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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-10-28 · Heft 44 (28.10.1844) · p. Seite 632

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 44 (28.10.1844)
Date
1844-10-28
Page
Seite 632 (sequence 12)
Language
German
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632 gieöt in der Moldau kern Städtchen, das nicht von Juden bewohnt wäre. Doch bilden hier die Juden nicht (wie im nahen Galizien) überall die Majorität, sondern sie leben da unter Moldauern, Serven, Griechen und Bulgaren, verkehren mit ihnen unaufhörlich und helfen sich gut fort. Die Zahl der Juden in der Moldau konnte ich nicht ermitteln, sie wird aber mit jedem Tage größer, da außer der natürlichen Propagation noch immer viele aus Galizien und besonders Rußland dahin strömen. — Die größten und bedeutendsten Gemeinden sind Jassy, Botoschany und die Hafenstadt Gatatz. Da indessen die beiden letzteren keine eigenthümliche besondere Merkwürdigkeiten darbieten, so wollen wir unsere Betrachtungen bloß auf die Haupt- und Residenzstadt Jassy konzentriren. — Jassy ist als Haupt- und Residenzstadt äußerst merkwürdig, und zwar wegen ihrer ungewöhnlichen — Häßlichkeit. Denn wenn man sich das Bild einer großen Stadt mit engen schmutzigen Gassen, wo statt d<er Hausersymmetrie, die, die beiden Reihen der Gasse zieren sollte, vielmehr ein buntes Gemisch von ungeheueren Palasten (von denen meistens jedoch uns die fensterlosen Plankenwände der Höfe sichtbar sind) neben graberartigen unterirdischen M c nschenWohnungen (Borden's), die man in Deutschland in der That für Schweineställe unwürdig finden würde, und aller Art Handwerkerbuden, wo ihre Besitzer vor offenen Thüren ihr Metier verrichten, Bäcker halbnackend vor ihrem Ofen mit den Füßen am Teige knetend, Quasi-Restaurateur (Bukatare) vor ihrem siedenden Kessel und glühenden Rosteisen, worauf das ziemlich antike Fleisch irgend eines unschuldigen Thieres unter einem wenig angenehm afsizirenden Ton und Geruch seine Höllenmarter erleidet, um bald halbgar und noch glühend heiß von den schon sichtbaren weißen Doppelzähnen eines darneben stehenden schrecklichen Bräunlich-Schwarzen zermalmet zu werden; — dazu, in einiger Entfernung, rennende Gala-Kutschen, mit ihrer prächtigen Last einherbrausend, und neben ihnen buchstäblich nackte Zigeuner einherlausend, so daß es schwer halten müsse, zu beweisen, daß diese beiden Geschöpfe vom Geschlcchte homo sapiens L. ihrer Erscheinung nach, wenigstens eben so sehr von einander verschieden waren, als das Kameei vom Faulthier; — dazu wieder von einer andern Seite ein buntes Gemisch von einem halben Dutzend Trachten, worunter die polnischjüdische und die walachisch-jüdische mit allen ihren Va- - rictaten nicht vergessen worden; — wenn man, sage ich,! dieses Alles zusammengenommen, örtlich und zeitlich und in recht ordentlicher babylonischer Verwirrung sich denken kann, so hat man eine Szene, wie man sie in Jassy im Swentewiner, Podowechie, Rothe-Brücke, Herrngasse und -wie die übrigen Quasi-Gassen dort heißen mögen (denen jedoch alle Gassen der Residenzstädte Europa's, für ihre Kollegialität gewiß nicht sehr großen Dank wissen werden) täglich und stündlich erleben kann. Doch nein! Eines fehlt noch, denn mitten in jenem, oft undurchdringlichen Gedränge von rauschenden Kalleschen, ohrzerreißend schreienden ungeheuer breitachsigen Ochsenwagen (denn der Moldauer Bauer schmiert, aus Faulheit, feinen Wagen nie), Ochsen, Menschen, Pferde, Zigeuner, Staub und Schmutz hört man trommeln und man bemerkt einen eigenthümlichen Zug. Es ist nämlich ein halb nackend entkleideter Dieb oder Straßenraubs, an einem Stricke, vor dem Scharfrichter einhergetrieben, und zur Seite von zwei, mit Ruthenbündeln schwer belasteten, Riesenkerten begleitet; nahe hinter ihm marschirt ein Tambour und ein Quasi-Polizeikommissar. In jeder Gassenkreutzung macht man halt! Der Tambour trommelt, Leute eilen herbei, der Kommissär liest laut das gefällte Dekret ab, worauf unmittelbar auf seinen Wink ein Regen von Spießruthen auf den blauschwarzen, bluttriefenden Rücken des Unglücklichen fallt, dessen Wehklagen wieder durch Trommelschlag übertaubt wird. So macht er die Prozession durch ganz Jassy hindurch. — Die Tracht der Juden in der Moldau überhaupt, und in Jassy besonders, ist entweder die alte watachischjüdische, die der alten Landestracht sehr ähnelt, oder die modernes!) und zwar —inirahile diel«! — die pclnisch-jüdische Tracht. Denn seitdem die moldauischen und walachischen Christen (seit zehn bis zwölf Jahren etwa) ansingen, ihre alte Nationaltracht immer mehr ab- und die europäisch-deutsche anzulegen, sind auch die dortigen Juden vom Strome des Trachtenwechsels mikgerissen worden. Auch sie singen an, ihre alte walachische Tracht ab-, statt derselben aber als moderne Tracht die polnisch-jüdische anzulegen, und es giebt sogar noch viele alte jüdisch-walachische Familienvater (Frontaschis), die diesen Trachtwechsel ebenso verabscheuen und verachten, wie mancher alte orthodoxe polnische Jude seinesgleichen, wenn dieser anfangt, sich deutsch zu tragen. Dieses laßt sich dadurch wol erklären, daß der Moldauer Jude seine Glaubensbrüder in Polen einerseits über andererseits aber unter sich setzt. Nämlich was

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