Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1844)
- Date
- 1844-11-04
- Page
- Seite 638 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225335-3225381--06427-3315243- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
638 nothwendig ist — Bibel und Gebete — einen sehr nützlichen Hebel gegen Geistesträgheit abgeben, indem doch wenigstens ein Sprachelement und Literaturkreis in sie hereingebracht ist. Endlich: haben wir die hebräische Sprache als die unumgängliche Unterlage des israelitisch-religiösen Moments erkannt, ist es nothwendig, die Israeliten mit | diesem zu durchdringen: so muß auch die hebräische j Sprache in den Lehr- und Erziehplan der israelitischen! Jugend ausgenommen werden, denn am Ende wird das religiöse Moment neben dem Brodstudium immer doch seinen Platz behaupten müssen. Auch ist es nichtig, wenn man behaupten will, die Jugend erlerne das Hebräische nicht. Sie erlernt es nicht — weil man nicht will, weil es den Eltern an Willen fehlt. Der Segen einer angemessnen Lehrmethode, wenn er mit dem Willen der Eltern zusammentrifft, wird nie seinen Erfolg verfehlen: das hat uns eine vieljährige Erfahrung an die Hand gegeben. Es gilt also jetzt nur, den Eifer für das Hebräische als israelitisch-religiöses Moment wieder zu wecken, und die Eltern zu überzeugen, daß sie nur ihre Kinder dem rechten Lehrer zu übergeben und auf die rechte Weise anzuhalten haben, um ohne irgend anderweiten Schaden zum Ziele zu kommen, daß nämlich die Knaben Bibel und Gebete, die Mädchen, wenn auch oberflächlicher, die Gebete in der Ursprache verstehen. Wir haben in dem Vorhergehenden ein zwiefaches Resultat gewonnen: erstens, daß das israelitisch-religiöse Gepräge beim Gottesdienste durch das Medium der hebräischen Sprache bewahrt wird, zweitens daß das Erlernen des biblischen und gebetlichen Hebräisch nicht so viel Schwierigkeit bietet, um die Anwendung desselben beim Gottesdienste unmöglich und wirkungslos zu machen. Neben diese werden sich aber hinwiederum zwei Momente stellen, die gleichfalls ihre Erledigung verlangen. Erstens: wird aus unserm Gottesdienste Alles zu entfernen sein, was durchaus unverständlich, abstrus, dem echten, biblischen Hebräisch fremd ist, also jedenfalls für die Masse unverdaulich und wirkungslos bleibt, als: die Piutim, die chaldäischen Gebete, die Talmudstellen. Den Obskuranten ausgenommen, wird es wol jetzt keinen einsichtsvollen Orthodoxen geben, dem noch erwiesen zu werden brauchte, daß die genannten Stücke aus unserm Gebetbuche zu entfernen, wir das volle Recht hab,en, das Bedürfnis; aber liegt auf der Hand. Zweitens aber wird allerdings, um auch unmittelbar zum Gemüthe des Betenden zu sprechen, und außer dem, was das israelitisch-religiöse Moment ausmacht, was als Lehre, als Geheiligtes und Heiligendes, und Israel als religiöse Totalität Betreffendes im israelitischen Gottesdienste hervortreten nnd wirken muß, auch den Einzelmenschen als solchen in seinen individuellen Gefühlen anzusprechen und anzuregen, die Muttersprache im Gottesdienste einen bestimmten Platz einnehmen müssen. Werfen wir einen tiefern Blick in das, was seit einem halben Jahrhundert das Judenthum bewegt, in die Krise, in der es sich befindet, so bemerken wir zwei Richtungen, die eben durch ihren Zusammenstoß die Krise hervorgerufen. Die eine Richtung ist die: das Juden- 1hum will den asiatischen Charakter, den es in der Ausarbeitung seines Inhalts hat, in den Charakter der humanen Zivilisation aufgehen lassen; die andre: das Judenthum will seinen konfessionellen Charakter, den Charakter als geoffenbarte Religion des einigen Gottes mit deren ganzen: Inhalte bewahren und befestigen. Diese beiden Richtungen widersprechen sich an und für sich gar nicht, aber indem die eine auf Kosten der andern überwuchert, eine auf Kosten der andern sich zur äußersten Spitze treibt, befehden sie sich, und ist daraus aller Streit, aller Kampf entstanden, der jetzt das Judenthum bewegt. Je mehr aber beide Richtungen zum Bewußtsein kommen, und je klarer sie gefaßt werden, desto näher ist das Verständnis;, bis endlich beide Richtungen sich einander so recht tragen werden. Den Satz lehren und halten fest schon die Talmudisten: daß im Pentateuch viele Gesetze sich auf das Land Palästina beziehen, die daher nur innerhalb desselben Gültigkeit hatten. Das asiatische Element war also im Gesetze selbst schon vorhanden. Als aber späterhin außer dem Gesetze und der Tradition auch durch Synedrien und Rabbinen eine weitere Ausarbeitung des Judenthums statt fand, mußte natürlich das Judenthum noch weiter und ausgedehnter den asiatischen Charakter annehmen. Der asiatische Charakter zeichnet sich aber besonders darin ab, daß die Lehre neben der moralischen auch noch in symbolischer Handlung sich darzustellen sucht. Hier kömmt aber der Unterschied herein, daß der Mensch der Symbole niemals ganz entrathen kann. So wie unsre Sprache sich niemals ganz der Anthropomorphismen entkleiden kann, und selbst der völlig abstrakte Gedanke zu seiner Aussprache sich der bildlichen Ausdrücke beöienen muß: so wird auch die Religion im Kultus,