Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1844)
- Date
- 1844-10-28
- Page
- Seite 622 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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622 schrifttrr der Religion mit milder Duldung achten, aber nicht , sich selbst zum Richter machend, sie tadeln und bespötteln, und wer den Beruf fühlt, die Sache öffentlich zu besprechen, der thue es mit jener schonenden Rücksicht, welche ihm die Liebe zur Pflicht macht, und die er im umgekehrten Falle auch für sich in Anspruch nimmt. Wo würde es hinführen, wenn alle religiösen Meinungsverschiedenheiten ihre öffentlichen Verfechter hätten und diese sich dann mit den Waffen der Leidenschaften, der Mißachtung, Verhöhnung und Bespöttelung einander bekämpften? Auf diesem Wege und durch solche Mittel wird kein Verhältniß und wahrlich am wenigsten der religiöse Zustand gebessert." Mit derselben Aufrichtigkeit haben wir aber diese Worte den verschiedenen Parteien im Judenthume zuzurufen. Es ist wahrlich! bedauernswerth, mit welcher Heftigkeit, Wuth, Rücksichtslosigkeit, Schonungslosigkeit jene sich gegenseitig befeinden, mit Schimpf und Bann sich überschütten, und öffentlich herunterreißen. Seit einigen Jahren ist ein so rüder Ton in unsre Literatur cingeriffen, daß sie das unerquicklichste Schauspiel giebt. Wir unsrerseits streben immer mehr danach, all' dergleichen von uns fern zu halten, und lassen lieber eine Menge Schmähartikel unbeantwortet, als daß wir solchen Schmutz anfassen sollten. Die spätere Zeit wird uns einigen Dank dafür wissen. In Ungarn fängt der jüdische Obskurantismus — das edle Wort „Orthodoxie" werden wir uns hüten, daran zu verschwenden — an zu wüthen. Die Dunkelmänner, die Israel von Wissenschaft, Kunst, Industrie und humaner Bildung zurückhalten und abschließen wollen, erheben ungescheut ihre Häupter, und schütteln drohend die Mähnen.' Jetzt sind es die jüdischen Lesevereine, auf die sie losstürmen. Man will keine jüdischen Journale, keine gedruckten Predigten ff. dulden. Es liegen uns mehre Berichte vor, wie in Vorträgen am verflossenen rih und d' von Frömmlern, die das Geld ihrer Gemeinden in zwanzigjährigem Nichtsthun verzehren, gerast wurde. Leider! findet dergleichen Anklang, während die jüdische Frömmigkeit selbst an denselben Orten immer mehr abnimmt, und in ihren Synagogen an Wochentagen kein *p:» mehr ist. Gott besseres! Ein völlig zuverlässiger Korrespondent, Arzt, schreibt uns folgenden Vorgang-, den er dokumentiren kann: Als ein Seitenstück des Vorgangs zu Memel, will ich E. E. einen ähnlichen, merkwürdigen Fall, von welchem ich Augenzeuge war, berichten. Im Königreiche B.. hat ein alter Vater, katholischen Glaubens, seine Kinder stets für das Judenthum begeistert, und sie öfters dringend aufgefordert, zu demselben überzugehen. Einer.seiner Söhne, bereits bürgerlicher ..meister in einer großen Stadt, verläßt sammt Weib und Kind dieselbe, geht nach U.. wo er, nachdem er viele Monate herumgereist, und an allen Orten abgewiesen wird, einen findet, der ihm zu Diensten stehet. Er soll bereits früher mehre Jahre die Synagoge besucht haben — und alle vierzehn Tage die Predigten des . angehört haben. Außer ihm bestand seine Familie aus seiner Frau, seiner Schwägerin und fünf Kindern weiblichen Geschlechts, welche ebenfalls sämmtlich zum Judenthume übergingen. Als ich ihn vor einem halben Jahre sprach, hatte er bereits vier Bücher Mosis mit Raschi erlernt, und lebt als geachtetes Mitglied in .... Er erzählte mir, daß sein Vater starb, und auf dem Todtenbette ihm gratulirte, und seinen zweiten Bruder ihm zu folgen anspornte. Die vorige Woche, Nachts 1 Uhr, werde ich in's Gasthaus zu einem kranken Kinde eines Fremden gerufen, und finde da — diesen Bruder, ebenfalls ein bemittelter Bürger aus .... mit sechs Kindern, worunter zwei Knaben — seine Frau sieht jede Stunde ihrer Entbindung entgegen. Die Liebenswürdigkeit dieser Familie und ihre Begeisterung für den jüdischen Glauben, in welchen sie erst vor vierzehn Tagen ausgenommen worden, ist beispiellos. Die Knaben wollten sich bei der Beschneidung durchaus nicht binden lassen, und als Alles vorüber war, fielen sie Gott dankend und voll Jubels auf die Knie. Die übrigen Schicksale dieser Familie sind höchst merkwürdiger Art." Da die Proselytenmacherei dem Judenthume völlig fremd ist, so entspringen solche Fälle gänzlich aus freiem Entschlüsse. Zeitungsnachrichten. Großbritannien. London, 12. Oktober. In der vorgestrigen Sitzung des Hofes der Aldermen wurde Herr Sidney als Alderman für Billingsgate eingeschworen.