Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 15 (2.2.1839)
- Date
- 1839-02-02
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
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58 auSzusetzen, als daß er durch die vorgsschriebenen Studien verhindert, sich nicht einen gleichgroßen Schatz talmudischer Kenntnisse erworben, wie die Rabbinen, die einst blos diesem Studium oblagen, Diesen gegenüber, als äußerstes Extrem, steht diejenige Ansicht, die ein modernistrtes, in Frak und> Earbonari stutzendens Judenthum wünscht. Sie will den Talmud nicht'; die alten, bestaubten Folianten beschmutzen das^neue Modekleid; sie will die gelehrten Commcntare nicht, sie belästigen nur bei der neuen Eomplimentirmethode; sie will den Moses nicht in seinem Strahlenkränze, er machte damit nur zu viel Aufsehen, und man will den Juden nicht durchschimmern Und durchblicken lassen. Sie will einen'Gottesdienst mit protestantischer Predigt und'Orgel; und je mehr das alte Gebäude verfällt, desto schadenfroher, lacht sie, und je mehr Hände an seiner Ruinirung thatig sind, desto freudiger klatscht sie in die eigenen, sie zu ermuntern, und das Jammergeschrei zu betäuben, das die Bedächtigem erheben. - Zwischen diesen mitten inrie stehen noch zwei andere Parteien, von denen jede mehk oder minder sich zu einer der genannten Ansichten hinneigt. Die Eine davon dringt auf gediegene talmudische Kenntniß und auf gründliche wissenschaftliche Bildung; sie will einen Geistlichen, der sowol den gegründeten Forderungen der Zeit entspräche, > als auch in vollem Umfange den Pflichten Genüge leisten könne die sein heiliges Amt ihm auferlegt, und die Garantie für beides suchen sie in einem religiösen Lebenswandel. Denn, sagen sie, nahm die vom Staate geforderte wissenschaftliche Ausbildung dem Jünger der jüdischen Theologie viel Zeit, so ließ ein religiöser Sinn ihn doch keineswegs die jüdischen Studien ganz und gar vernachlässigen, und sowol am Ende . seiner Studienzeit, als im Amte wird er mit frommem Eifer stets an seiner Ausbildung arbeiten. Aber diese Partei tritt bei den Wahlen meist deshalb zu der erstgenannten Ansicht über, weil das religiöse Betragen vieler unsrer Rabbinatskandidaten ihr mit Recht Besorgnis und Mißtrauen eingeflößt hat. Manche vergessen während ihrer Studierzeit ganz den Stand, dem sie später angehören wollten oder sollten; und treten mit frecher und kecker Stirne allem Positiven leichtsinnig entgegen. Diese werden gefürchtet, einer geistlichen Amtsverwaltung dieser Leute sieht man bang entgegen; sie haben dem ganzen Stande wehe gethan, und' aus Besorgniß hinter der Larve einer andächtigen Miene stecke doch nur eine neuerungssüchtige Fratze, treten die Männerdieser Ansicht zu jener alten erstgenannten Pattei über. Aus einem andern Grunde» neigt sich nun die vierte dieser Ansichten zu den sogenannten Modejuden. Sie will wissenschaftliche Bildung, talmudische Kenntniß, und ein sittliches, eines Seelsorgers würdiges Betragen. .Allein sie ist der alten Partei gram, weil diese der Wissenschaft gram ist; sie ist der alten Partei Feind, weil diese der Aufklärung feind ist; sie ist der alten Partei abgeneigt, weil diese jeder§ auch der unschuldigsten Veränderung abgeneigt ist. Deswegen tritt sie.den Männern bei, von denen sie keinen Rückfall zu fürchten, keinen Rück- und Uebertritt zu besorgen chat, und stimmt wider ihren Willen, ja oft gegen ihre Ueberzeugung für ein Extrem, um nur dem Andern nicht in die Arme' zu. fallen. Diese vier Ansichten bilden das Corp,i8 delicti unserer Gemeinden, und jede weiß sich geltend zu machen, hat sich geltend gemacht, und. sucht die Umstande zu .benutzen, um ihre Autorität darzuthun; und jede hat ihre Rabbinen, die sie vertreten. Unter dem vorigen Ministerium des Fürsten Wallerstein, der dem ZelotismuS der Juden, wie er.eS nannte, feind war und die Neuerungen begünstigte, wurden die neuern Ansichten der jüngern Rabbinen flügge.. Manche Berichte liefen bei dem Ministerium ein; mancher Vorschlag zu dieser und jener neuen Einrichtung, manche Bitte um Genehmigung dieser oder jener Neuerung ward vorgelegt, und von dem Ministerium an diesen und jenen Rabbinen Belobungsschreidett ertheilt. Die Synoden in den verschiedenen Kreisen wurden zusammengerufen; die verschiedensten, mannigfachsten Fragen vorgelegt,. und eben so verschieden, even so mannigfach beantwortet, da keine Hauptsynode zur Verständigung und allgemeinen.Abstimmung, wie es anfangs hieß zusammentrat, und das Resultat der einen Kreis- - synode sich in einem Gegenstände ganz liberal aussprach, wahrend das Resultat der andern ganz streng negitend lautete. Die Akten lagen dem Ministerium vor; Fürst Wallerstein trat von seinem Amte , ab, und v. Abel, ein streng religiöser, ernster Mann trat an seine Stelle. Was sollte man nun, da von den Regierungen die Akten zur Genehmigung der Besetzung der Rabbinate eingesendet wurden, sagen, was anordnen, da eine solche Divergenz in den religiösen Ansichten herrschte? Das Ministerium hatte erfahren, wie in den jüngsten Arbeiten vieler jüdischen Theologen mit Bibel und Talmud geschaltet und gewaltet wird; wie destructiv die meisten Aufsätze waren, wie verwerfend sie lauteten, und da ihm nun eine israelitische Oberkirchenbehörde fehlte,, die über die vorliegenden Streitfälle und Streitsatze es aufklaren und über sie aburtheilen könnte, da die juristischen Ministerialrathe doch keine theologischen Streitfragen erörtern können, so erschien jenes Edikt, das im Eingänge seiner Abfassung wissenschaftliche Bildung unbedingt vorschreibt, am Ende aber die Neologie verwirft, und die ihr huldigenden zum Rabbinatsdienste für unfähig erklärt. Kaum war dieses Edikt promulgirt, als auch jchon die obenerwähnten Ansichten unter den Gemeinden sich darüber vernehmen ließen, und eine Jede aus ihr zu deuten suchte, was sie darin enthalten wünschte. Je freudiger die Alten 'darüber jauchzten, weil sie dadurch am Ziele ihrer Hoffnungen zu stehen wähnten, desto besorgter wurden die Andern, und besonders laut hörte man die Frage werden: Wie könne der Staat die erforderlichen Gymnasial- und Unkversitatsftudien verschreiben, sie zur unerläßlichen Bedingung zur Befähigung des Rabbinatsdienstes machen, und dann hintendrein, bei erfolgender Besetzung der erledigten Stellen die Bewerber von seinen streng aufgestellten Forderungen befreien? Allein wer das Edikt liest, sieht wie ungereimt diese Frage ist, tvie sie gewiß nicht.aus dem Sinne des Ediktes folgt. Doch, wie gesagt, der Fceudenruf der gegenüberstehenden Partei hatte den andern alle Besinnung geraubt, so daß man allgemein diesem Jrrthum huldigte. Beide Parteien waren nun thätig, und auch hier bewährte sich das