Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1844)
- Date
- 1844-11-25
- Page
- Seite 686 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225335-3225384--06478-3315297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
686 „manche gottesdienstliche Gebräuche der Juden — Anfangs nur die Beschueidung und die Enthaltung von „gewissen Speisen — für überflüssig erklärten: so ander- „ten sie doch Nichts in den Lehrmeinungen, und offen- „barten keine neue Religionswahrheit. — Man hat es „dem Christenthume zur Ehre anrechnen wollen, daß es „die Lehre vom ewigen Leben verkündigt habe. Wir fin- „den aber, daß Juden mit Jesu ohne dessen Veranlassung „über das ewige Leben disputirten, daß also auch von „diesem bei den Juden schon die Rede war, wenn gleich „in ihren heiligen Büchern, besonders in den älteren, „wenig Spur davon vorhanden ist. — Man hat ferner „die Lehre, daß Gott Vater aller Menschen sei, als eine „eigenthümlich christliche geltend machen wollen; aber die „Apostel beschränkten die Wohlthaten des Messiasreiches „auf die Bekenner des ChristenthumS, und auf Jesus, „welcher zwar Niemanden von den irdischen Wohlthaten „Gottes ausschließet; verheißt aber doch nur denen das ewige „Leben, welche an seinen Namen glauben, und verkündigt, „daß Menschen von Morgen und vonAbend kom- „men, und mit Abraham, Isaak und Jakob zu „Tische sitzen, nur diejenigen also an seinen ewigen „Wobltbaten Thcil nehmen werden, welche zum Glauben „seiner Väter sich gewendet haben, mit den Juden eine „Heerde bilden. Der Partikularismus, welcher am „stärksten in der Offenbarung des Johannes hervortritt, „ist im Christenthume eben so wenig zu ver- „kennen, wie im Judenthume. Von einer allgemeinen „Erziehung und Beseeligung des menschlichen Geschlechts „ist hier und dort nicht die Rede, und wenn es auch „keine Sünde ist, das Christenthum in dieser Rücksicht zu „mcdernisircn, wie es denn in verschiedenen Zeiten verschiedene Gestalt angenommen hat: so herßt das doch „nicht, das Wesen desselben erklären." (Röhr VI. 1 S> 3.) Ferner: „Wie nun immer ber Glaube der Juden sich „entwickelt haben möge, so viel ist gewiß, daß Jesus und „seine Apostel denselben Glauben hatten und verkündigten, „daß sie nicht einmal in den äußerlichen gottesdienstlichen „Gebräuchen etwas änderten, bis der Zutritt heidnischer „Personen zum Christenthume eine solche Aenderung unausweichlich machte, und die Apostel, obwol nicht, unbedenklich , sich zu derselben entschließen mußten, jedoch „immer nur so weit, als nöthig war, um nicht die Hei- „den zurückzuschrecken. Daß Jesus das Judenthum nicht „wollte fallen lassen, erhellt schon aus seiner Erklärung: „Ich bin nicht gesandt, denn nur zu den ver- „lorenen Schafen vom Hause Israel; und: ich „bin nicht gekommen, das Gesetz und die Pro- „pheteu au fzu lösen. Er wollte nur die Verheißung „der Propheten, daß Gott durch einen Messias Begnadigung und eine neue Erhebung des jüdischen Volkes ge- „währen werde, in Erfüllung bringen, er wollte sein „Volk zur Verherrlichung führen. Das Christenthum war „ursprünglich eine neue Anstalt im Judenthume, sollte „aber keine neue Rcligionsart bringen." (Das. S. 4). Und der christliche Schriftsteller Ilr.'Herrmann Adalbert Daniel behauptet in einer erst im vorigen Jahre erschienen Schr-st „Theologische Kontroversen" (Halle bei Lrppert) „ daß die ganze dogmatische und moralische „Grundlage des alten Testaments im Allgemeinen auch „im Evangelium bleibe, daß cs noch sehr zweifelhaft sei, „ob Christus die ganze zermoniclle Grundlage oder nur „den ganzen Partikularismus derselben für abrogirt gehalten, und daß das alte Testament in viel höherem „Sinne eine Erkenntnißquelle des Christeuthums sei, als „es selbst die alte Dogmatiklehre." (S. 14). Wenn aber christliche Theologen also urtheileu, — und ich habe in einem Sendschreiben an Sie, hochw. Herr, absichtlich nur Zeugnisse rationalistischer Theologen angeführt, die bekanntlich das A. T. bei weitem nicht sc hoch stellen wie die Orthodoxen — kann es da befremden, daß der Jude in seinen Religionsurkunden für Geist und Herz erquickende Befriedigung und volle. Nahrung findet, und daß er durchaus keine innere Veranlassung suhlt, anderswo das zu suchen, was er in so reichem Maße besitzt? Wenn der rühmlich bekannte christliche Pfarrer Schottin sagt: „das ist die echte Moral, „die zu ihren Satzungen, wie Moses, den einzigen „Grund hinzufügt: Denn ich bin der Herr euer Gott. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig"; wer wird es da dem aufgeklärten Juden verargen, wenn er seinem aufgeklärten Glaubensbruder zumuthet, daß er der väterlichen Religion treu bleibe, die anerkannter Maßen eine so echte Moral enthält und lehrt? — Kann der billig denkende Christ daran Anstoß nehmen? — Bei alle dem bin ich jedoch weit entfernt, es Herrn Bloch übel zu nehmen, daß er persönlich und nach seiner individuellen Ansicht keine Befriedigung im Judenthume finden konnte, und daß er nicht eher Ruhe und Frieden fand, bis er sich auch zu den Lehren und Dogmen bekannte, welche das lutherisch-evangelische Chrisienthum vom Judenthume unterscheiden. Und da mich jede Erscheinung im Gebiete des religiösen und kirchlichen Lebens