Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1844)
- Date
- 1844-12-09
- Page
- Seite 725 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225335-3225386--06519-3315340- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
725 Und dann wie nichtig muß eine Vorkehrung sich ausnehmen, wenn wir den intellektuellen Zustand, der sowol bei den Menschen von gleichen, als verschiedenen Kostüms so stark differirt, bedenken. Man stelle einmal einen brodyer Juden in seinem polnischen Kostüm mit seiner leichten Pcrzeptibilität, seiner edlen Denkungsart und seinem großartigen und weitherzigen Charakter überhaupt, einem mährischen Juden in deutscher Kleidung, aber mit seinen verstachten Begriffen, seinem kleinlichen, hervorstechenden Wesen und seinen abgeschmackten Witzeleien gegenüber; oder man vergleiche den russischen mit den ghl. posenschen Juden, der erste voll Sagazität und Durchdringungskraft, der letzte fade und in seinem Geschwätze unausstehlich. Man setze endlich diese ganze Völkermasse, die so lange schon diese Tracht angenommen, in Vergleichung, man sehe noch immer die Menschen die nämlichen bleiben, wie noch immer eine Nation von der andern, ein Individuum von dem andern in Verstand und Charakter so schroff abweicht — und man erhebe noch weiter ein so furchtbares Zetergeschrei über die Nichtannahme des französischen Rockes. Hätte es an uns gelegen irgend eine Reformmaßrcgel zur Sprache zu bringen, eine Maßregel, die der Gesammtmaffe der polnischen Judenheit einen mächtigen und dauernden Impuls geben sollte — so wäre es vor Allem die Sprache. Dieses ausschließliche Eigenthum des vernünftigen Wesens, p niinortb V'N it pi b? Man sichet also, daß die älteren ".i psi bba Di'bsrt Rabbinen von der spanischen Schule ein gelinderes Licht über dieses Thema verbreiteten und weder die Worte des babylon. Talmuds im buchstäblichen Sinne genommen, noch auf der Aeußerung der Tosephta (Sabath 6. Abschn.), angelehnt an dem in ganz anderem Sinne gemeinten Vers in Zeph. 1, 8 wwaibn ba bin,, besonderes Gewicht gelegt haben. Dem- 'Pa2 lBiaba zufolge würde beim vorliegenden Fall eine genaue rituelle Untersuchung eher einen bejahenden Rechtsspruch fallen; denn wenn auch die Bedingung des Verheirathens als ein niL» biaa, so gut wie eine mnfi nyia betrachtet werden kann, so kann erstens der stete Wechsel der Moden nicht ein nnvnsi waba genannt werden und da zweitens die Tracht der polnischen Juden keineswegs ursprünglich jüdisch, vielmehr die der alten Polen ist, so bleibt hier Vieles von den rabbinischen Deduktionen unanwendbar. — Korresp. die Sprache, die in bunter Farbenmischung jedem Volke sein eigenthümliches Kolorit verleiht — auf diese allein ist alle mögliche Sorgfalt zu verwenden, diese allein ist fähig eine gesunkene Menschenklasse zu veredeln, und in ihrer Brust erhebende Nationalgefühle zu wecken. Was ist es denn sonst, das den Deutschen zum Deutschen, den Franzosen zum Franzosen und den Engländer zum Engländer macht? die Sprache. Was bezeichnet am besten die Weichherzigkeit des Italieners, den Hochsinn des Polen und das lebendige Feuer des Ungars? die Sprache. Was übt am meisten Einfluß auf die Gestaltungen einer Nation aus? Was hat am Anfänge des letzten Landtags in Ungarn den Sturm heraufbcschworen und alle Magyaren mit einem Geiste beseelt? WaS hat die Deputirtenkammer am heftigsten aufgebracht gegen die Kroaten und jenen Eifer in allen Gemüthern hervorgezaubert, der auch den Sieg davon trug? die Sprache. Es ist also nur die Sprache, die das Volk mit einer Nationalität beseelt, dem sie, eine schützende Macht, seine Rechte wahrt; die Sprache ist's, welche den Ruhm, die unsterblichen Ideen einer Zeit auf die Ewigkeit vererbt — und nicht das eitle Kleid, das heute in seinem Schimmer glänzt, morgen in den Winden sich auflöst. Auch den Juden hat die Sprache eines jedweden Landes ihren besondern Typus aufgedrückt: in Alexandrien waren sie hellenische, in Spanien spanische Juden; in Frankreich sprechen die Juden französisch, in Italien italienisch u. s. w. Nur bei den Juden Polens herrscht eine babylonische Sprachenverwirrung. Aus Deutschland eingewandert, haben sie im Grunde die deutsche Sprache beibehalten, aber obendrein ein Kauderwelsch von allen Sprachen, ein vermischtes Jargon, unverständlich der ganzen redenden Welt, eine Sprache, welche, als Gemengsel von allen Mundarten, nicht fähig ist einen erhabenen Gedanken, ein edles Gefühl auszudrücken — dieses ist das moralische Band, welches Millionen Menschen an einander kettet. Das wenige Polnische, dessen sie sich in der Umgangssprache mit dem Christen bedienen, betrachten sie mehr als ein nothwendiges Uebel. Selbst die erleuchtete Jugend trifft man eher bei der Lektüre deutscher und französischer Bücher, als über nationale an; englische und französische Romane machen das ganze Gebiet ihres Wissens aus, die, da sie von jugendlichem Gemüthe ohne eine 50«