Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1844)
- Date
- 1844-10-21
- Page
- Seite 614 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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614 sache dieser traurigen Erscheinung, so finden wir daß es die wenigsten mit uns ehrlich gemeint haben, ja wir sind fast überzeugt, daß selbst jene, die in allen ihren liberalen Reden für die Emanzipation der Juden zu glühen schienen, es nur so lange (den einzigen Beökhy ausgenommen) ernstlich zeigten, so lange sie in der Minorität zu sein glaubten, so lange glänzten sie mit ihren humanen Ansichten und ließen sich als Vorkämpfer für die Angelegenheit der Unterdrückten, von dem jedesmal zahlreich zuströmenden Publikum rauschende Eljen zurufen;— als es jedoch zum Ausschlag kam, als das Durchgrcifen ihrer Ansicht nur noch auf einen ernstlichen, von den gewöhnlichen Führern der Oppositionspartei mit Energie vorzunehmenden Angriff beruhte, da erschlafften sie sämmtlich — ja wider Willen drängt sich uns die Ueberzeugung auf — da fürchteten sie fast durchzudringen, und kehrten auf halbem Wege wieder um. — Die Wahrheit dieser Ansicht bezeugt die Repräsentation in Betreff der Judensache von den löblichen Ständen an seine Majestät gerichtet, worin sie den hohlen Grund angebend als Verträge sich Emanzipation im Allgemeinen nicht mit der Religion der Juden, mit einer solchen Lauheit auf die Erfüllung mehrerer einzelner Punkte cingehen, daß schon in der bald darauf erfolgten Magnatensitzung mit Schimpf und Schande alle diese Punkte verworfen wurden, und unseren getäuschten, durch so viele Versprechungen angeregten Erwartungen nicht die geringste Aussicht gelassen ward, ein Vaterland zu erwerben und unter den Schutz seiner Gesetze gestellt zu werden. — Die löblichen Stände projektirten unter anderem die Bildung eines Seminariums zur Reife israelitischer Volkshirten in Ungarn. — Die Aufregung , welche die Nachricht hierüber unter der orthodoren Partei der hiesigen Jsraelitengemeinde hervorrief, bezeugt schon praktisch, wie energisch sie hierdurch auf die Gesittung und den Fortschritt im Judenthume cingewirkt hätten, alles bis auf das Festsetzcn eines Fasttages geschah, und die unlautersten Mittel den ganzen Gesetzvorschlag zum mindesten bei den Magnaten zu hintcrtreiben, wurden trotz der Protestation der eben hier anwesenden pesther Landesdeputirten Kadisch und Hermann Löwy in Bewegung gesetzt — sie erwählten unter Anderem allsogleich Aniideputirte, und was müssen die Besseren denken, wenn M. Schey, ein Mitglied des hiesigen Kasino- und Kultusvereines, der unlängst einer der Ersten war um sich dem schroffen Ansinnen mehrerer hiesiger Fanatiker entgegenzustellen, und mit noch, anderen angesehenen hiesigen (circa 70) Familianten in einer eigenen Eingabe an das Komitat und die Statthalterei unter anderen die Bitte stellte, es möge von der Regierung Sorge getragen werden, daß in Zukunft nur solche Rabbinen angestellt werden, die außer ihrem talmudischen Wissen mit anderen Kenntnissen der Art ausgerüstet seien, um in der Sprache der Gebildeten das Wort Gottes zu lehren — was müssen wir denken, wenn eben derselbe sich zum Präses jener Deputation erwählen läßt, um jeder Neuerung ohne vorausgegangene reifliche Prüfung ob recht oder unrecht, entgegen zu arbeiten? ist es nicht eine natürliche Folge sodann, daß die Gegner der Emanzipation mit unseren eigenen Waffen uns bekämpfend, zum allgemeinen Grundsatz aufstellen, die Religion der Juden ist mit der Emanzipation derselben unvereinbar? Man spricht freilich auch, Herr M. Schey wäre insbesondere dem Gesctzvorschlage entgegen, daß die Gemeinden keine anderen Richter für die Zukunft als die der betreffenden Jurisdiktionen haben sollten, doch selbst wenn er schon für das nächste Jahr als erster Gemeindevorsteher erwählt wäre, so hätten wir ihm viel mehr Dank gewußt, wenn er im Gefühle der Wahrheit und seiner sonst bekannten Aufklärung auch dieses Mal jene Volksstimme vertreten hätte, die Gottlob trotz allen Finsterlingen schon heut zu Tage in Ungarn die überwiegende ist. Selbst vom hiesigen Kasinoverein, welcher sich bei seinem Entstehen vortheilhaft zeigte, kann ich Ihnen vor der Hand nichts Erfreuliches berichten; die Leitung desselben ist in diesem Jahre einem Vorstande anvertraut worden, der es darauf abgesehen zu haben scheint, das ganze Institut aufzulösen, und alles was es im Beginn mit schweren Opfern errungen, zu zerstören. — Eine Kinderbewahranstalt, eine ungarische Sprachschule, ein entstehender Kultusverein, diese ersten Früchte seit seiner Entstehung, zu welchen sanguinischen Hoffnungen berechtigten sie nicht sämmtliche Gemeinden Oberungarns, denn die preßburger Gemeinde, mehr als sechs tausend Seelen zählend, übt noch immer einen bedeutenden Einfluß auf die Gestaltung der meisten anderen in Un-