Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1839)
- Date
- 1839-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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sicherer ist. Denn wahrend sie dort den Stößen der Bewegung ausgesetzt ist, hat sie hier den Vorzug, ein wirklich integrirendes Lebensmoment der Gesellschaft geworden zu fein, wo denn ein jeder Schritt ein auf immer gewonnener ist, der von der Unduldsamkeit einzelner Männer zwar von Zeit zu Zeit beschrankt werden kann, aber doch als ein rechtszuständiger immer' wieder seine Gültigkeit erlangen muß. Uns selbst kommt es dabei zu Gute, auf diese Weise immer unserm Stande schon vorausgeeilt, also schon zu einem Fortschritt wieder praedisponirt zu. sein: während früher die Emanzipation unsere Masse leicht überflügeln, so daß sie hinter jener eine Zeit .lang Zurückbleiben konnte. Was bei diesem neuen Standpunkte unsere Aufgabe ist? — Indem also die bürgerliche Gleichstellung als ein Rechtsprincip feftgestellt ist, nicht mehr blos als eine Forderung erscheint: haben wir sie nunmehr nur zu verchei-' digen, Verunglimpfungen zurückzuweisen, Vorurtheile zu untergaben und zu vernichten, besonders aber jene jetzt zur wahren Wuth gewordene Sophisterei der Systeme, durch die das Menschengeschlechtliche Leben als eine Drathpuppe, die von einem einzigen Lehrsätze, wie von einem einzigen Faden geleitet werde, dargestellt wird, und wo jedes noch so lebensvolle Dasein, das in diese Formel nicht paßt, verdammt und verleugnet wird, zu entlarven. Diese-r Sophisterei machen sich die Ultraliberalen eben so schuldig wie die Ultratoristen, woher, die sonderbare Erscheinung kommt, daß Männer von beiden Extremen gemeinschaftliche Sachen machen, sobald sie es nur gegen die Juden Vorhaben. Wie schwerer diese Aufgabe ist, als die frühere, wo die Emanzipation als Forderung einfacher nur sich selbst auszusprechen hat, ist jedem offenbar, der näher darauf eingeht. Denn hier gilt es in die Tiefe der Parteien sich zu versenken, und mit felsenfester Unermüdlichkeit den Streit immer von vorne anzufangen, und auf allen Seiten den Angriff MÜckzuweisen. Wer uns bis hieher aufmerksam gefolgt ist, dem wird mm auch die gegenwärtige allgemeine Stimmung sehr er- . klärlich sein. Es liegt in der Natur der Sache, daß die extremen Parten sich immer am meisten aussprechen, und die heftigste Sprache reden. Denn das ist ihr Interesse, ihre Lebensäußerung. Das Interesse des festen, in sich sicheren und beruhigten Korpus ist es, sich lebensgemäß zu, fördern und die faktische Uebergewalt^ zu besitzen. Darum kann es uns nicht wundern, daß gerade Organe, die den Schein der Freisinnigkeit mit vielem Pathos vor sich, hertragen, gegen die Juden sich jetzt sehr abstoßend und mit absonderlicher Heftigkeit äußern, ebenso d!e Organe der Verfinsterung es jetzt viel bequemer haben, und sich mehr gehen lassen können, wenn siedie mittelalterliche Vergangenheit über uns wieder heraufbeschwören wollen. Wahrend dessen nimmt aber in dem Schooße dev Regierungen wie der gesunden Masse, die von jenen beiden keine weitere Notiz nimmt, der Rechtssinn für unsere Verhältnisse auf eine schöne Weise immer zu. Das Ecstere zeigt sich in den Fortschritten der Gesetzgebung, das Letztere in den vielen Wahlen von Juden zu Gemeindestellen, wo diese der Masse überlassen sind. Blicken wir nun zur Bestätigung dessen auf die Hauptbegebenheiten des verflossenen Jahres zurück. Palästina und Syrien im Aufstande begriffen gegen Mehmed Ali, war, da die Juden dem letztem treü blieben, der Schauplatz blutiger Schandthaten, an diesen verübt. Das Elend, welches die Natur imvorigen Jahre über sie gebracht hatte, erhöhte der Mensch in diesem Jahre. Der Vortheil, den eine geregelte Anstalt zu ihrer Unterstützung hat, wie sie in Amsterdam existirt, stellt sich dabei um sy mehrheraus. In I n d i e n, namentlich Bombay zeigen sich die Juden als tüchtige Krieger; in Consta nt ine als. die betriebsamsten und nützlichsten Bürger;- in Algier als der humanem Bildung entgegenkommend. Der Geist, der Frankreich beseelt, hatte Gelegenheit, sich m's glänzendste Licht zu stellen, als eine örtliche Intoleranz in der Stadt St. Esprit acht Munizipalräthe ihre Entlassung fordern ließ, weil ein Israelit zum Maire erhoben wurde, nachdem er sieben Jahre als erster Adjunkt fungirt hatte. . Ein und derselbe Unwille sprach sich in allen Organen der Oeffentlichkeit aus, ja, die ministeriellen Blätter fürchteten selbst, '.da einige- Staatsbeamte unter den Demissionairen waren, man würde dies der Regierung zur Last * legen „die doch ihre Ehre darin sucht, sich dem freien Geiste unsrer Institutionen treu zu beweisen" (7. ä. D.). Jener Israelit ' hatte auch seine Mission wohl verstanden, da er, obschon früher zweifelhaft, ob er das Amt annehmen solle, es nunmehr alsbald antrqt» Derselbe Geist zeigte sich, auch in allen Schritten/welche in diesem Bezüge der Staat that; er bedarf-keines Fortschreitens, denn er ist am Ziele. Die im vorigen Jahre erhöhte Position des Budget des israel. Cultus wurde beibehalten, und bei dieser Gelegenheit aber- , mals ein Zeugniß des Wohlverhaltens und der bürgerlichen Tüchtigkeit in der Deputirtenkammer den Israeliten gegeben. Aemter und Würden wurden Israeliten verliehen, sobald sie ihrer würdig waren. Wer hätte nur die Idee, dieser Stand der Dinge brächte Nachtheil, eine Idee, die in dem in Fraktionen getheilten Frankreich bei' irgend einer Nuance doch Anklang fände?!