Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1844)
- Date
- 1844-10-21
- Page
- Seite 615 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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615 garn. — Fragt cs sich nun, worin liegt das Uebel, was hat sie von ihrem heilsamen Streben abgezogen? so muß ich hierauf mit dem Worten der Schrift antworten: „Sie haben sich ein Kalb gemacht," und Jung und Alt rennt vor ihm her als waren sie von Taranteln gestochen; benannter Götze ist der neue nach polnischer Art singende Chasan, der als Natursänger wol ziemlich angenehm singt, doch keineswegs so entzückend, um sie alle in unthätigcn Schlaf zu lullen. So geringfügig dieses Motiv wol zu sein scheint, um so mehr betrübend, und die inkonsequente Handlungsweise der sich hier fortschreitend Nennenden am meisten bezeichnend ist es; und wenn nicht die Stimme der Wenigen sich wieder hören läßt, denen es Ernst um die gute Sache, um Abwälzung der Schmach und des Druckes von Israel ist, wenn diese Wenigen nicht bald wieder in die Posaune stoßen um die Schläfer aufzurütteln, so haben wir bald wieder dichte finstere Nacht am hellen Tage, und alles was bis jetzt geschehen geht spurlos unter. — Nur in den drei Anstalten im Hause der Tedescoschen Stiftung regt es sich im bessern Geiste, und durch die Akquisition des Herrn I. Steinhard, Kandidaten der Theologie, eines Mannes von unbescholtenem Wandel, der Frömmigkeit und Bildung, diese als die zwei unvereinbar geschilderten Pole, in sich vereint, durch die Berufung dieses, allgemeingeachteten Mannes zum Wortrage der Religion und der ungarischen Sprache an der Primärhauptschule, ist für kommende Zeiten manches Gute zu erwarten. — Möge dieser Bericht in ihrem bei uns gerne und viclgelesenem Blatte nicht zur Mißdeutung und vorschnellen Beurtheilung Anlaß geben — daß jedes Wort Wahrheit — lautere ungetrübte Wahrheit ist, rufe ich Alle, die mit den Verhältnissen Preßburgs bekannt sind, zum Zeugen an, und bin gerne bereit, einem jeden offen cntgegensprechcndem auch offen entgegen zu treten. 8inceru8. Lemberg, 27. September. (Privatmitth.) Groß und erhebend für unsere deutsche Gemeinde war die Andachtfeier der „heiligen Tage." Der Geist der Einigkeit und der Bruderliebe, der bis dahin in Einzclnrichtungen sich getheilt, vereinigte in diesen Tagen Alles, was Gefühl und Sinn für's Große, für das Erhabene einer edlern Gottesverehrung hatte, in einem eigends hierzu erwählten Betsaal. Alle die Dissonanzen der Eigenliebe und der Ausschließung, welche sich so oft mit religiösem Jndifferentismus zu verschwistern pflegen, waren durch den Rückblick aus die hohe Feier dieser Tage verschwunden, nur Wenige fehlten, nur Wenige hielt selbstisches Interesse und Feindschaft von einem Orte zurück, an dem sich die Bekenner des Fortschritts und der mildern Gesinnung zur Verherrlichung Gottes versammelten. In den festlich geschmückten Sälen, fern von dem altpolnischen Synagogenlärm, begann der Gottesdienst unter der Leitung des Herrn Predigers Abraham Kohn und des Kantors Osias Abras mit jener Würde, jener Ruhe und Feierlichkeit, wie sie ein solches Publikum, eine solche Andacht erheischen. Das kräftige Organ unseres Ab ras, der die düsteren melodischen Klänge einer exilischen Zeit mit dem Rhythmus des modern-erhabenen Sulzer'schen Gesanges zu vereinigen wußte, wirkte mächtig auf die Erregung der religiösen Stimmung in den Gemüthern der Versammlung. Staunend empfing der Geist vielleicht zum ersten Mal den mächtigen Eindruck wahrer religiöser Erhebung, und der harmonische Nachhall eines erst seit zwei Jahren in's Leben gerufenen Knabenchors mußte diesen Eindruck um so mehr verstärken, je glänzender und präziser die Ausführung, je gemüthlicher die melodische Fassung bei diesem Chor sich bekundete. Diese Tage und besonders der Versöhnungstag zeigten allen Freunden der Aufklärung und der edlern Gesittung die Nothwendigkeit einer zweckmäßigen Umgestaltung gottesdienstlicher Vorträge in einem Lande, dessen jüdische Bevölkerung so zahlreich, deren religiöse Interessen, obschon durch den Stempel des Alterthums geheiligt, wo nicht mit dem Geiste der Zeit in Widerspruch, doch selten bei dem höher Stehenden, bei dem Gebildeten denjenigen Anklang finden, der zur Gottesbegeisterung hinreißt, unser Herz veredelt und für das Erhabene empfänglich macht. Und mögen auch die Scheelsüchtigen eine solche Andacht mit ihrer gewohnten Vcrkleinerungssucht bekritteln, eine solche Zusammenkunft als eine Schaustellung eines unbekannten Innern bezeichnen: so bleibt doch der Satz wahr, daß durch eine solche Gottesfeier die Spuren eines halberloschenen religiösen Gefühls auf's Neue geweckt, der Blick zum Himmel vergeistiget und das Verhältniß des Menschen