Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-12-09 · Heft 50 (9.12.1844) · p. Seite 723

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 50 (9.12.1844)
Date
1844-12-09
Page
Seite 723 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225335-3225386--06517-3315338
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

723 Strenge der Regierung, früher so gewissenhaft bei widergesetzlichem Nerheirathen, auf einmal nach und die Juden, diese Fahrlässigkeit gleich wohl beachtend, benutzten die theueren Augenblicke zu Eheverbindungen' und schleunigst darauf folgenden Hochzeiten. Hymens Fackel erlosch wahrend mehrerer Wochen nicht und wo nur das jüdische Mädchen einen Bewerber traf, wurde ohne Wahl und ohne Aussicht vorerst Hochzeit gefeiert, aus Furcht vor der Schonungslosigkeit des nahenden Gesetzes. — Endlich erschien es, abgedruckt in mehreren Artikeln, als ein greller Widerspruch gegen das Statut von 1818 und alles Verwenden des jüdischen Vorstandes — noch immer aus einer Komposition von Männern bestehend, deren theils paradiesische Unwissenheit ihre Unthätigkeit entschuldigt, und die theils von niederen Leidenschaften beherrscht werden, die einem Konnte nicht am besten anstehen — von seiner Lethargie aufgeschrcckt, blieb fruchtlos. Da wir die Statuten ihrer ganzen Lange nach nächstens mitzutheilen gesonnen sind, so genügt cs uns blos, wenn wir jetzt die hauptsächlichen hervorheben. Unwiderruflich ist bestimmt worden, daß über den jüdischen Kaufmannsstand eine gewählte Kommission wachen muß, die zugleich eine Garantie für die Solidität jedes Kaufmanns zu sichern hat; eine geregelte Buchhaltung muß eingeführt werden; kein höherer Zinsfuß als 12°/o sei gestattet bei der Strafe einer einjährigen Verhaftung; kein Israelit darf vor einem erreichten Alter von dreißig Jahren heirathen, bevor er nicht früher die deutsche Tracht drei Jahre getragen hatte rc. Man sah nun ein, daß jedes Bemühen umsonst sei und die Jugend, die auf Adel nicht Anspruch machte, verwechselte nach und nach ihre polnische Kleidung mit der französischen; nur jene allein, welche diese Idee bei der Regierung durch ihre Eingabe zuerst in Anregung gebracht haben, verfielen in ihre Ohnmacht zurück, denn mit ihrem vornehmen Wesen konnte ein solcher Schritt sich nicht vereinbaren. „Sich deutsch kleiden" war nun das Schiboleth des Tages. Der krakauer Israelit verbindet mit seinem Kleinmuthe eine gewisse krähwinklerische Kleinstädtigkeit, daß die unbedeutendeste Bagatelle ein Hauptthema zu immerwährenden Bemerkungen abgeben könne. Ein Ereigniß, das in einer kleinen Provinzialstadt spurlos vorübergegangen wäre, macht in Krakau ein Aufsehen, welches Aller Augen auf sich zieht. Jedem der Neugekleideten folgte ein Schwarm von Leuten und der arme Märtyrer des neuen „Zivilisirens" war genöthigt durch einen dichten Haufen sich Platz zu machen, woher verschiedene Ansichten durchwürzt mit manchen Verwünschungen über ein so gottlose Umwandlung, an sein Ohr drangen. Aber außer den ersten Bestimmungen, die nur als billig erkannt werden müßten, wenn sie einer ungetrübten und reinen Quelle entfließen, was hat der Senat mit Gesetzverordnungen beabsichtigt, die nur vorherrschende Uebel zu vermindern, aber kein Gutes zu vermehren im Stande sind? — Wer kann es leugnen, daß ein unmäßiger Wucher die kommerzielle Klasse zu Grunde richtet; — aber woher sollen sich diese Wucherer, die Ihr mit Recht zu unterdrücken strebt, nun weiter erhalten? vielleicht von der kleinen Spanne Erde, die Ihr ihnen als Eigenthum erlaubt? Wie man doch Reformen, außer dem Bereiche der Möglichkeit liegend, als ein nothwendigcs Problem aufstellen kann! Fassen wir den letzten Beschluß des Gesetzes näher in's Auge, so stellen sich uns in demselben zwei Mängel heraus, die jedem Unparteiischen leicht auffallen müssen. Erstens: die Gehaltlosigkeit der Sache selbst; zweitens: die Zwecklosigkeit der Maßregel. Was hat eigentlich, fragen wir, die äußere Tracht, der Schnitt im Kleide eines Menschen mit seiner innern Organisation zu schaffen? — Abgesehen von dem inhumanen Zwange, einem Menschen die Form seiner Bekleidung vorzuschreiben, was für Resultate kann im geistigen Menschen eine bloße Trachtreform liefern? — Ihr bringet vor, daß schon dadurch dem Christen sich der Jude gleich siehet, wenn zwischen beiden keine Verschiedenheit in der Tracht vorherrscht; — aber wie lange kann denn der Rock im französischen Schnitte zugerichtet, einen Einfluß auf das Innere des — immerhin nur leichten Menschen, dem so was zur Umänderung seiner Gesinnung genügt, ausüben? — Zugegeben daß die polnischen Juden den Christen durch ihr äußeres Erscheinen nicht mehr so anstößig, ihnen auch immer näher gerückt sein werden, daß ein großer Theil der Intoleranz vertilgt werden muß, wenn eine so merkliche Scheidewand fallen wird; zugegeben, daß wirklich nur ein Aberglaube, ein hartnäckiges Vorurtheil die Juden bisher zurückgehalten und noch immer zurück-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.