Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1844)
- Date
- 1844-11-25
- Page
- Seite 684 (sequence 4)
- Language
- German
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684 öebh*c. Auf Grund des mehrerwähnten Briefes möchte ich mich freilich eher für letzteres erklären. Der gewesene Lompredigcr Vcirh in Wien und Professor Reander in Berlin baden ibrc Christlichkeit wenigstens auf ganz andere Weise an den Tag gelegt, als durch perfide Episteln an ibrc ehemalige Glaubensgenossen. Doch dem sei, wie ibm wolle, so viel ist klar, daß die Ihnen mißfälligen Urtbcile der Juden beim llebertritte ihrer Glaubensgenossen zu einer oder der andern christlichen Kirche auf ganz anderen Gründen ruhen, als auf den von Ihnen irrtümlich bezeichneten. Die vorzüglichsten dieser Gründe find: die Degradation der Juden und des Judenthums durch die Gesetze, die Knüpfung aller bürgerlichen Existenz an ein christliches Elaubensbekenntniß von Seiten des Staats, dann das Leben und der Charakter der meisten getauften Juden. Zu diesen allgemeinen Gründen, die sich bei jeder Apostasie gewaltsam aufdrängen, kommen m jedem speziellen Falle noch andere Umstande hinzu, die eben nicht sehr geeignet find, uns mit Achtung gegen diejenigen zu erfüllen, denen die Religion Abrahams, Mojes, Jesajas und des Psalmisten nicht genügt. Ich kennte Ihnen in dieser Beziehung aus meiner eigenen Erfahrung sehr frappante Beispiele erzählen; aber ich glaube, das Gesagte, die Hinweisung auf die tägliche Erfahrung werde hinreichcn, die Urtbcile der Juden über den Religionswcchsel .der Meisten ihrer Glaubensgenossen in einem viel mildern Lichte erscheinen zu lassen, als dieselben Ihnen erschienen und. Gar keinen Antheil an jenen Urtbeilen aber, — ich bitte Sw, ehrwürdiger Herr, dessen versichert zu sein — gar keinen Autheil au jenen Urtbeilen hat die Ansicht vom Ehristenrbun'.e, das ja die meisten Juden gar nicht kennen, und dessen Keuutniß alle Juden zu einem frommen, tugendhaften Leben für entbehrlich halten. Und wollte sich auch der Kundigere in doktrineller Beziehung ein Urtbcil gestatten, so kann er dabei um so leichter von dem Ehrisrenthume ganz absehen, als es ja von sehr gelehrten und berühmten christlichen Theologen anerkannt wird, daß das „alte Testament" Alles enthalte, was dem Menschen im Gebiete des Glaubens — und der Tugendlehre zu wissen nolhig ist. Herr Karl Steter/Pfarrer zu Kirchbeig hu Braunschweigischen, hat sich selbst in einer Abhandlung , ui welcher er sich offenbar mebr denn eine Ungerechtigkeit gegen das „alte Testament" zu Schulden kommen läßt, folgendermaßen hierüber ausgesprochen: „Kei- „ner der von Jesu ausgesprochenen, der Glaubens- oder „Siltenlekre zugehörigen Grundsätze, selbst mit Einschluß „derer, welche man häufig als dem Ehrisienthume ganz „eigenthümlich angesehen hat, ist den alttestameutlichen „Weisen ganz und durchaus fremd gewesen, und nicht „die Erfindung, sondern die Auffindung, Verdeut- „lichung und Anwendung derselben muß als der emineu- „tesie Vorzug der neutestamentlichen Lehre angesehen wer- „den. Einige Beispiele werden den zureichenden Grund „dieser Behauptung genügend darzuthun im Stande sein. „Fassen wir zunächst die christliche Belehrung über die „Vorsehung und die würdigste Anbetung derselben in das „Auge, so sind wir Alle eiugeständlich, daß die alttesta- „mentlichm Belehrungen über das Wesen und die Eigen- „schaften des höchsten einzigen Gottes dem Geiste der „Lehre Jesu so völlig entsprechen, daß wir uns bei An- „führnng des Auktoritätsbeweises derselben versucht füh- „len, mehr noch zum A. als zum R. T. zurück- „Z»gehen, finden aber auch die übrigen christlichen die „Gottheit betreffenden Belehrungen schon im A. T. nicht „undeutlich ausgesprochen. Auch ihm ist, so sehr auch „meistens jüdischer Partikularismus hervorstcchcn mag, die „erhabene Idee, von dem Walten der Vorsehung, welche „alle Menschen mit Liebe umfaßt, durchaus nicht „fremd. Nach dem Psalmisten 146, 10 segnet Gott al- „les Lebendige mit Gnade, und sorgt mit Liebe für alle „seine Menschen (Pf. 33, 13), welche Liebe hier schon „im schönen Bilde des Vaters dargestellt wird (Pf. „103, 13). Zuverlässige Hoffnungen aber, daß die Vor- „sehung einst alle Völker der Erde zur Wahrheit berufen, „und mit reiner Erkeimtniß beglücken werde, sprechen sich „besonders in dem Nachträge zu den Orakeln des Jesajas „(z. B. 00, 1—6) vielfach aus. Auch hier schon tritt, „so dringend auch meistens die Verpflichtung zum strengere», um den Hang zu fremden Kulten fern zu halten, „weislich angeordneten Zermoniendienste eingeschärft wird, „die hohe Idee der irmern, geistigen Anbetung Gottes „auf das Bestimmteste hervor. „Du hast weder an Brand- „noch an Sühnopfern Wohlgefallen" singt Ps. 40, 7 „ein erleuchteter Dichter, und Ps. 51, 17 wird das von „Reue ob der Sündcnschuld ergriffene Gemüth als das „der Vorsehung allein wohlgefällige Opfer, äußerer Got- „tesdienst der Unfrommen aber Jes. 1, 15 als ihm gänz- „lich mißfällig dargestellt." (Röhr's Magazin VII, 1,23ff.) Eben so erkennt es Herr Stöter an, „daß zu Jesu Zeit der Glaube an Unsterblichkeit tief in die jüdischen Nationalideen eingewurzelt war, und daß es Jesu nicht mehr oblag, die innere Wahrheit der Unsterblichkeitshoffnuug darzuthun. (Das. S. 25). Was namentlich diese,