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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-02-28 · Heft 26 (28.2.1839) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 26 (28.2.1839)
Date
1839-02-28
Page
Seite 103 (sequence 3)
Language
German
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103 Nhapso-ieerr über A n ffa ssn n g des Jude n t h u m s it\ unsrer Zeit. V orbemerkung des Redakteurs. Der folgende Aufsatz,- dessen Verfasser bei tüchtiger theologischer Bildung, dennoch eine von theologischen Tendenzen völlig unabhängige Stellung einnimmt, und dem es nur um den Sieg des Wahrhaftigen und Erhaltung' des. Judenthums zu thun ist, hat zum Ziele, bei den leidenschaftlichen Aeußerungen der Zeit an die mit Besonnenheit zu fassende'Wahrheit zu erinnern, und verdient daher jede Berücksichtigung. 1. Es haben sich in der neuesten Zeit hinsichtlich der Art und Weise, wie das Judenthum in Lehre und Leben aufzufassen sei, zwei entgegengesetzte Richtungen kund gegeben. — Während die eine Richtung dahin strebt, im Allgemeinen D enkglaubigke it als einzigen, unversiegbaren Erhaltungsquell des Judenthums in unserer vorgeschrittenen Zeit darzustellen und Solches, untet der Benennung „pro-, phetisches Judenthum," auf Ausübung' der Micha, 6, 8., Jesaja 58, 6. rc. und in mchrern andern prophetischen Stellen empfohlnen Haupt-Moralpflichten zu reduziren, höchstens in Verbindung mit einigen zeitgemäß anregenden Formen, — hat die andre Richtung , wie sie sich namentlich in den Werken des Verfassers von Ben Usiel's Briefen, als dem. talentvollsten und würdigsten Repräsentanten dieser Ansicht, ausspricht, grade eine der ersten diametral entgegengesetzte Tendenz voc.Augen. Höchste Sittlichkeit und Selbstheiligung ist ihr zwar ebenfalls eine der ersten Aufgaben des. Judenthums, allein alles eigne Denken im Gebiete der Religion als „unjüdisch" verpönend, und somit die gewichtigsten Werke mehrerer der geistvollsten jüdischen dogmatischen Schriftsteller früherer Zeit, als Ab.en Ezra, Maimonides, 'Ralbag, Aldo, rc. selbst theilweise den Rachmanides und die Gutachten späterer denkender Casuisten gleichsam auf die Seite schiebend, stellt sie nicht nur die ewige Unantastbarkeit aller'nach den jüdischen Ritualgesetzbüchern auszuübenbenden' Ceremonialpflichten als Hauptprkncip des Judentums auf — ohne Rücksicht auf deren frühere oder spatere Entstehung, ob frühere Rabbinem auf die Ausübung eines-Gebrauchs großen Werth legten oder ihn selbst minder beachteten, ob. ein Gebot mosaischen, talmudischen, spa.trabbinischen oder gar kabbalistischen Ursprungs sei oder vielleicht ' blos auf unbegründetem Herkommen beruhe, ob dessen genaue Erfüllung unter allen Verhältnissen auch wol möglich sek, •=- sondern sie fordert sogar von dem Israeliten, daß er alle höhere beseligende Ideen über das Wahre, Rechte und Gute, die er etwa aus anderen als jüdischen Quellen geschöpft hat, entweder ausgebe oder sich überrede, däß„T'nach oder Schaß" als die einzigen und ausschließlichen Wissensbehälter für die Juden, ihm zu jenen Ideen verhotfen haben. Dem denkenden und gewissenhaften Bekenner der israelitischen Religion kann dieser Kampf, welcher die friedlichen Gezelte Jacobs in zwei feindliche Lager zu theilen drohet/ nicht gleichgültig sein. Um so weniger als dem Unbefangenen nach reiflicher Ueberlegung klar wird, wie in keinem der beiden streitenden Heere die Bundeslade des Herrn ihren Sitz aufgeschlagen hat! Wir wenden uns zuerst an die Verfechter ausschließlicher Denkgläubigkeic in Religionssachen und, indem wir sowol die Ehrenhaftigkeit ihrer Absicht.anerkennen, welche darin bestehet, „das Judenthum stets auf der Höhe der Zeit zu erhalten und den mit allgemeinen Vernunftansichten großge-, zogenen, wissenschaftlich gebildeten Theil seiner Bekenner damit zu befreunden," als auch indem wir die innere Richtigkeit ihres Princips als Religionsprincip überhaupt nicht bekämpfen wollen, so legen wir ihnen doch folgende Fragen und Bedenken vor, die wir allerdings nicht systematisch formulkrt haben, sondern sie so geben, wie sie uns ums Herz sind. Wenn religiöse Foxmen oder Ceremonien wirklich überflüssig oder gar schädlich sind, wie mochte das Judenthum bis jetzt so lange mit allen seinen Formen und' Observanzen bestehend In, wäre es nicht ein unnatürlicher Sprung, daß wahrend die Formen'als hauptsächliche Vehikel und Träger des Judenthums zur Zeit des Irag-empire- und im Mittelalter,, ja noch in den letzten Jahrhunderten galten,, es nun mit einem Male ohne vorbereitenden Uebergang die Formen ' abstretfen und in blendender Glorie ceremonienlos dastehen sollte? — Giebt es denn.überhaupt eine positive Religion ohne Formen und Ceremonien? — Ihr meint „wir sollten zu dem prophetischen Judenth ume zurückkehren!" — Aher, müssen wir ganz ernstlich fragen, hat denn ein solches reines prophetisches-Judenthum, wie ihr es so schön und nachahmungswürdig aüsmalet, auch in der Wirklichkeit je bestanden? — Wurden jene höher» reinsi'tdlichen Ermahnungen der Propheten -wirtlich ausgeführt? .Scheinen sie nicht vielmehr als Ideale einem Zeiträume Vorbehalten, der noch nicht eingetreten ist? Ideale, deren Verwirklichung unser den materiellen Genüssen so sehr ergebenes Jahrhundert wol am Wenigsten so bald hoffen darf?

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