen Kandidaten abgibt, ehe er einem Dr. Mugdan und seinen getauften Glaubensbrüderh ins Parlament verhilft. Wir wissen auch, daß noch abzuwarten ist* welche Stellungnahme der „Verband deutscher^ Juden" *und der „Zentralverein deutscher . Staatsbürger jüdischen Glaubens" gerade in solchen Fällen einnehmen werden, wo es sich darum handelt die Juden zu veranlassen, so zu wählen, xnt es ihre'Würde und ihre Interessen verlangen, .auch da, wo dem * jujti&emitiscfaen c^ler konservativ-antisemitischen Regierungskandidaten ^und dem getauften jüdischen Freisinnskandidaten ein Sozialdemokrat oder ein. nicht antisemitischer Zentrumsmann gegenübersteht Bisher £haben die Offiziösen der deutschen ^Judenheit in solchen Fällen ■Jimmer versagt Sie holten immer noch mit Vorliebe die Kastanien Vfür andere aus dem Feuer und verbrannten sieh* ihre Finger, weil £';sie den,Vorwurf der jüdischen Unterstützung der „Umstürze-Parteien : scheuten, und weil sie es nicht wagten, mit der Tradition zu brechen, ^ie das deutsche Judentum nun einmal in das freisinnige Lager i^rssf-m einer Partei, die jüdische Vertreter nur gezwungen wählt £Und nur unter.der Bedingung,; daß-sie in jüdischen Angelegenheiten ^finen^ Mund, nicht, au tun. Und darum kann.es gar. nicht nachgärÜcklich genug betont werden, daß der Konflikt zwischen Re- und Zentrum, der die . Reichstagsaullösung verursacht JSr ' .deutschen Juden nur^ problematische' Bedeutung %P&/Z&1pim, juV di e Partei einer religiösen Minderheit, |^:.fTpreränr und wird sie nicht zur Alleinherr- ^M^^^iS^fl^^'-^i'-J---^ A-l-iTu l** V- ^"r'i-. Schaft gelangt, und das ist vorderhand nicht zu erwarten .V Eine Stärkung der Regierungsmehrheit aber, respektive eine Stärkung des konservativen und nationalliberalen Einflüsse* auf Kosten des Zentrums oder der Sozialdemokratie würde gleichzeitig eine Stärkung der antijüdischen Reaktion bedeuten, die wahrlich schon stark genug ist Und der Freisinn wird im besten Falle niemals so stark werden, um die Juden ein für allemal gegen etwaige antisemitische Gelüste der Regierung oder des Zentrums zu schützen, die bei dieser Partei. in starkem Maße zum Ausdruck kommen werden, wenn vielleicht das deutsche Judentum geschlossen der Regierungsparole „gegen das Zentrum" folgen sollte. Und das ist wohl jedem klar, daß. wie die Entscheidung auch fallen möge, das Zentrum sehr geschwächt aus dieser Wahl nicht hervorgehen wird und jedenfalls für lange Zeit noch zu den ersten Faktoren einer deutschen Politik gezählt werden muß. Zwar wird bei der diesjährigen Wahl,die „nationale" Trommel mit besonderem Nachdruck gerührt» aber jeder Einsichtige weiß, daß der Kolonialetat nicht das Karnickel ist, um dessentwillen Regierung und Zentrum nicht einig werden könnten. Und ehe die deutschen Juden sich blindlings für Herrn Demburg opfern, der uns dadurch nicht wertvoller wird, weil sein Großvater es vorgezogen hat. die Karriere seines Enkels durch einen OberzeugungsWechsel zu ebnen, oder ehe sie sich» auf Gnade und Ungnade der. Opposition in die Arme werfen, von. der sie bisher auch nur verdammt wenig gehabt haben, sollten sie sich doch einmal verständig und nüchtern darüber klar werden, ob es nicht möglich wäre, auch die spezifischen Interessen der deutschen Judenheit bei dieser Wahl zur Geltung zu bringen. Wir wissen, daß die berühmte „Hintertreppenpalitik" des Zentrums ihr Gegengewicht" hatte in der konservativen Nebenregierung des „Evangelischen Bundes", daß weder Katholiken noch Protestanten sich scheuen, ihre Interessen in allen Fragen in den Vordergrund zu stellen, und es ist kein Grund einzusehen, warum den Juden das nicht recht sein sollte, was Katholiken und Protestanten billig ist. Wir verlangen, nicht eine jüdische "Partei, aber-wir verlangen, daß die deutschen Juden sich endlich darauf besinnen, daß sie außer dem Kampfe gegen den Antisemitismus noch jüdische Interessen zu vertreten haben. wird, ja wohl angesichts des vollständigen Mangels einer Organisation der deutschen Juden nicht möglich sein, die Judenheit Deutschlands bis zu den Wahlen unter "einen Hut zu bringen. Aber die deutschen Ju'den sollten sich" doch darüber klar werden, daß ihre Stimmen bei dieser Wahl außerordentlich wichtig sind. - Wenn die Regierung Zentrum und Sozialdemokratie auch nur einige Sitze^eiitreißen will, hat jede Stimme für sie eine ganz besondere Bedeutung, und die Regierung spielt va banque. Und' den beiden Parteien, der .Opposition geht es nicht anders. Wenn je. so ist jetzt der Augenblick, jüdische Interessen zur Geltung zu bringen und dem deutschen Judentum die Vertretung zu schaffen, die ihm nach seiner wirtschaftlichen und geistigen Struktur gebührt und die es dringend genug nötig hat.. Für die Regierung wie für die Opposition sind die jüdischen Stimmen von .der größten Bedeutung; beide, werden bereit sein, dem, der ^entschlossen auftritt Zugeständnisse zu machen. Wir sind gespannt ob . die beiden politischen Vertretungen der deutschen Juden, der »Verband der deutschen Juden* und der nZentralverein", den Moment ergreifen und die Gelegenheit benutzen werden, dem deutschen Judentum endlich die politischen Dienste zu erweisen, dieses von ihnen schon lange ungeduldig erwartet Noch mal«: Juden and „Friedriche Erneuerer" ^f*®? .?£ . . - . \ die Nachricht durah die Blätter, eine kleine Gruppe Odessaer Juden hätte sieb