Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 21 (16.2.1839)
- Date
- 1839-02-16
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
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84 könnte. — Manche behaupten, daß sie dem Andenken ihres Geliebten iu ehren, der als General in Spanien gefallen war, allen Genüssen entsagt Habe. Doch, wenn ich ihren Worten trauen darf, hat sie einzig und allein die Unzufriedenheit mit. den verschiedenen Rcligionssnstemen und den ränkevvllen Jntrigüen, «auf die sie täglich fließ, aus dem Lande getrieben. Sie nahm einen ungeheuren Reichtbum und kostbare Geschenke für die arabischen Scheichs und türkischen Bey'S mit sich, begleitet von einer bedeutenden Anzahl. Diener um, wie sie sich ausdrückre, sich in das Land der Natur zu begeben. Doch das Meer verschlang alle diese Schatze, und selbst ihre Person wurde nur mit Mühe gerettet. Sie gab sich dem Viee-Consul in Tripolis zu erkennen; dieser streckte ihr eine Summe Geldes vor, und sie kehrte nach England zurück, aufs Neue ein Schiff mit ähnlichen Reichthümern auSzustattcn. Das zweite Mal war sie glücklicher, sie gelangte nach Beyrout, und nachdem sie die Wüsten durchkreuzt, und in Palmyra (das.ehemalige Tidmor) als Königin der Wüste gekrönt worden, begab.sie sich nach Zidon, und wählte ihren Aufenthalt auf den Gebirgen deS Libanon. — Ihre Wohnung sieht einer Festung ähnlich, sie ist ganz mit Mauern umgeben, und in verschiedene kleine Abthcilungen eingetheilt, welche ebenfalls mit Mauern umgeben sind. Fünf und zwanzia Jahre bereits bewohnt Lady Stanhope diese Einöde; 'sie hat während dieser Zeit ganz ihren Studien gelebt, und nur äußerst selten einen Reisenden vor sich gelassen. Ihrem Pallaste nahe konnte ich den Wunsch nicht unterdrükken, diese Dame persönlich kennen zu lernen. Um zu meinem Zwecke zu gelangen schrieb ich einen Brief an sie, den ich selbst zu überbringen beschloß. Der Brief enthielt ungefähr Folgendes: Ein Preuße, dessen Studien ihn bis nach Aethiopien getragen, der durch ein gänzlich neues System die Schrift der alten Egypter zu lesen verstehe, und eine reiche Aerndte in allen Ländern Egyptens, Nubiens, und EthiopienS gemacht, welche nicht nur ein Helles Licht auf die älteste Geschichte der Egypter' werfe sondern auch über Religion, Philosophie und Astrologie die schönsten und klarsten-Aufschlüffe gebe, wünscht die. Ehre zu haben, Lady Stanhope seine Aufwartung zu machen. ,Jch wurde angenommen, doch mit der Bemerkung, daß sie mich" erst mit einbrechendcr Nacht erwarte. Ich wurde freundlich ausgenommen und gebeten meinen Besuch zu wiederholen. Dies that ich, und fünf Abende hindurch dauerte unser Gespräch bis drei oder vier Stunden nach Mitternacht. — Eine Beschreibung ihrer Person und ihrer Meinungen halte ich für überflüssig da sie dieselbe aus Lamartin'S Reiftbeschreibung hinlänglich kennen werden. Sie zeigte mir zwei edle Pferde, die eineil gewaltigen Stammbaum haben. Zwei auserlesene Stallknechte. beschäftigen sich mit nichts anderm als mit ihrer Bedienung. Eins dieser Pferde ist für eine hohe Person bestimmt, welche kommen soll. (Wenn es doch nur ein Esel wäre!) Auch ist Lady Stanhope der Meinung, daß in der ganzen Welt nur drei ächte Bibeln seien und daß sie allein den Orr kenne wo diese Kleinodien aufbrwahrt sind. — Um nicht unbescheiden zu sein unterdrückte sch eine neugierige Frage, deren Beantwortung mir keinen Gewinn gebracht hatte. — Häufige Nachrichten von feindlichen Einfällen, von Mord und Gewalttaten nöthigten mich endlich, Lady Stanhope Lebewohl zu sagen, und nach Zidorr zurückzugehen, da ich meine Sachen dort gelaffen hatte. —< AuS ihren vielen und trotz so mancher Unklarheit höchst intereffanten.Gesprächen, bemerke ich nur, daß sie bei unserer ersten Zusammenkunft unter andern zu mir sagte: Ich will nicht fragen zu welcher Religion Sie sich bekennen, denn ich sehe, daß Sie unter dem besondern Einuffe zweier glänzenden Sterne stehe, lbekanntlich beschäftigt sich ady Ester viel mit Astrologie und empfängt deshalb Niemand zu einer andern Zeit als in den Abendstunden.) Aber Ich bitte sagen Sie mir doch, glauben Sic, daß ein Messias schon gekommen sei, und finden Sie die Welt schon so voller Ruhe und Erkenntniß wie sie in den Zeiten des Messias uns beschrieben ist? Ich antwortete: Allerdings, Milady, jener Beschreibung nach ist er noch nicht gekommen. — Nun weiß ich, rief sie aus, mit wem ich spreche; Dank der Vorsehung, die Sie zu mir geführt har!. Ich habe mich noch nie im Leben getäuscht; schon bevor ich Sie sah, hatte ich eine besondere Neigung zu Ihnen. Wir sind Freunde und werden für immer Freunde bleiben. Ich habe> fuhr sie fort, die ganze Bibel nicht nur oft gelesen sondern sie gründlich studirt, und gesuhlt, daß ich zur Crkenntniß der Wahrheit geschaffen bin. Ich fand mich wie Abraham in der Mitte anderer Glaubensbeseelten, verließ Hab und Gut, einem Gotte der meinen Geist erleuchtet allein zu leben. Was ich geopfert, gelitten und noch leide, das weiß er.' Wissen Sie auch, mein Freund, daß die Welt mich für verrückt betrachtet?— Ein anderes Mal nachdem sie erfahren, daß ich Jftaelite sei, (und mir ln ihrem'Palaste alles zur Bereitung der Speisen gestattet hatte), sagte sie: Sie wissen nun noch nicht zu welcher Religion ich mich bekenne; viele Reisende glauben eS wol zu wissen, aber sie haben sich alle getäuscht. Ich that dasselbe was der König Kosar that: mit allen' Häuptern der verschiedenen Religionen und Secten habe ich vertraute Gespräche gepflogen, und das Resultat der Gespräche ist, daß ich eine wahre Israelitin zu sein glaube. In meinem Hause habe ich, noch jetzt Wesen, die alles Ceromoniale, selbst, wie Sie, Speisegesetze beobachten, wovon Sie sich überzeugen können. Am Ruhetage lebe ich gänzlich meinem Geiste ergeben, und kein sterbliches Wesen soll mich davon abbalten, jedoch darf^ niemand in diesem Lande wissen, waS ich denke und verhabe. ES ist sehr begreiflich, wie leicht der herrlichste Geist mißleitet werden kann, wenn er beständig ungestört seinem eigenen Gedanken nachhängt, und nur, lebt diese, in jeder Hinsicht so überaus begabte Dame, seit fünfundzwanzig Jahren auf diesem von aller Welt isolirten Platze, und war ohnehin von jeher den weltlichen Vergnügungen umzugänglich. (Fortsetzung folgt.) °) ES zeigt sich auS dem Obigen wie ungegründet die vor kurzem häufig verbreitete Nachricht von einer engeren Verbindung der Stanhope mit dem Missionair Joseph Wolf dem „vittgeprügelten Manne" gewesen ist. Anm. de- Einsenders. Anzeiger. Zu demselben werden Annoncen aller Art gegen I Gr. Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petit-Schrift oder deren Raum aufgeiloiuuien. Die Verlagshandlung. Bei Gebrüder Bonn in Altona ist in Druck erschienen und zu haben, so wie durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Rede, gehalten bei der Eröffnung der israelitischen Volksschule zu Altona, am 1. Januar 1839, vom Direktor Dr. Enoch, Preis 3 gGr. Redactcur: vr. L. Philippfon.'— Verlag von BaumgärlnerS Buchhandlung. — Druck von Z. B. Hirschfeld. (Hierzu daS literar. und Homilet. Beiblatt No. 5.)