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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-03-21 · Heft 35 (21.3.1839) · p. Seite 139

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 35 (21.3.1839)
Date
1839-03-21
Page
Seite 139 (sequence 3)
Language
German
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159 aufzurichtcn? Ach^! er selbst zitterte; ganz und gar damit beschäftigt, dem auf den Sonntag der heil. Ursula bestimmten Blutbade zuvor zu kommen, hatte er der Instruirung des Prozcffes nicht folgen können; er hatte gar keine Maßregel ergreifen können, und sah die glühenden Feinde der Juden vereinigt, vorbereitet, trkumphicend. Der Pater Martin, vor Allen, strahlte vor Freuden, wirklich wünschte er. sich im Voraus Glück; es lag nichts daran, ob die Juden verurtheilt oder frei gesprochen würden; denn in letzterm Falle rechnete er auf den Unwillen des Volkes und auf das Blutbad am Sonntage. Auch der Pan von Wola war gegenwärtig, aber seine düstere Gestalt drückte keinen Gedanken aus, der auf die Vorgänge um ihn Bezug hätte; lächelt er bisweilen, so erräth man die erheuchelte Heiterkeit, wenig übereinstimmend mit dem bittern Gefühle seines Sturzes. Ben-Joseph bemerkt auch neue Zeugen, die nur Trauriges erwarten lassen; aber was ihn noch mehr erstaunt und erschreckt, das ist, Gregoiren nicht'zu sehen. Gregoire, den der König selbst zu einem der Richter bestimmt, ist abwesend, ist durch einen andern Richter ersetzt; der Mann, auf den er am > meisten gerechnet, fehlt ihm im Augenblicke der Gefahr; schon glaubt er in den Augen des Pater Martin die Freude zu lesen, daß Gregoire sein Opfer geworden; der Gedanke kam ihm nicht, daß sein Freund ihn habe verrathen oder im Stiche lassen können. — Darum denkt er mehr an die Rache als an die Rettung Ben-Himmels und Esterka's, denn ihre Rettung hängt nicht mehr von ihm ab. Er weiß, daß Kasimir über sie wacht, daß Vertraute im Saale sind, um ihn heimlich und alsbald von jedem Vorgänge zu unterrichten; aber er weiß auch, daß Kasimir mit aller seiner Macht die Wuth. des Volkes nicht aufhalten könnte, wenn die Anzeichen gegen die Angeklagten ausfallen, wenn die Richter sieverurtheilen würden. Der Präsident wollte eben das Wort nehmen, als Jedermann sich erhob, einem Greise Platz zu machen, der> bekleidet mit einer violetten Soutane, das Haupt mit Silberhaac bedeckt, mit gekrümmtem Körper, sich auf einen Stab stützend, und rechts und links grüßend, zu den Sitzen der Richter schritt, und einen Lehnstuhl einnahm, der für ihn bestimmt war. Es war der Bischof von Krakau, der dem Processe als bloßer Zuschauer beiwohnen wollte. Dem Pater Martin war der Anblick des ehrwürdigen Greises sehr zuwider; er Hatte bei ihm immer entgegengesetzte Ansichten gefunden, und vermochte aus ihm kein Werkzeug seiner Ränke zu machen — aber er verbarg sein Mißvergnügen, und Niemand machte jenem tiefere und wiederholtere Bücklinge. In der Zeit, welche wir hier beschreiben, glich die Proceßordnung in Nichts der unsrigen. Anklage, Instruirung und Vertheidigung waren noch nicht von unzähligen Formalitäten umgeben, die in Wahrheit einzwängend, aher doch für das Gewissen des Richters beruhigend sind; Alles war dem guten Willen des Richters überlassen, der Ankläger, Untersucher und Vertheidiger zugleich war. Ec konnte die Sache führen, wie es ihm gut schien; man staune daher nicht, wenn der Kastellan, indem er die Audienz eröffnete, damit ansing, womit man heut zu Tage aufhört. — Jude, sagte er zu dem Greise, was hast Du zu Deiner Vertheidigung anzuführen? — Da er aber bemerkte, daß diese hastige Frage den Angeklagten verwirrte, fügte er wohlwollend hinzu: Sei ohne Furcht, wir sind nicht Deine Feinde, wir sind Deine Richter; wir werden unpartheiisch Alles prüfen, was auf Deine Rechtfertigung Einfluß haben kann. Ben - Himmel erholte sich von seiner Bestürzung, und begann die Anklage zu widerlegen; aber kaum hatte er einige Sätze hervorgebracht, als alle -Welt in ein Lachen bis zu Thränen ausbrach, und man lachte um so mehr, je mehr man Anfangs versucht hatte, sich zurückzuhalten. Richter, Zuhörer, Wachen, Alle lachten ohne Ausnahme. Vergebens versuchte der Präsident die Ruhe wiedecherzustellen, er selbst konnte sich nicht bezwingen, und stimmte mit den Uebrigen ein. Der arme Jude konnte sich nur schwer in der polnischen Sprache ausdrücken, er irrte sich in den Wörtern, verstümmelte die Sätze, schob fremde Wörter ein, vermengte die Geschlechter, Er hatte, in seinem Unglück, Mitleid erregen wollen, und hatte nur allgemeines Gelachter erwecken können. — Sie lachen, meine Herren, sagte er als die Ruhe endlich wieder hergestellt war, Sie lachen , während ich in einigen Augenblicken vielleicht den Henkern überliefert werde, weil ich meine-Unschuld nicht auseinandeczusetzen verstand; aus Rücksicht, auf meine traurige Lage sollten Sie nachsichtiger sein, und vielleicht werden Sie es sein, wenn ich ihnen zeigen könnte, warum ich so schlecht die Sprache des Landes kenne, das ich bewohne. Der rührende Ton, in welchem der Jude diese Worte ausspcach, nahm die Zuhörer für ihn ein; man lachte nicht mehr, man hörte ihn an, man,half ihm die Worte finden, die er suchte. — Sprich, sprich, vertheidkge Dich, wiederholte der Kastellan. . - — Meine ganze Vertheidigung besteht in der Geschichte meines Lebens, mein Herr; höret sie an, sie ist nicht lang. (Fortsetzung folgt.)

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