Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1844)
- Date
- 1844-11-11
- Page
- Seite 656 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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656 Ich glaube es daher nicht entschuldigen zu müssen, wenn ich, um diesem Mangel bei dem Einen oder dem Andern abzuhelfen, folgende Stelle aus Franz Palacky's Geschichte von Böhmen wörtlich hersetze: (II. Bd. I. Abtheilung IV. Buch 5. Kap. Seite 278 und Anmerk. 348.) „Daß seine (Otakars) Ideen von Politik und Recht „seinem Zeitalter zuvoreilten, beweisen nicht nur „-die Erhebung des Bürgerstan- „des zu politischer Selbstständigkeit, die allmälige „Emanzipation der Bauern, die Verbreitung des „Kommunalwesens im ganzen Lande, das Ein- „dringen des römischen Rechts in die böhmischen „Kanzleien unter seiner Regierung: noch deutlicher „sprechen dafür z. B. seine merkwürdigen Verordnungen über Maaße und Gewichte und über „die Juden. Bei diesen letzteren erkannte er die „Rechte der Menschheit besser und vollständiger an, „als irgend ein Gesetzgeber des Mittelalters: ein „Jud' galt ihm vor Gericht eben so viel als ein „Christ, Judeneid wie Christeneid, Juden- „mord wie Christenmord und das Mandat schien „sogar für die Juden die Präsumtion begründen „zu wollen. Er gab dieser Volksklasse durch Erneuerung der von Friedrich dem Streitbaren über „die Juden erlassenen Gesetze eine rechtliche Stellung im Staate, ohne ihr eine ihrem Geiste wie- „derstrebende Bestimmung aufzudringen." Anmerkung 843: „Friedrichs Urkunde befindet sich „in Rauch's Script, rer. Austriae Bd. II. Es muß „Otakar als Verdienst angerechnet werden, daß er „diese nur für Oestreichs Juden bestimmten Gesetze „gleich am Anfänge seiner Regierung auf seine „ganze Monarchie ausdehnte, und dann nachdem „das unter dem Kardinallegaten Guido in Wien „gehaltene Konzilium sehr feindliche Dekrete gegen „die Juden gefaßt und wahrscheinlich Verfolgungen derselben veranlaßt hätte (diese Dekrete befin- „den sich ebenfalls in Rauchs Script, rer. Austr. „Bd. II.) daß er zur Milderung des Loses der Ju- „den und zu Schwächung dieser intoleranten Dekrete jene Statuten Friedrichs republizirte." Ueberhaupt ist es bemerkenswerth, daß die zwei größten slavischen Könige, Otakar II. von Böhmen und Kasimir der Große von Polen, trotz ihrer Zeit, gegen die Juden nach damaliger Möglichkeit gerecht waren. Von dem Erstern haben wir eben gesprochen, daß den andern nicht nur seine Liebe zur Jüdin Esther den Juden geneigt machte, und daß ihn ungefähr dieselben Ideen wie König Otakar beseelten, beweist schon seine Milde gegen die gedrückten Bauern. Deßhalb gab ihm der Adel den Ehrennamen Bauernkönig damals zum Spott. In den Ländern, in denen diese Könige herrschten, läßt es sich fast eher noch als anderswo Nachweisen, wie nur immer der Pöbel — sei's roher und niederer — besonders Stadtpöbel — oder halbgebildeter und vornehmer, gegen die Juden böslich gesinnt war. Noch jetzt ist der Jude in Polen, der einzige Freund und Vertraute des Bauern, und mit dem er ungefähr gleich gedrückt größtentheils in Eintracht lebt. Ich kenne die höhnische und bittere Gegenrede, und wünsche selbst mit vollem Herzen, daß auch jede Gelegenheit zum steten und häßlichen Vorwurf des Branntweinschankes beseitigt werden könnte. Aber Mäßigkeitsvercine, besonders wenn sie nicht im Volke begründet werden, und nur von einer Kaste ausgehen, sind Palliativmittel, Zwangsjacken, die nicht den Willen bessern, ihn nur schlaff und knechtisch machen und schmähliche Surrogate schaffen. O wollte Gott es wäre Juden und Bauern unbeengter freier Raum zur Bildung, sie würden dann von selbst das Schädliche und Schändliche beseitigen. Mit Bewußtsein und um so schneller, würde dann der Jude die segensreiche Stellung einnehmen, die ihm in Polen von der Vorsehung ist angewiesen worden. Zwei Millionen des „lebendigsten und geistreichsten Volkes des Erdbodens" so nennt es Mickiewicz der Pole') würden dann einen Mittelstand bilden so kräftig und unternehmend, so durchbildet und vermittelnd, als nur der irgend eines Landes. Ob früher oder später. Diese Stellung wird und muß der Jude in Polen einnehmen, ja vertritt sie theilweis *) Derselbe sagt in einer seiner Vorlesungen (ich habe das Buch nicht zur Hand) ungefähr Folgendes. „Wenn den Juden, und durch sie der Welt, ein Messianismus bevorsteht, so wird er wol hier zuerst sich offenbaren." Und in der Thal werden einst die polnischen Juden wenigstens im Judenthume eine weit wichtigere Stellung einnehmen als jetzt. Denn trotz vieler Auswüchse und Verwüchse ist hier noch der meiste Kern, die größte Ursprünglichkeit und die zahlreichsten und bedeutendste» Gemeinden.