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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-03-05 · Heft 28 (5.3.1839) · p. Seite 111

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 28 (5.3.1839)
Date
1839-03-05
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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111 Kritik zu hemmen im Stande seid; wird sie, — die ja schon die Hälfte des Jesaias Ln die nachexilische Zeit -versetzt hat, — nicht am Ende auch noch andre prophetische Urkunden, mithin die Urkunden, welche, nach «eurer Ansicht, die ausschließliche Basis des ganzen Iudenthums sind, als m viel spaterer Zeit abgefaßt darstellend AHird dadurch aber nicht das, geoffenbarte 'Judenthum, seiner uralten Wurzel beraubt,, in den Augen der Menge', bei welcher Alter und Herkommen immer eine heilige, unvertilgbare Macht ausüben, an Ehrwürdigkeit verlieren? — Muß es allerdings das Streben des denkenden Mannes sein, auch in religiösen Dingen die Untersuchung nicht zu scheuen und selbst die höchsten Wahrheiten der Religion erst nach sorgfältiger und vielseitiger Prüfung anzunehmen, um ihnen sodann mit um so innigerer Ueberzeugung anhangen' zu können, so dürfte dieß doch wol nicht die Aufgabe des ganzen Volkes sein! — Kann Alles aus lauter Denkglaubigen bestehen? — tPSiaa vp 'blD Vp i'v war ja leider schon bei Moses nur frommer Wunsch! — Was thut ihr mit Denen, die nun einmal gewisse Ceremonien und Formen von der Ausübung Aer religiösen Pflichten nicht trennen können? Sind Diese, wenn sie sonst reinsittlich und gut handeln, minder würdige Söhne Abrahams? — „Nun ja," versetzt Ihr, „wir geben ja das Fortbestehen einiger zeitgemäß anregender Formen zu,, für schwache Gemüther ist somst gesorgt!" Aber wir fragen, worin sollen diese „zeitgemäßen Formen bestehen? Wet soll die Autorität haben sie festzusetzen und nach den vielleicht bald wechselnden Bedürfnissen der Zeit wieder aufzuheben oder anderweit zu modifiziren? Denn'was uns .heute zeitgemäß dünkt, kann ja morgen wieder aufhören es zu sein? — nsa '*tr p — „Alles zugegeben," wendet ihr ein, „es. kann aber nichts helfen, die jetzt bestehenden Formen und Ceremonken des Judenthums sind für das praktische Leben zu beengend, ihre Ausübung unter vielen Verhältnissen gradehin unmöglich geworden, sie können nicht beibehalten werden. Ein großer Theil der jetztlebenden Israeliten setzt sich ohnehin darüber hinweg; um - einer völligen anarchischen Auflösung zuvorzukommen ist.es also besser, .man hebt sie gesetzlich auf!" — Wenn nun allerdings die pünktliche Ausübung aller uns überkommenen Ceremonialgesetze unter den jetzigen Verhältnissen mit mancherlei Schwierigkeit verknüpft ist, und.dieser Gegenstand die reiflichste Erwägung von Seiten aller denkenden und gewissenhaften Israeliten verdient, so fragt sich's jedoch, ob das von euch.angegebene Mittel das Richtige sei?. Ob durch eine solche doktrinelle AusWung oder Modisizirung. en masse, wie ihr sie vorschlaget, jene Schwierig^ keiten beseitigt und nicht vielmehr wieder andre hervorgerufen werden? Wer bürgt uns, daß mit Aufhebung der Formen blos die Formen fallen, und nicht vom Wesen der israelitischen Religion Manches verloren gehe? — Könnten nicht, bei dem überhand genommenen Jndifferentismus, Viele in Versuchung gecathen nach weggeworfener Schale auch den Kern . 'anzutasten oder — ohne Bild zu sprechen —- aus dem Judenthüme ganz heraus zu treten, wie die Erfahrung der letzten 40—50 Jahre genugsam beweist? Zumal darf man hierbei bei unserer noch nicht vollendeten Emanzipation die politischen Anlässe nicht vergessen. Nimmt man dem JndiffecentiSmus den Nimbus seiner Religion, so neigt er sich dahin, wo ihm größerer bürgerlicher Vortheil winkt. — Wie wir uns nun von jenen allerdings in der edelsten Absicht unternommenen Versuchenein ideales Judenthum im Sinne der Propheten heczustellen, mit Bedauern abwenden müssen, — mit Bedauern, sagen wir, weil es von der Unvollkommenheit der menschlichen Natur zeugt, daß es so selten gelingt schöne, erhebende Ideale in dle Wirklichkeit zu verpflanzen, — eben so wenig mögen wir mit der entgegengesetzten Ansicht uns befreunden, welche, wie bereits im Eingänge angedeutet wurde, den, ganzen jüdischen Ceremonien - Dienst bis auf die unbedeutenste Kleinigkeit herab, ganz nach der vor ungefähr 100 Jahren (wir nehmen das Jahr 1740, Regierungsantritt Friedrich II., absichtlich als Normal-Zeitpunkt an) allgemein in Israel von Groß bis Klein — großentheils unbewußt und gedankenlos — ausgeübten Praxis, als wesentliches und unantastbares Element des Judenthums betrachtet, 12W21 tpölftb pa pb? sn'-tfb p» und, selbst die mildernden Aussprüche mancher unserer größten Lehrer, und Easuiften nicht beachtend, sich an den Buchstaben, des sogenannten Sü*>!ri , gleich einer Eiskruste festgebannt'halt! — Ware es die ungekünstelte. Frömmigkeit unserer Altvordern, so würden wir von unserm Standpunkte aus weiter nichts einzuwenden haben; jene Frommen waren inniglich von Allem durchdrungen, was sie aus religiösem Pflichtgefühle, übten; für sie konnte kein.anderes Judenthum existiren! -- Aber,' jenes neugeschaffene System eines ideal-örthodoxen Judenthums, gleicht es nicht einem morgana, welches die Wirklichkeit in einem Luftgebilde tauschend darstellt und im nächsten Augenblicke wieder in Nichts zerrinnt!? — Unser Ben-Usiel mühet sich — zuweilen sehr geistreich —. ab, alle jene rabbinisch-kab'- balistischen Zuthaten, womit man während-der mittelalterlichen Angst und Noch, das Judenthum zu würzen genöthitzt war, dem an natürlichen, gesunden Speisen'gewöhnten Gaumen unserer Tage als ausschließliche Kost vorzulegen, wird

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