Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 43 (9.4.1839)
- Date
- 1839-04-09
- Page
- Seite 173 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3225013-3225057--01776-3315688- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
173 erwachen wieder; ihr greller Mißton beginnt einen einlullenden Chor, der, wie die Dämone den Faust ein schläfern und ihn seiner Gewalt über den' lauernden Mephisto berauben, alle guten Geister, die im Volke sich regen, entkräften und unthätig machen soll, damit in starrer Mutlosigkeit das Ganze an sich selbst irre werde und verzweifle; indem es hoffend, für sein thatiges Wirken durch Entbürdung seiner schweren Lasten belohnt zu werden, mit der Rechten wieder aufgeladen bekömmt, was man mit der Linken ihm abnahm. Denn was sollen wir aus diesen Edikten machen, die in Unterfranken,, von der Regierung an Schwaben und Neuburg von den Standesherrn mit! solcher Energie erlassen werden? Soll daö eine Vorbereitung zur Emancipation sein? Soll dies der erste Schutt zur Erfüllung jener durch die Bundesakte den Juden gewordenen Versprechungen sein? Wahrlich, wir verstehen uns dankbar dazu, wo man nur immer langsam und mit' Vorsicht die Ketten alter Sklaverei uns abnimmt; wir verehren mit inniger Ehrfurcht die hochherzige Absicht unsers Monarchen, wie der Regenten allerandern Staaten, wenn sie die ganze Masse erst' durchdrungen wissen wollen von dem Geiste sittlicher Bisdüng und einer in Wahrheit begründeten Aufklärung, ehe sie das große Wort der Emancipation des jüdischen Volkes aussprechen; aber wird.denn durch so schreckliche Rückschritte der Fortschritt gefördert, zum Fortschritt ermuntert? Wird dadurch die Liebe zum Guten erböbet, oder das Mißtrauen in die gute Sache und ihren Erfolg genährt? Soll der Jude an immer neuen Anstrengungen, an immer neuen Opfern die Kräfte vergeuden, wenn er sieht,- daß alle Versuche zu besserm Erfolge scheitern, daß alle Bemühungen um eine erkleckliche Verbesserung zu nichts werden', ja, daß jeder Gedanke,. eine höhere Stufe auf der Lebensleiter zu erklimmen, ihn tief, und immer tiefer stürzt? Oder ist es wahr, will die Zeit zurück, zurück in ihre engherzige Adgranzung und Adschließung?. Will sie heraufbeschwören allen Spuk und alle Gespenster, daß sie mit geisterhafter, zauberischer Geschäftigkeit die ulten.Ghetti wiederaufbauen, in ihnen alle Magazine neu einrichten, in 'denen der Jude einen dreieckigen Hut, sammtne Hosen, ,seidne Strümpfe mir großen Schnallen, einen rorhen Rock mit großen Knöpfen, und zur Vollendung der Maskerade den alten Bart wieder erkaufen und wieder anthun soll? Nein, die Zeit ist um; furchtbar war das Grabgeläute, das jene Zeit in ihren längstgezimmerten Sarg senkte, und die neue hat eine solche ungeheure Masse augenblicklicher Folgen um sich aufgethürmt, daß es ein thörichtes Unternehmen wäre, gehen sie ankämpfen, sie durch successives, planmäßiges Gestalten in die Vergangenheit umwanveln zu wollen. Das wäre, als wollte, man den rüstiggewordenen Mann in die verwachsene Kmverjacke stecken und einzwangen; trotz allen Zusammenbeugens und Zusammenkrümmens wiro das vermoderte Kleid bald hier, bald »dorr reißen; die mannbare .Kraft, die man gebannt und eingeschlossen wähnte, zu allen sieben Löchern herausschaüen; und statt des schönen Ganzen, daS man vollendet zu haben glaubt, wird ein zerrissenes Fli'ckwcrk den Werkmeister höhnisch angrknsen, lächelnd und spottend, daß ein Mensch dem Weltenrade in die Speichen fallen und seinen ehernen Gang aufhalten wollte. Darum kann dies auch nicht die Willensmeinung der Regierungen sein, und ein Vergehen wäre es gegen die Ehrfurcht, die der treue Unterrhan seinem geliebten Herrscher schuldig ist, wollte er solchen Gedanken Raum geben, solchen Einflüsterungen Gehör schenken. Belletristik. 85t u chst ü ck aus: . .1^6 Roi des paysans par Jean Czynski. . (Fortsetzung). In diesem Augenblicke erhob sich der Bischof von Krakau, der die ganze Zeit ruhig auf seinem Lehüftuhl saß, uüd fragte 'den Kastellan, ob er ihm erlaubte, einige Worte an die Zeugen über das Gewicht eines Eides zu richten. ' Das vorgerückte Alter des Bischofs, seine Bescheidenheit, die mir der Hastigkeit des Paters Martin so sehr abstach, das Interesse, welches er an der Entdeckungder Wlrhrheit nahm, alles dieses vereinigte sich, die Zuhörer für ihn' eknzunebmen. Er stellte das Bild jener ersten Vater der Kirche dar, deren Lebenin vollkommner Uebereinstimmung mit den erhabenen Grundsätzen der Liebe war. . - In einer kurzen Anrede, setzte der ehrwürdige Bischof den Zeugen auseinander, wie leicht es ist, Menschen, zu täuschen, wie unmöglich, das höchste Wesen. Das Leben zweier Menschen, sagte er, hängt von einem Worte ab, welches ihr auszusprechen im Begriffe seid. Wenn Ihr in Eurer Seele und Gewissen glaubet, daß, die Angeklagten schuldig sind, wenn Ihr , sie das Verbrechen begehen sähet, so schwanket nicht, schwöret;'aber wenn Ihr dessen nicht gewiß seid, noch ist cs Zeit,.'haltet ein, widerrufet; wenn Ihr die Gerechtigkeit der Menschen täuschet, setzet Euch nicht der Gerechtigkeit Gottes aus. , — Beharret ihr, den Schwur zu leisten? fragte der' Kastellan das Weib. — Ich beharre. Nun sprach der Kastellan die gebräuchliche Formel aus, wiederholte die angeführte Thatsache, fragte das knieende Weib, ob sie.Gott zum Zeugen der Wahrheit ihrer Aussage nehme. — Ich nehme Gott zum Zeugen, daß ich die Wahrheit gesagt. In dem Saale ertönte ein düsteres Murmeln , welches zu gleicher Zeit das Mitgefühl für die Angeklagten und den Verlust aller Hoffnung ausdrückte.