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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-01-22 · Heft 10 (22.1.1839) · p. Seite 39

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 10 (22.1.1839)
Date
1839-01-22
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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39 eine unmittelbare Leitung zutheilte und diese in kindlicher Abhängigkeit empfand; sehen wir ferner auch nur auf eine spatere, dieser nachfolgenden, Zeit der noch immer lebend!-- gen Erinnerung, und. der schmerzlichen Sehnsucht zurück, nach jener ersten Zeit des wandelnden Hirtenstammes mit seinen Heerden, unter der unmittelbaren Leitung, Führung und Sorge des. „Lebendigen Schauenden" Unsichtbaren: so-wird jene Frage leicht beantwortet, und die Thatsache .Jedweden erklärlich. Allein weder die erste. Zeit, noch die zweite ist der unsrkgen zu vergleichen. "Nur ein Nachklang bis auf die Gegenwart-' herab wäre zu berücksichtigen, wenn von dem erhaltenen Principe des Judenrhums die Rede ist. Jnniktten aller zersetzenden Kräfte eines umgebenden auflösenden Mediums bleibt eine, mächtigeunlösliche Krystallform fa' der Flüssigkeit zurück, und das ist der alte Adel eines heiligen Geschlechtes von Patriarchen, die inmitten einer wogenden Menschengeschichte die lebendigen Träger einer Gottesidee waren, die sie durch'Wort und Leben dergestalt und als geistiges Erbe ihren Nachkommen überliefert haben. Zwar erlosch nach und nach das Feuer jenes erhabenen -Gottvertrauens, das Abrahams Gerechtigkeit war; aber langsam, wie das verglimmende We.isglühen des Metalles; es zündet noch, nachdem es längst zu leuchten; es -wärmt noch, nachdem es langst zu zünden aufgehört hat. Allein schon hier springt es in die Augen, daß sich auf unserm Gebiete jene beiden Fragen nicht lange aus einander halten lassen, und daß hier Volk und Religion in einem so innigen Zusammenhänge stehen, daß man aber das Volk, als ein politisches Ganze, wie man solches auf dem Boden des Heidenthumes ' emporgewachsen zu -betrachten hätte, in diesem Falle nur unter, der Signatur des Glaubens zu begreifen habe, und daß mithin das eigenthümliche, nur einmal vorhandene Phänomen in der Menschengeschichte auftritt, daß das Begreifliche -des Volksthumes kein Anderes, als der religiöse Gedanke, der in ihm waltet, ist. Bei feinem Volke bleiben heißt also nichts anderes, als bei seinem Glauben bleiben.*) Deshalb können wir uns alsbald *) Nichts hat die befriedigende Lösung der Emanzipationsfrage mehr erschwert und überhaupt der Sache des Rechts mehr geschadet, als die Verwirrung des politischen und religiös- Volksmaßigen. Die beiden Grundprincipien unserer europäischen Staatsformationen 'sind zu heterogen, um sich zu assimiliren, und zu störrig, um sich, Eines das Andere, fubigiren zu können. DaS Eine dieser Principe stammt^äus'der cigenthümlichen Menschennatur, und ist die älteste Grundlage unserer StaatSorganiSmen. Die vielerlei Versuche der Gesetzgebung und Gliederung des großen Haushaltes, und die daraus allmählig gewonnenen Resultate, geben daS Bild unserer Politik, die ehemals dem religiösen Elemente an sich fremd blieb, und. sich gewissermaßen seiner nur als-Mittel zur Erhaltung des'politischen Gebäudes bediente. Solange nun auch die Religion eine heidnische, d. i. eine aus dem menschlichen Gemüthe entsprungene, >war, blieb sie im Berber zweiten Frage ganz zuwenden: was knüpft den Juden an sein Bekenntniß? In den Schriften des Alterthums ist uns die Antwort eines Orakels auf die Frage eines frommen Griechen, der in ein anderes Land wandern wollte, aufgehoben. Die Frage lautete: wie soll man die Götter in einem fremden Lande verehren? Die Antwort war nach der Sitte jenes Landes (vü(.uü noliwq.') Dieses -Orakel, vom Göttersttze in Delphi selber ausgegangen, wird sicherlich nicht so zu-betrachten sein, als ob man in ihm eine vollkommene Indifferenz der griechischen Nation in religiösen Dingen zu erkennen habe. Die Griechen hielten auf Gottesfurcht so gut, als'die orientalischen Völkerschaften, und halten so gut, wie" die occidentalifchen, ihre Anklagen, Gerichte und Vecuctheilungen Mangels an tvotßuu. Ja, man findet in der Geschichte ihrer Wissenschaft eine-förmliche Anklage gegen die Mathematiker wegen der physikalischen Lehre von der Bewegung der Erde um die Sonne! S. Böckh's Philolaus p. 123.«*) (Fortsetzung folgt.) hältnisse zur Staatsverfqssung (weil beide einerlei Ursprungs waren) in bequemer Verknüpfung, sie mochte nun dem Staate dienen, wie bei Römern und Griechen; oder, ihn überherrschen, wie bei vielen oberasiatischen Völkern. Sowie aber daS religiöse Element aus einer Höhern Region, ein Reich, nicht von dieser Welt, sondern aus der Offenbarung, zu dem schon bestehenden politischen Verbände trat: ergab sich eine Sprödigkeit dieser Verbindung, die noch immer fort auf eine höchst empfindliche Weise sich bemerklich macht, und die nicht aufhören wird, so lange man die unnatürliche Verbindung Beider nicht löst. Das staatöökonomische Princip mit dem Principe der Offenbarung, das eine absolute Unterordnung aller - irdischen Interessen gebeut, ist in der Verbindung, die sich uns im Leben darbeut, ein purer Widerspruch. Zwei Elemente, die sich gegenseitig nicht berühren, und wo.sie sich berührten, sich gegenseitig ncgiren, können nur gewaltsam, nur für eine gewisse Zeit, in Verbindung gehalten werden, wie man Oel und Wasser durch Schütteln nur für einen Moment vereinigen kann., 2m Judenthume hat sich nun, so lang und so weit eö auch seine politische Seite hatte, ein anal; ytuvouevov 'börtn dargestellr, daß in ihm, umgekehrt wie im Heidenlhume, sich ein religiöses Element an die Spitze gestellt, und in dem Mittelpunkte des Staatslebens firirt hat, das wahrscheinlich eben deshalb als Staatöleben nicht lange sich unter den üdrigen, und ihnen gegenüber, zu behaupten bestimmt war, während es als Religionsleben Viele überdauert hat, und wer weiß,, wie viele noch überdauern wird. Soviel scheint indeß schon aus manchen Thatsachen unsers europäischen Staatslebens und Staatskampfes hervorzugehn, daß sich beide Elemente nur in weiser Sonderung, ohne Trennung, also im Nebeneinander, friedlich vertragen dürften, während ihre unnatürliche Zusammenmischung der unversiegbare Quell vielen Erdenunheils geworden ist. Anm. des Verf. ••) Auch An axag oras entging, wie cs scheint, zum Theil um anatomischer Untersuchungen willen, kaum der Todesstrafe in Athen, und wurde nur durch große Anstrengung seines Freundes PerikleS gerettet. ' R e d a k.

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