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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-03-21 · Heft 35 (21.3.1839) · p. Seite 140

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 35 (21.3.1839)
Date
1839-03-21
Page
Seite 140 (sequence 4)
Language
German
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140 Ein Lltersitnrbrief. (Schluß auö No. 6.) Nunmehr zieht sich wieder der Geist des Schaffens zusammen, und nimmt eine untergeordnetere Stellung ein , die Autorität des Gegebenen überragt ihn. Er beschränkt sich auf die Anerkennung, daß das Judenthum sich rechtfertigen muß, und in dieser Rechtfertigung seine Existenz findet. .Er will das Gegebene, selbst in den letzten Enden.seiner Verzweigung, unangetastet'haben, aber er bemüht sich, die ihm zu Grunde liegenden Ideen aufzufinden und zu. schaffen. Er findet das Heil und den Zweck Israels nur in dem unverrückten Gegebenen, das ihm aber erklärt werden müsse, aber auch wenn es stellenweise nicht erklärt. werden könnte, bleiben müsse. Er producirt nur noch im Scharfsinn, er legt das Quecksilber unter das Glas, um einen Spiegel - zu haben. — Noch enger, und der Geist des Schaffens lebt nur noch, um dem Gegebenen eine gewisse neuere Form zu geben, in welchem es noch heute auftreten könne, es zu verdeutschen. — Dies sind,,mein Freund, die Modificationen, in die sich die Lebensbewegungen im jetzigen Judenthums gebracht haben. Einige dieser Richtungen sind schon zum.Theil zurückgetreten und werden.schwächer verfolgt, aber sie sind alle noch vorhanden, und selbst von einem jeweiligen Stillschweigen könnte man auf Ende noch nicht schließen, da bei der Vereinzelung der jüdischen Masse und Lehrer die öffentliche Aussprache immer eine Zeit lang verbleiben kann. Sie haben mich nur um den Geist, um die.Gedanken der jüdischen Liter'amr gefragt, sonst würde ich Ihnen auch noch nachruweisen versuchen, wie weit diese verschiedenen Richtungen in der Masse und im Leben ihren Anklang finden. Freilich hangt dies auch vielfach davon ab, wie groß die geniale Kraft, mit der die einzelne Richtung ausgegriffen und auögeführt wird. Wohl aber bleibt eö mir noch übrig, einige untergeordnetere Richtungen zu charakterisiren. Nicht zu übergehen ist eine, wenn auch nicht zahlreiche, aber doch durch einige jüdische Gelehrten repräsentirte Partei, welche, im Judenthume nur etwas Zufälliges findend, ohne einen höhern Begrips desselben, ohne ein tieferes Gefühl für dasselbe, ohne ein Bedürfniß und eine Befriedigung in ihm zu finden , sich seiner Geschichte bemächtigt hat, und sie theilS vom literarischen, theils vom politischen, jedenfalls äußerlichen Standpunkte, als den ganzen Inhalt bearbeitet. Wohl zu unterscheiden, nicht die, welche jeweilig einen literarischen und historischen Gegenstand verfolgen, ohne gerade den allgemeinen Bezug aufzugreifen, sind hierher zu rechnen: sondern die, welche, nach der Art der Geschichtsschreibung im vorigen Jahrhundert, in der Ge, schichte Israels nur eine Aufhäufung einzelner Fakta, um deren Berichtigung sie sich immerhin große Verdienste erwerben können, sehen,t und weder einen höhern geistigen Zusammenhang schauen, noch überhaupt eine einige Tendenz darin erblicken. Es giebt deren, welche in der ganzen Geschichte Israels nur eine Geschichte deö Fanatismus, in der ganzen Masse der Juden nur einen Haufen Fanatiker sehen. Diese Richtung ist eigentlich die gefährlichste für das Judenthum. Denn innerhalb des Judenthumö kann nur' die Liebe und Begeisterung wirksam sein, weil jedes Andere nur tödtet. Durch diese wird die Laubeit und der JnsifferentiSmus erstarkt, weil sie diese historisch begründet, ihnen einen historischen Bestand schafft. Abseits von jenen tieferen Fragen des Judenthums wächst denn auch die Literatur jener Schriften immerfort an, die, den Unterricht der Jugend und die Belehrung der Masse im Auge, eine den Bedürfnissen dieser entsprechende systematische Form der! allgemeinen Religionslehren und Vorschriften bezwecken. Sie ha-! ben vom Judenthume die allgemeine Grundlage der Offenbarung und das Negiren dessen, was dieser widerspricht, weniger des Positiven. Dies ist der Vorwurf, den man ihnen noch immer macht. Insofern fördern sie daö Judenthum mehr in seinem allgemeinen Bestand, als in seiner Positivetat. Ein nicht geringer Vorschub ist dem neuern Judenthume dadurch geworden, daß ibm zwei Objekte für das Interesse der Masse gegeben sind, um sich an diesen zu erwärmen und zu fördern^ Sie sind das politische Verhaltniß der Juden und die Reform des Cultus. Sosehr in Hinsicht des erstern die Einhelligkeit der Forderung natürlich ist, so har doch die neueste Zeit diese Frage weniger als Abstraktum, sondern mehr von der praktischen Seite erfaßt. Die Masse ist zu dem Bewußtsein gekommen, daß in der bürgerlichen Gleichstellung nicht blvö eine Erlangung, sondern auch eine, Erwerbung liege, daß, wenn vom allgemein rechtlichen Standpunkte aus sie uns gegeben werden muß, es auch an unö ist, durch die weitest mögliche Theilnahme am bürgerlichen Gewerbsleben, an allen bürgerlichen Akten, am Gemeingeist, sie zu erob ern. Die Literatur ist geschäftig, diese Ansicht zu' wecken und zu stärken. — Die Reform des Kultus greift natürlich mehr in das Leben ein, aber, da auch die Literatur sich häufig mit ihr beschäftigt, müssen wir hier einen Blick darauf werfen. Es versteht sich von selbst, daß Vieles aus der Reform deS Kultus in daS Gebier der oben aufgestellten theologischen Fragest und Richtungen gehört und von ihnen abhängig ist. Daher diese sich in ( jener wiederum abspiegeln. Aber nicht Alles. Indem man nämlich darauf gekommen ist, die vielfachen Verschiedenheiten der einzelnen jüdischen Ritusse nebeneinander zu stellen, ergiebt es sich, daß im Kultus von jeher eine gewisse Freiheit stattgesunden, und Vieles im Cultus eine'ganz junge Gestaltung ist, vie nach dem Bedürfniß der Zeit beseitigt werden kann,, ohne die Fragen der eigentlichen Theologie auf das Gebiet des Kultus übertragen zu müssen.- Nun dünkt es mich, daß die Phasen der gegenwärtigen Lebensbcwegu ng im Judenthume wohl aufgestellt sind, die Logik vermag sich keine mehr zu erdenken, die noch fehle, aber das Genie und die Zeit können dies wohl. . Jndeß darf ich nicht verfehlen, daß die meisten derselben der tüchtigen Durchführung noch ermangeln. Bei dem Mangel an. jeder Concemration, bei der Dürftigkeit der äußeren Mittel, die der jüdischen Theologie zu Gebote stehen, bei den vielfachen Hemmnissen, die ihr entgegcnstehen, bei den vielen Kräften, die auf die Polemik verwendet werden müssenläßt sich dies auch nicht anders ^erwarten. — Das aber gestehe ich, daß, wo Andere nur Zerrüttung und Zerwürfniß sehen, mir nur eine frische, jugendliche Entfaltung erscheint, deren Reife uns schon zum Ziele bringen wird, soweit menschliche Bestrebung zum Ziele kommt, da in dem Ziele immer wieder eine neue Bahn eröffnet wird. Ich kann daher nur mit Beruhigung auf die Zukunft sehen, wo Andere über Zerfallen und drohende Zersetzung klagen. Die Geschichte lehrt uns, daß solche Krisen nur neues Leben in die. Adern gießen, und so die eigentliche Nothwendigkeit und Ursache des Fortlebens geben. Redacteur; De. L. Phtlippfon. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hiefchfeld.

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