Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1844)
- Date
- 1844-11-11
- Page
- Seite 657 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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657 schon heut zu Tage. Um so mehr ist es deßhalb zu bedauern, und Viele sehen dieses auch ein, daß der Jude bisher grade hier ferner, fremder und schroffer der Nationalität entgegensteht, und zu ihrer Förderung und Würdigung weit weniger sein Schärflein beiträgt, als seine Glaubensgenossen in anderen Ländern. Je mehr und mehr der Slave jetzt national — bewußt wird, desto größer und verhangnißvoller würde die Kluft zwischen ihm und dem Juden, wenn nicht schon jetzt hier und da beide Parteien ihre Annäherung befördern möchten. Dieß thun zu meist die Böhmen. Und wie diese das geistige Prinzipat im Slaventhum besitzen, und wie sie die Träger und Vermittler sind des Geistes vom Osten und Westen Europas, so wird auch ein Theil der böhmischen Juden seinen andern slavischen Glaubensgenossen den Weg zur nationalen Verschmelzung anbahnen und vermitteln. — -Wenige Monate sind verflossen, seitdem in diesen Blättern der glühende Wunsch einer innigen Vereinigung zwischen Juden und Slaven ausgesprochen wurde. Was dieser Aufruf nun bewirkt und was überhaupt von beiden Seiten zur Förderung des fraglichen Gegenstandes geschehen ist, soll hier erwähnt werden. Nicht nur Schreiber dieses, sondern mehrere einflußreiche böhmische Schriftsteller überließen sich damals der schönen Hoffnung, daß dieser Wunsch nicht j vergebens geäußert und seine Verwirklichung nicht j einer fernsten Zukunft' überlassen bleiben solle. — i Da brach der häßliche Pöbelauflauf in Prag aus! und diese Hoffnung wurde mehr als schmerzlich eri schüttert. Denn ob zwar sogar unter den hochgebil-! deten Deutschen ähnliche garstige Exzesse, wenig- : stens nicht minder häufig Vorkommen und vorgekomi men sind, und doch eine geistige Vereinigung derselj den mit den Juden durchaus nicht haben hindern! können, ja ob zwar hier das Ucbcl ein ganz ande- : res, tieferes und verborgeneres ist und nur um eine! äußere Gestaltung verlegen war, und daß doch zu- > letzt der fast überall gleiche Pöbel hier doch eben so j aus Deutschen wie aus Slaven bestanden, so! war doch vorauszusehen, daß man die Schuld den i Slaven allein werde aufbürden und mit Vorliebe ein fürchterliches Schreckoild vom slavischen Juden- 1 hasse werde ausmalen wollen. So wäre das kaum begonnene Werk der gegenseitigen Verständigung, wenn auch nicht gänzlich unterdrückt, doch auf längere Zeit hinausgeschoben worden. — Desto erfreulicher aber ist die wahrhaft würdige und versöhnende Stellung der slavischen Presse während und nach dieser Zeit. Wenn anderswo die Zeitungen ähnliche Ereignisse (wenn es sich um Juden handelt) nach dürftiger Möglichkeit entschuldigen und bemänteln, erschien hier um eben diese Zeit ein Artikel in der gelesensten und gcachtetsten slavischen Zeitschrift Kvvety: „über die Verhältnisse zwischen Juden und Slaven" der mit eben so viel Liebe und Geist, als gerechter Würdigung beider Parteien seinen Gegenstand bespricht. Eben weil der Verfasser der schon einmal in diesen Blättern erwähnte böhmische Dichter Nebösky beide Parteien genau kennt, bricht oft während des berechnenden Abwägens des Für und. Dawider seine Begeisterung, in der frohen Voraussicht einer schönern Zukunft, um so klarer und überzeugender aus. Meines Wissens brachte noch nie ein deutsches Blatt (es wäre denn ein jüdisches) eine so liebevolle Beurtheilung jüdischer Berhältnisse. Als Einleitung dient dem Artikel der theils im Auszuge theils wörtlich in der Uebersetzung wiedergegebene Aussatz: „Ein Wort an Juden und Slaven." Kaum war Nebösky's Artikel in den Kwöty beendigt, so kam schon eine Korrespondenz aus Rauduitz in Böhmen welche auf dieselben Gedanken und auf den Wunsch der Vereinigung einging, zugleich aber meldete, daß an der dortigen Schule durch Vermittlung des Rabbi Albert Kohn und des geistlichen Schulgehülfen Nahlowsky täglich eine Stunde Vormittags böhmische Sprache und täglich eine Stünde Nachmittags böhmischer Gesang gelehrt werde. Dieser Bericht wurde wie aus der Korrespondenz ersichtlich, zum Theil veranlaßt durch eine Privatmittheilung in der Allg. Zeit, des Judenthums, die hier wieder mitgetheilt wurde. Referent bedauerte, daß diese Blätter, so wenig Erhebliches aus der großen Stadt Prag in Bezug auf den mehr erwähnten Gegenstand zu melden finden. Er sollte aber bedenken, baß die Verhältnisse der Juden dort überhaupt trauriger sind und daß das alte Lied vom Krämerhaß und Krämerneid dort stärker und mißtönender gesungen werde, als irgendwo in Böhmen. — Auch daß die Kwösp seit einiger Zeit jüdische Legenden u. dgl. m., wahrscheinlich zur größern Wechselseitigkeit des Geistes bringen, mag nicht ganz ohne Bedeutung sein; so wie daß dem Verneh- 4<i*