Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 10 (22.1.1839)
- Date
- 1839-01-22
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
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40 Aus | ri g e. Aus'des Herrn Salvador's neuestem Werke. (Fortsetzung.) DaS zweite Kapitel des ersten Buches handelt demnach „von dem Zustande der Geister -und des Glaubens." Hier wird -jene Idee der Vereinigung und Zerstreuung auf das Leben des Geistes ■ angewandt, und hebt daher dieses Kapitel folgendermaßen an. - „Die beiden Tendenzen, welche ich oben als solche bezeichnet habe, die der allgemeinen Bewegung des Menschengeschlechtes Vorständen, haben sich auch den menschlichen Geist ungeeignet. Wenn der Körper'der. Menschheit als die edelste Zierde der, Erde, zum Ziele har,, sich auf ihrer Oberfläche zu verbreiten, um die besten Vortheile aus seiner eigenen Natur und allen äußeren Wesen zu ziehen: so ist.gleicherweise das Ziel des menschlichen Geistes,' zu umfasien die ganze Welt, daS Universum, das Unendliche, und dem Menschen alle die Genüsse zuzusichern, welche mit dieser herrlichen Erobrung verbunden sind. Aber, eben so wie die ersten Völkerschafren, so wenig ausgebreiret sie auch waren , getrennte Stämme gebildet hatten, bestimmt sich zusammenzuhäufen (L sR^lomärer), um mächtige Reiche zu werden: so beeilte, sich der menschliche Geist, sobald er nur eine gewisse Zahl von Kenntnissen erlangt halte, unter dem Namen von Glauben (croyimces), Doctrincn, Systemen und Gesetzen,, aus ihnen Jdeenverbindungcn zu machen, mehr oder weniger vollständige, welche, wie die gewöhnlichen Gesellschaften, gegenseitigen Kämpfen und endlosem Wechsel unterworfen, niemals aufgehört haben, nach Einheit zu streben."; Diese Ansicht, eine natürliche Folge der crgeren, ist wirklich für daS frühere Leben des Geistes von vieler Wichtigkeit. Sie erklärt einen Umstand, der sonst fast lächerlich und kindisch erscheinen konnte, nun aber aus der Tiefe der M.nschennatur hervorgcgangen. Jene frühzeitige.Naturphilosophie bei den Griechen nämlich, zu einer Zeit, wo ihre Kenntnisse vom Realen noch so höchst unbedeutend waren. Wahrend sie noch nicht daü geringste Verständniß vom Leben der Thiere und Pflanzen hatten, versuchten sie. schon, daS Universum in ein System zu bringen, die Ursache seines Entstehens, zu bezeichnen und die Art seines Werdens zu bestimmen. Und dies mit einer Beständigkeit, Mannichfaltigkeit und Bestimmtheit, daß sse mehrere, lange Zeit fortgesetzte Schulen, wie die Jonische, Italische (Pythagorische), Eleatische, endlich die sophistische, neben denen'noch einzelne für sich Dastehende auftratcn, wie Heraklit, Empedokles, zum The.il Ana.xagoras^bilden, und eine große Reihe von Namen mit Gedankenbruchstücken uns hintcrlassen konnten. Erst drei Jahrhunderte spater begründete Aristoteles die Wissenschaft des Speziellen und Realen (höchstens machte früher Demokrit schon einen Versuch). — Diele Erscheinung wird durch die obige-Betrachtung Salvador's sehr klar. Es war die geistige'Einigungskraft, welche den Menschen, sobald ereiniger Begriffe und Notizen Herr geworden, zwang einen Mittelpunkt für sie zu suchen, 'auf.den er alles Einzelne zurückführe. So erscheinen die Anfänge der Spekulation und der Dogmatik aus einer Quelle hervorgcgangcn. In der Länge der Zeit, e.rponirt nun Salvador weiter, hatte diese Gewalt „eine, unendliche Menge von Dogmen, Glauben, außerordentlichen Formen, die damals in Kraft waren," hervorgcrufen, in dcpen das Christenrhum „jede Art von Stützen und Hülfsquellen" finden mußte. Ferner, „der Zustand des Verfalls, in welchen die philosophischen Schulen versunken waren, ihre unfruchtbaren Debatten und die offenbare Unsicherheit der Meinungen, in welchen die Volksmassen, denen ein geheimer Instinkt den baldigen Sturz der Vielgötterei voraussagte, nichts ihrer Einsicht Zugängliches,.nichts Dahinreißendes fanden; alle diese Umstände kamen zusammen, um int höchsten Grade eine neue Religion,zu begünstigen, und versprachen, ihr alsbald zu ihrem Vortheil,die besten Prinzipien der Moral, alle mvsteriöse Vorstellungen, selbst den Aberglauben, welchen die berühmtesten Gründer jener philosophischen Schulen immer mit der Verschiedenheit sthrer Systeme verbunden hatten, hcranzubringen." Dieses im Einzelnen nachzuweisen, ist die weitere Aufgabe des zweiten Kapitels. Er weist die Ideen und Benennungen der Dreieinigkeit, des Fleischwerdens (Jncarnation) des ^göttlichen Wortes bei den orientalischen Völkern nach. „Eben so kannte der Orient menschliche Verzückungen, die den Gedanken des Menschen in Gott verwandelten," „die Gewohnheit, das individuelle Dasein des Menschen anzusehen als die unglückliche. Folge eines andern Zufrandes, vor dem Menschenalter, (gefallener Engel)," „der Tod galt für die erste der himmlischen Wohlthaten," die Seele des Individuums, je nachdem es den heiligen Vorschriften gefolgt, oder .von-ihnen abgewichen, erlitt die höchste Glückseligkeit, oder mußte durch Thierkörper wandern. Die Mittelglieder zwischen Orient und Occident sind Pytha^ goras und Plato. ' Jener verpflanzt das Kastenwesen, dieser den Dualismus nach dem Westen.; besonders in der neupokhagorischen unv ncuplatonischen Schule, welche letztere zugleich eine halbreligiöse, halbpbilosophische^Sprache in die Masse brachte, durch die 'der Böden.für das Ch'ristenthum sehr gelockert ward. Zu gleicher Zeit brachten die Griechen den Vorderasiat'en einen Widerwillen gegen ihre Thiergottheiren, gegen ihre bizarren Idole, gigantische Symbole; die Griechen ihrerseits hatten den Geschmack an ihren graciösen und majestätischen Göttcrformen verloren, und die Erfahrung hatte sie die Unzuverlässigkeit ihrer.Götter gelehrt. Rom selbst war nur zu sehr den Fußtapfen Griechenlands und des Orients gefolgt, hatte aber den Begriff des Vaterlands zu eng. mit den der väterlichen Gottheiten verbunden;^ je mehr es aber sein Kapitol von fremden Gottheiten überschwemmen ließ, unterlag es auch dem Ideen Wechsel der Griechen und Orientalen. „So, endigt Salvador dieses Kapitel, schien man in der ganzen bekannten Welt, gegen die christliche Aera, und in allen Klassen, aufgeklärten und niedrigey, dieser Welt, in demselben Augenblicke die Nothwendigkeit zu fühlen, sich in eine neue Jdeenordnung zu versetzen .'welche zum ersten Gesetze hätte, sich mehr an die Seelen, als an die'erschöpften Geister zu richten, alle religiösen Schranken zwischen Eingeweihten und Profanen niedetzureißen, und von oben nach unten zu wenden — denn die Ehre, dies'gethan zu -haben, gehört dem Christcnthum — eine unruhige Aufemanderj Häufung von Göttinnen und Göttern, welche jeder Art awn Sonderbarkeiten und Lastern. Beispiel und Schutz verliehen." Wenn in dieser Darstellung Salvador's etwas vermißt wird, so ist es, daß er zu wenig den Gesittungszustand der vorchristlichen'Gesellschaft berücksichtigt hat. Obwohl er gegen Ende des ersten Kapitels eine kurzeSchilderung des aufgeregten Zustandes der Gesellschaft zur Zeit des Ursprungs des ChlssstenthumS gegeben, hätte doch dieser Entwickelung ein eigenes Kapitel ge- ' widmet werden müffen, weil aus ihr gerade der Zustand'des Bedürfnisses, in welchem sich die-Welt befand,, am meisten hervorgehcn mußte. Es kann uns hier nicht darum zu thun sein, diese Lücke auszufüllen.' Nur andeuten' und erinnern wollen wir an die tiefe Erniedrigung des Menschen an sich unter den römischen Kaisern, der alle absolute Gültigkeit als solcher verloren hatte, an die gränzenlose Ausschweifung, der die bodenloseste Sittenlosigkeit als Dienerin zu Gebote stand, so daß alle Stützen des Menschenseins zerbrochen und abgesagt waren, an die Erschöpfung des ganzen geistigen Inhalts des' Altcrthums, so daß gar keine produktive Kraft mehr vorhanden war. So mußte das Bedürfniß, etwas Gegebenes zu erhallen, womit die Leere auszufüllen, auf'S höchste gesteigert werden; da man das bisherige Leben nicht umgestalten und bessern konnte, so mußte man nach einem Neuen greifen, das, sich dem Bisherigen in Vielem anschmiegend, dennoch daS Leben zu früherer Einfachheit zurückführe. (Fortsetzung folgt.) Redactcur: vr. L. Phrlippson» — Verlag von Waumgärtners Buchhandlung. 7— Druck von I. B. Hirfchfeld.