Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 38 (28.3.1839)
- Date
- 1839-03-28
- Page
- Seite 153 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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155 — Man hat bemerkt, , daß die Spuren auf dem Schnee größer waren, als die Schuhe der Angeklagtem -— Was willdas sagen? Konnten sie nicht größere Schuhe nehmen, um den Verdacht abzuwenden? — Man hat andere Spuren, einen andern Schlitten, andere Pferde von der Seite des Klosters St. Dominik bemerkt. — Das waren die Spuren unsres eignen Schlittens; denn spater kehrten wir nach diesem Orte zurück, um zu beobachten, was vorging. — Habet Ihr Pferde? , — Nein, mein Herr; aber der ehrwürdige Pater Martin beauftragt uns bisweilen, Holz im Forste zu schlagen, und er erlaubt uns seine Pferde zu nehmen um die Last heimzufahren. Das war am Tage des Kindermordes der Fall. — Ihr hattet gesagt, Ihr seih zu Fuß hkngegangen? — Ja, am Morgen, sechs Uhr; aber um neun Uhr kehrten wir in den Wald zurück, auf dem Schlitten. Sv brachten die Anstrengungen Jacobs von Melchtin, anstatt den Angeklagten nützlich zu fein, nur nochmehr Verwirrung. Nur ein Ausweg blieb,für die Unglücklichenübrig. Der Kastellan vergaß ihn nicht. —- Ein Weib hat gesagt, daß das getödtete Kind todtgeboren worden,- und hat sich als Mutter desselben zu erkennen gegeben; wo ist dieses Weib? Bei dieser Frage warf Ben-Joseph, der bis dahin unbeweglich gestanden hatte, einen Blick gegen die Thüre, als wenn er gehofft, Gregoire und Marie eintceten zu sehen. Er glich dem Verurtheilten, der im Augenblicke, wo das Beil über ihn erhoben ist, einen verzweifelten Blick um sich wirft, ob Niemand mit seiner Begnadigung nahe.; Aber Niemand erschien, Niemand antwortete.. — Das ist eine List der . Juden, erwiedecte der Pater. Martin, die Bösewichter haben'diese Fabel erfunden. Einige Minuten vergingen noch im nutzlosen Warten. Da fragte der Kasteslan, ob sich kein Zeuge mehr finde, der das Wort nehmen wolle, in-dessen Ermangelung müsse die Untersuchung geschlossen werden. Keine Stimme antwortete; es herrschte ein solches Stillschweigen , daß , hatte, man hie Augen geschlossen, man glauben konntekeine Seele sek in dem am gefüllten Saale.. Auf Befehl des Präsidenten, wiederholte der öffentliche Ausrufer seine letztem Worte. Niemand wich von seiner Stelle. Sah man auf die Niedergeschlagenheit .der Richter, konnte man nicht zweifeln, sie haften es tausend Mal vorgezogen, Unschuldige loszusprechen, als Schuldige zu verurtheilen. Mehr um die gebräuchlichen Formeln zu erfüllen, als um neue Nachweisungen' zu erhalten, wandte sich der Kastellan an die Angeklagten, ob sie nichts gegen diese niederdrückenden Zeugenaussagen anzuführen hätten., Ja,, ja, ich will sprechen, rief Esterka aus, welche ihren .tiefen Unwillen nicht, mehr.zurückhalten -konnte./ Verläumdet, verlassen, bereit zu sterben, will.sie wenigstens ihren Anklägern, ihren Feinden all' die Verachtung in's Angesicht schleudern, dis sie ihr Anstößen. Ihre ersten Worten schon, konnten sie auch, nicht, die .Vorurtheile besiegen, nahmen mindestens die Aufmerksamkeit im höchsten Grade in Anspruch. Esterka, bie mehr Leichtigkeit , und Gedächtniß besaß, als ihr alter Vater, sprach die polnische Sprache vollkommen, ihre Stimme war rein und wohltönend; aufgeregt -wie sie in. diesem Augenblicke war, schweifte ihr. Blick über die Versammlung hin; ihre Stellung und Geberde waren voller Würde. Man war erstaunt über die gewichtigen, eines Gelehrten würdigen Worte,, welche aus diesem frischen und jugendlichen Munde kamen. Aber Esterka gehörte zu einem verfolgten Geschlechtedas Alles seinem Glauben opferte, war daran: gewöhnt, seit ihrer zartesten Jugend,•, nur allein die Bibel zu lesen, ernsthafte Gespräche-zu führen, schweren Diskussionen beizuwohnen, die den Glauben und die Lehre betrafen. Selbst neuerdings waren die geheimsten Gespräche mit Kasimir den gegenseitigen Vertheidigungen ihres Glaubens, der^ Bestreitung ihrer Glaubensartikel, der Widerlegung wechselseitiger Einreden, gewidmet. . ' . . — Meine Herren, sagte sie, nach einer so förmlichen Anklage, nach' einer so schamlosen Zeugenaussage, hoffe ich nicht die Richter zu rühmen, hoffe ich nicht sie zu überzeugen. Nichtsdestoweniger bekräftige ich, daß wir die Opfer der schwärzesten, der erbärmlichsten Perläumdung. sind.. Ich will Sie erinnern, was Sie besser wissen, als ich, an das' Schicksal' der ersten Christen unter den Heiden, .die sich vor Holz und Steine niederwarfen. Die Priester des Heidenthums fürchteten die neue Religion , ihre Fortschritte, betrachteten Eure.Väter als Feinde, und entschlossen sichsie zu vernichten. Da sie sahen ', daß 'die. Christen sich außer- .halb jedes Vorwurfes durchihr unschuldiges und friedliches Leben gestellt, verlaumdeten sie,' und erhoben gegen sie die schrecklichsten Anschuldigungen. Sie sagten, daß sie Heidenkindec opferten, daß ^sie Heidenblut bedürften zu ihren unreinen (Zeremonien. Ja, ja, meine Herren, dieselbe An-' klage, welche man gegen uns schmiedet, war eine Ursache des Mäctyrerthums Eurer Vater. Die Diener der falschen, Götter klagten sie an, erkaufte Zeugen bekräftigten die Anklage, /und das getäuschte Volk.erwürgte die Opfer, ver-