Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 29 (7.3.1839)
- Date
- 1839-03-07
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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114 —. Im Dezember des vorigen Jahres erschien hier ein Werk eines polnischen Flüchtlings, des Herrn Johann Czynski, welches die.Aufmerksamkeit der Allg. Zeit, des Juo. in hohem Maße verdient, und worüber Sie mir einige vorläufige Bemerkungen erlauben werden. — Eine Bemerkung, welche diejenigen, die mit den französischen liberalen Journalen der Restauration und den in der letzten Zeit von sogenannten, deutschen Liberalen veröffentlichten Schriften vertraut sind, machen werden, ist, daß sich in diesen viel häufiger Angriffe gegen die'Juden finden als in den Schriften der Männer des Statu quo. Gewiß scheint dies eine Anomalie; man vergißt, daß, .wenn man. Ausnahmen, Kategorieen macht, man aufhöct, liberal zu sein — aber wahr ist es nichts desto weniger*). — Und was hat man nicht, erst von den unglücklichen Juden Polens gesagt? Wir wollen nicht die Fehler ableugnen, die in diesen den menschlichen Charakter entstellen mögen; aber wir wollen nicht, daß, anstatl sie zu bedauern, man sie brandmarke. Wenn sie Fehler haben, so -ist es die Frucht langer Verfolgung. Jude und Leibeigner, .wie viel Erniedrigung liegt in diesem Worte! Es ist demnächst der Akt einer hohen Menschenliebe, die polnischen Juden unter einem günstigem Lichte zu zeigen; zur Kenntniß zu bringen, was an^ Hingebung, Eifer, großmüthigen 'Opfern in dieser großen Menschenklaffe zu finden, welche das Unglück niederwerfen, aber nicht vernichten konnte. Dies ist die Aufgabe, welche sich Hr. Czynski gesetzt. Selbst Pole, aber Christ, hat er die Sache der Juden ergriffen, die auch zur Menschheit gehören, ein Wort, welches gewisse Schriftsteller beständig im Munde' führen, ohne sich zu sagen, daß die Juden auch einen Theil derselben ausmachen. Aus seinem Vaterlande entfernt, theilt er die Vorurtheile gegen die Juden nicht, von denen so viele seiner Landsleute voll und voll sind; er hat' nicht vergessen, daß die Polen zwei Millionen Juden außerhalb der Emancipation setzten, und dennoch von ihnen Opfer gegen einen gütigem Herrscher verlangten. In jedem seiner interessanten Romane, hat Herr Czynski die Juden in einem günstigen Lichte gezeigt, worin sie ihm erschienen. In einer Schrift: les Juifs polonais hat er die Frage über ihre Emancipation auf eine Weise behandelt, welche alle Einwürfe entfernt. Wenn jemals dieser Tag ihrer Emancipation kommt, so werden sie große Verpflichtungen gegen diesen großmüthigen Schriftsteller haben. Arbeitsam, mit seinen Studien beschäftigt, will ec uns auf ruhige, Niemanoen störende Weise die Sitten Rußlands und Polens kennen lehren. In diesen Gemälden vergißt ec nicht', Interesse für die Juden seines Vaterlands einzuflößen. Vor allem ist er nun in seinem neuesten Wecke: Io Roi des paysans, diesem Grundsätze treu geblieben. .Man weiß, daß dies tm Titel ist, welchen Kasimir HI. oder der Große, König von Polen (1333 — 70), Sohn des Ulidaslas Loketek, sich durch die väterliche Sorgfalt, die er der.unglücklichsten Klaffe seiner Urrterthanen, dem Bauernstände widmete, verdiente. Man weiß auch, daß in der Zahl seiner Maitressen sich die schöne Jüdin Esther befand. Diese hat Herr Czynski nicht nach der Geschichte gezeichnet, nach, welcher sie für ihre Glaubensgenossen mehrere Freiheiten erlangte; er stellt sie darberauscht von dem Stolze, die Konkubine eines Königs zu sein;, sie schämt sich ihres Vaters,' welcher sie verfluchend stirbt. Herr Czynski' wird seine Gründe dafür gehabt haben, und ist uns nichts daran gelegen. Aber um dieses Faktum gruppirt,ec das Gemälde des Elends der Juden Polens in dieser Zeit; der zahlreichen Blutbade, die unter ihnen angerichtet wurden, der ungerechten Anklagen, von denen ein deutscher Journalist von 1838 nicht scheute eine zu erneuern. 'Eben so zeichnet er. unpartheiisch die ,Größe wie die Schwachen und Niedrigkeit des Adels und der Priester damaliger Zeit, einerseits in dem köstlichen Muster der Liebendem Bischof von Krakau und dem herrlichen Jakob von 'Melchtin, andrerseits in dem Pan von Dola und dem Priester Martin. Aber der wirkliche Held des Romans ist Ben-Joseph, eine imaginaire Person, welche in sich alle die edlen Eigenschaften, deren die polnischen Juden fähig sind, vereinigt. Ehre dem Herrn Czynski l Welchen schönem Gebrauch kann man vom Talente machen, als füt das Unglück zu streiten? Herr Czynski hat die Worte Virgils nicht vergessen: non ignara Mali, miseris succurrere disco. 8. Cahen. °) 2öir können uns nicht versagen, um das obige Urtheil als motivirt zu erweisen, eine Stelle aus der Vorrede des uns so eben zugekommenen Werkes p. XVI. hier zu übertragen: „Beklagend'das Schicksal der Massen in diesen Ländern, habe ich nicht die unglücklichen Israeliten vergessen können, deren Aahl in Polen sich auf drei Millionen (?) beläuft. Niemals ward ein Volk mehr erniedrigt, mehr verachtet, meor verfolgt. Frankreich und einige andere Staaten bieten ihnen ein Vaterland und den Schutz der Gesetze. In vielen andern Ländern sind sie noch immer Opfer religiöser Vorurtheile. Selbst daö Vaterland Sbakespeare's betrachtet sie noch beute als ein Geschlecht der Ausschließung, unwürdig, die gemeinsamen Rechte zu genießen ff." — „In dem Roi des paysans habe ich versucht, diesen unglücklichen Stamm an der^Seite eines musterhaften Königs zu schildern. Ich habe in einem israelitischen Helden all' das Unglück, all' die Standhaftigkeit, all' die HülfSquellen und Hoffnungen diese», über die Erde zerstreuten, aber durch Einigkeit festen Stammes zu pcrsonifizircn gesucht ff." „Meine Beobachtungen sind' durch einen meiner Landsleute und Freunde, der einen großen Theil seines Lebens unter den Juden LitthauenS verbracht,' und sein Leben fie zu studiren und ihnen nützlich zu sein, bestimmt hat, bekräftigt worden. Er hat mir versichert, durch Tatsachen versichert, alles was groß, gut und mächtig ist in diesem eines bessern Looses würdigen Volke. Meine Arbeit wird wenigstens das Verdienst des Apropos haben, da die Emanzipationsfrage der Juden in Deutschland und England an der Tagesordnung ist." — Wir werden eine genauere Analyse der Arbeit des Herrn Czynski recht bald liefern. A-, b { ") Wer unfern Jahresbericht über 1638 gelesen, wird einigen Aufschluß hierüber finden.! Redakt.