Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 15 (2.2.1839)
- Date
- 1839-02-02
- Page
- Seite 15 (sequence 7)
- Language
- German
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15 von den Lippen strömt, da wo'er unserem lauschenden Ohr von seinen Engelwelten erzählt?, oder wo ist ein Spältchen, dem schärfsten Auge kaum ersichtlich, das nicht ein jüdischer Casuift benannt, beschrieben und. offen zu Tage gelegt hätte? Für das, was sie zu bezeichnen hatte, hat die hebräische Sprache auch immer Bezeichnungen gehabt; aber daß sie Bezeichnungen schaffen konnte, schließt nicht aus, daß ihr schwer wurde, sie zu schaffen. Heroen haben die. Sprache, gezwungen, sich ihrem Gedanken,anzulegen, aber wie viele Melden des Gedankens giebt es, die nicht zugleich Sprachkundiger sind! Ist nicht ein Hauptfehler unserer Piulim eben der, daß in dem Kampfe zwischen dem Gedanken oder dem Bilde und der Sprache die letztere den Dienst .versagte? Für einen neuen Gedanken muß ein neues Wort gemacht, muß in Umlauf gesetzt,, muß anerkannt werden und eine Zeitlang gleichsam von Hand zu Hand gehen, ehe sein Gepräge auf allgemeine Geltung Anspruch machen, und auch von dem Minderlegitimirten verausgabt werden darf. Redete ich aber hier von der Vorzeit, so gilt dieß von der Gegenwart in vielfach erhöhetem Grade. Für die religiöse Sprache der Juden thut sich in unseren Tagen ein ganz neues Stadium auf; ihre innere Schöpferkraft hat sie rühmlichst bewahrt, jetzt muß die Wissenschaftderen Substrat sie ist, die Theologie, aus allen Gebieten, welche sie in der neueren Zeit in den Bereich ihrer Forschungen zieht, das Bessere'mit sich amalgamiren, und ln diesem Prozesse Sprachgebilde ausscheiden, die den religiösen Bedürfnissen der Gegenwart Genüge thun. Denn wir wollen doch, nicht wahr, auch noch fortfahren, unsere religiöse Interessen hebräisch zu verhandeln! Einmal, weil sie auf hebräischem Boden ensprossen sind, und in welche .Sprache sie verpflanzt werden mögen, überall als Fremdlinge, als exotische Gewächse erscheinen müssen, und zweitensweil nun einmal diehebräische Sprache für unsere Religion, allgemeine Sprache geworden ist. Wir fangen an, Antheil zu nehmen an dem Wohl und Wehe unserer zerstreuten und wenn auch antipodiscken Brüder, wir fangen an, uns als religiöse Einheit zu fassen, und zu fühlen, daß wenn auch Europa und insonders unser Deutschland verspricht, die Wiege unserer Regeneration zu werden, gleichwohl grade das letztere ein an Zahl sehr winziges Häufchen unserer Religionsgenossen ausgenommen hat, und daß wir ganz Israel geistig umfassen müssen, wenn nicht zwei gleich beda'uernswerthe Ereignisse eintreffen sollen, daß die schöne Blume der jüdisch-deutschen Wissenschaft von dem Baume sich ablöse, der sie tragt und nährt, und dieser Baum ist die Judenhekt in Ost und Süd, und dann daß eben dieser Baum mit dem Entschwinden seiner Blüthe in die dumpfe Erstarrung zurücksi'nke, welche kaum erst ein klein Wenig aufzuthauen anhebt. Wir schikken keine Missionäre aus, Herden zu bekehren, unsere Religion verbietet uns das; wie sollte auch sie, die himmlische, Eingang finden wollen in stumpfsinnige Heidenköpfe! — sie hat ihre Vorarbeiter, und nach.Epochen kommen wieder Epochen , was ewig lebt, hat nicht zu eilen. Aber an unsere Brüder in allen Landen dürfen wir, müssen wir Älissionen senden, in ihrer Brust hat das" Judenthum seinen dreitausendjährigen Kampf gekämpft, die Schlacken der Sinnlichkeit sind verkohlt, und sie harren des Silberblickes, der ihnen kommen werde.. Für diese unsere jüdischen Brüder müssen wir schreiben, sie müssen wir zu gewinnen und .heranzubringen suchen, sie sind dessen fähig und dessen würdig, und unsere junge Literatur sek die Missionsanstalt, und die neuhebräische Sprache das Medium unserer Verständigung. Diese also muß geschaffen werden, und um das Scköpfungsweck zu bewerkstelligen, ist vor Allem nöthig, den ganzen Cyclus unserer neueren Ideen ins Hebräische zu übertragen, -mögen sie auch noch nicht unmittelbar zum Frommen der Theologie verwandt werden; sind sie erst in Curs, es hat den Juden noch zu keiner Zeit an Geist gefehlt, mit leichter Umbiegung solche Judengenoffen in jüdische Bürger, in Ausdrücke theologischer Geltung zu verwandeln. So mag es in der That barockerscheinen, Schillers Handschuh ins Hebräische zu übersetzen; und an sich, ich gestehe es gern, hat eine solche Version nicht den geringsten Werth; die Schillers Handschuh goutiren, verstehen Deutsch, und die Deutsch verstehen, kennen den Unterschied zwischen Schillers honigsüßer Sprache, seinem gefälligen'Versbau, und dyi unverdaulichen Brocken, 'so wie den gothischen Schnörkeln einer hebraisirten Ballade. Aber den fähigen Hebraisirern gelingt es doch dann und wann, die eine oder die andere zarte Wendung unseres geliebten deutschen Sängers in seine Version hinüberzuretten, und. damit bin ich immer zufrieden, und wäre glücklich, wenn ich'wüßte, daß.sie auf den Altar unseres heiligen Sprachtempels in Sicherheit gebracht wäre. Selbst die Luzzatto'schen Dramen, so gerecht auch der Tadel war, welcher neulich gegen die gräulichen Inversionen und Contorsionen laut wurde, die sich in ihnen vorsinden und uns jeden möglichen Genuß vergällen, und so über alle Plaßen hinkend der Vergleich ist, seine Personifikazionen mit denen des Aeschylus zusammenzustellen, selbst diese Luzzatto'schen Dramen ersetzen uns das Opfer, das ihre Lektüre kostet, durch manches Körnchen Gold, das sich aus ihnen in das Schatzhaus einer neuhebraifchen Phraseologie Zusammentragen ließe. Und hatten wir mit Hilfe solcher und ähnlicher Vorarbeiter einen Idiom für unsere neuere umfangsreiche Theologie gewonnen, dann erst dürften.wir