Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 27 (2.3.1839)
- Date
- 1839-03-02
- Page
- Seite 26 (sequence 6)
- Language
- German
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26 aus mehren solchen und ähnlichen Aeußerungen Mendelssohns, namentlich aus'dem letzten Satze der angeführten Stelle, entnehmen zu können, daß die Geseke außer dem Bereich der menschlichen Vernunft, daß sie mit der Erkenntniß und den ewigen Religionswahrheiten in gar keiner Verbindung stehen, und daß wir, nur weil wir auf übernatürliche Weise zu einem Staate gelangten, auch übernatürliche Gesetze zu halten verpflichtet sind. Damit, daß er die sammtlichen Religionsvocschriften über alles menschliche Denkenhinausschraubte, glaubte er auch dem Gesetze eine besondere Ehre anzuthun, die aber keine ist. Nicht allein, -daß alle Religionsphilosophen, die sich mit beschäftigten, diesem direkt widersprechen, auch Mendelssohn erinnert oft und zu wiederholten Malen, daß Gesetze und Vernunftwahrheiten, in der innigsten Verbindung stehen. „Alle Gesetze, sagt Mendelssohn, beziehen oder gründen sich auf ewige Vernunftwahrhelten, oder erinnern und erwecken zum Nachdenken über dieselben, so daß unsere Nabbinen mit Recht sagen: Die Gesetze und Lehren verhalten sich gegen einander, wie'Körper und Seeles." Unlaugbar dachte, unser Verfasser den Reformern jede Ausrede zu benehmen, wenn ec die Tora vom Boden des Denkens entrückte, ahnte aber nicht,, daß es auf Kosten der wahren Erkenntniß geschah. Jedenfalls ist man jetzt schon berechtigt zu fragen, worin denn die uns vom. Verfasser verheißene Versöhnung bestehe? Diese erfolgt gleich am Anfänge des fünften Kapitels, und *) Ebend. S. 263. Merkwürdig' ists auf wie entgegengesetzte Weise Mendelssohn mißverstanden worden. Herr Reggio dachte sich unter „Staatsgesetze" Gesetze einer religiösen Gemeinschaft — die wir freilich jetzt auch bilden — gegeben und erlasten vom göttlichen Monarchen, auf dessen Geheiß wir Alles thun müssen, ohne nach den Motiven feines Willens zu fragen. Hin- .gegen meinte der frühere Beurtheijer des „Tora und Philosophie" gerade darin Anlaß zu finden, die Ceremonialgefttze gegenwärtig abzuschafien, da diese nur Staatsgesetze waren, d. h. sich lediglich aus da» Wohl des staatlichen BeisammenlebenS bezogen, woraus natürlich folgt, daß mit dem Auflösen des Staates auch die Gesetze ihre bindende Kraft verlieren. Keiber von Beiden aber wollte Mendelssohn wahrheitsgemäßer verstehen. Die Gesetze sind nach ihm, in Uebereinsiimmung mit den andern Nelr'gionSphilosophen, sinnliche Beförderungsmittel der reinen Erkenntniß, bezwecken daher als RcligionSvorschriften "die ewige Glückseligkeit eines jeden Einzelnen, sowol in als außer dem Staate; vor einigen Jahrtausenden ^waren wir aber so glücklich einen selbständigen Staat zu bilden, und zwar einen göttlichen Staat; der Gott, der uns Vorschriften für unser ewiges Heil offenbarte, war auch selbst unser Staateherr, unser Fürst und König, so wurden damals mit Recht die Religionsvorschriften zugleich als Staatsgesetze betrachtet und deren Ucbertretung als solche leiblich bestraft; ist nunmehr der Staat zu Grunde gegangen, so unterliegen wir auch keiner äußern Strafe mehr,' und die Gesetze sind wieder als ReligivnSvorschriften dem Gewissen, eines Jeglichen anheimgestcllt. Ick habe cs oft gesagt und sage es jetzt öffentlich wieder:.man muß zu Mendelssohns Jerusalem mit derselben Vorbereitung gehen, wie man zum Studium des More Nevuchim sich gewöhnlich anzuschicken pflegt. Er schreibt klar und deutlich, und denkt tief, sehr tief. zwar folgendermaßen: Die Tora ist erhaben über alle menschliche Vernunft, man kann sie nicht in der-Wahrheit erforschen, es ist zwar erlaubt die Gründe der Gesetze zu vermuthen, darf.aber nicht nach der Vecmuthung handeln. Wir sehen nun, Herr . Reggio hat wieder nichts Neues gesagt, und wenn dies Versöhnung heißt, hat Mendelssohn sie schon früher bewirkt. Das Verdienst Neggio's besteht also, wie mehrmals erwähnt, in nichts Anderem als daß er uns auf Mendelssohn zurückgeführt und unbewußt gezeigt, daß so lange dieser reproduktive ' Zeitraum ' forrdauect, man keinen Schritt weiter gekommen ist und kommen kann von dem was Vater Mendelssohn begründet hat. Jedoch verstand er seinen Meister nicht und blieb aus der Reihe der Religionsphilosophen zurück. Von vorn herein leistet er auf alle Erkenntniß der Wahrheit Verzicht, sagt die Tora sei völlig unbegreiflich und hat darum auch seh^ wenig davon begriffen. Es ist daher nicht 'einmal in seinem Innern zur Versöhnung gekommen; er drängt seine Zweifel nur durch Zweifel zurück, und das ist bloße Beschwichtigung. ' Denn was Mendelssohn betrifft, so hat derselbe mit dem Unterscheiden zwischen Theorie , und Präxis ein uraltes Prinzip der jüdischen Religionsphilosophie ausgesprochen, das er wohl begriffen und nur starker entwickelt. Mendelssohn wollte überhaupt kein neues Judenthum errichten, er schloß sich an die älteren Religionsphilosophen an, philosophirte in ihrem Geiste, und darum ist er so bedeutend geworden, darum steht er so hoch. Nur in anderer Form finden wir dasselbe Prinzip schon bei Philo de migrat. 'Abrah. p. 401. ff. auf folgende Weise ausgedrückt: „Man muß auch für einen guten Ruf Sorge tragen; denn er ist uns Noch und fördert die Angelegenheiten dieses irdischen Lebens mannigfach. Ein solcher wird nun aber fast allen Denen zu Theil, welche zufrieden mit den festgesetzten Gebräuchen Nichts daran ändern, sondern.die Anordnungen der Väter treulich beobachten. Dagegen giebt es nun Einige, welche die Worte des Gesetzes für Zeichen geistiger Gegenstände halten, sich auf die Deutung dieser vorzüglich, legen, jene aber gering schätzen. Ich möchte'ihnen Leichtsinn zur Last legen; denn man muß sich mm Beides kümmern, sowol um das tiefere Eindringen in Das, was verborgen ist, als auch um eine treue Beobachtung dessen, was offen vorliegk: Sie nun aber betragen sich, als lebten sie allein in einer Wüste, oder als waren sie körperlose Seelen und wüßten von keiner Stadt, keinem Dorfe, keinem Hause, oder überhaupt von keinem Umgänge mit Menschen, setzen sich über'Alles hinweg,'was der größern Anzahl wohlgefällig ist., und suchen die reine Wahrheit, wie dieselbe an und für sich ist, zu erstreben. Dergleichen Menschen lehrt