Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-10-14 · Heft 42 (14.10.1844) · p. Seite 603

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 42 (14.10.1844)
Date
1844-10-14
Page
Seite 603 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3224737-3225335-3225378--06389-3315202
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

603 Leben auszugteichen sei mit der Geschichte, und was dann von dem Ererbten noch lebendig sei, was abgestorben: er muß am schärfsten auf ihre Beantwortung dringen und selbst die Lösung herbeizuführen suchen, denn ihn treibt die heilige Pflicht seines Berufes und die schwere Verantwortlichkeit, die er durch Leichtsinn oder Trägheit auf sich laden würde. Niemand also ist so geeignet, den Kampf der Zeit zu bezeichnen, als gerade der Lehrer und somit müssen wir die Wahl der Persönlichkeit, die Herr vr. Stein heim zu seinem Lebensbilde getroffen, vollkommen angemeffen und zweckmäßig finden. Und wenn er unter den vielen Lehrern gerade diesen ausgewählt, so erklären wir auch darin uns mit ihm einverstanden, denn es sondern sich bei diesem Stande in der israelitischen Neuzeit deutlich zwei Massen aus, die eine, aus solchen bestehend, die übrig geblieben/weil es ihnen nicht gelungen, einen andern, lohnendem Erwerb zu erhaschen, die zweite, bedeutend in der Minderzahl, die aus Neigung und Beruf dem Stande der Jugendbildung sich zugewandt, deren ganzes Leben mit allen seinen Strahlen in diesem einen- Brennpunkte sich vereinigt. Au diesen Wenigen gehörte Büdinger, er lebte nur in diesem Berufe und für denselben, er überwand alle Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenthücmten, um für die Jugend, für sein Volk zu wirken, und er fand den Weg, von wo aus es ihm gelingen sollte, eine gedeihliche und ersprießliche Thatigkeit zu finden. In der Generation, der der Verstorbene angehörte, ist solche Klarheit über das, was Noth thut, noch nicht häufig: der Dünkelwahn, Alles zu wissen und zu können, der den Autodidakten und den bloß tatmudisch Gebildeten meist anhaftet, war damals noch weit verbreiteter, als heut zu Tage; um so mehr verdient der, der sich davon frei halt, unsere Achtung und Anerkennung. Suchen wir hier eine Biographie im gewöhnlichen Sinne des Wortes, so täuschen wir uns: Büdinger's Leben war arm an Thatsachen, die der geschichtlichen Darstellung anheim fallen, und über die wenigen Ereignisse, die allenfalls zu berichten wären, fließen die Quellen nur spärlich zu. Ein höchst lückenhaftes Tagebuch (Memorabilien würden wir es lieber nennen), offenbar nicht zu dem Zwecke der öffentlichen Mittheilung angelegt, sondern höchstens zur Nachhülfe für die eigene Erinnerung, muß die meisten Materialien hergeben: nur für die letzten Jahre hat die würdige Gattin des Verstorbenen, eine Schwester des trefflichen Jacob Weil, eine zusammenhängendere Darstellung liefern können. Auch hat es der Verfasser sich gar nicht zur Aufgabe gemacht, eine kritisch-historische Biographie zu liefern: er hat nicht einmal den gedruckten Nachlaß Büdinger's als Quelle benutzt, er hat eine höhere geschichtliche Wahrheit angestrebt, er hat psychologisch ihn und seine Zeit zu erfassen gesucht, ihn aus seiner Zeit geschildert. Dazu hatte ec reicheres Material in seinem eigenen Geiste, in seiner eigenen Erinnerung: er knüpft Büdinger's Leben an die Schilderung der Bildungs- Periode am Schluß des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts. In gewissem Sinne lesen wir also die eigene Biographie des Verfassers in diesem Werke, nicht zwar die äußeren, sondern vielmehr die inneren Erlebnisse seines eigenen Geistes. So füllt er die Lücken aus, die in der Erzählung nur zu häufig eintreten, indem er aus dem reichen Schatz seines Geistes erklärt, belehrt, auch mitunter rügt und straft. In diesem Sinne ist das vorliegende Werk eine beachtenswerthe, bedeutende Erscheinung, denn das was Stein- Heim der Mittelpunkt seines Daseins, seines Forschens .und Wirkens ist, begeistert ihn auch in dieser Schrift: Die Offenbarung der Religion an den Menschen, und weil Büdinger dieser Richtung mit allem Gemüthe angehörte, darum hat er ihn mit besonderer Liebe zum Gegenstände seines Werkes gewählt. Sie hatten sich in späteren Jahren kennen und lieben gelernt, die reine, kindlich-treuherzige Natur Büdinger's hatte den Verfasser angezogen, und nach seinem Tode übernahm er es auf Bitten der trauernden Gattin, ihm ein Denkmal zu setzen. Die äußeren Momente des Lebens B's sind dieselben, die mehr oder weniger jeder Lehrer der damaligen Periode hatte: Erziehung und Unterricht von einem unreifen aber nicht unfähigen Lehrer, ein würdiger alter Vater, der dem Leben ganz entfremdet, eine treffliche Mutter, die für das tägliche Brod sorgen mußte, und schon in seinem zwölften Jahre ihm durch den Tod entrissen ward. Dann die Wanderjahre, zuerst sehen wir ihn als Viehhändler, dann durch einen plötzlichen Entschluß reißt er sich los und sucht sich durch Unterrichten das Leben zu fristen, um Gelegenheit und Mittel zu finden, sich weiter auszubilden. Unter mannichsachen trüben Erfahrungen kommt er von Stelle zu Stelle, bis er endlich im 3Isten Jahre seines Lebens auf der Universität zu Marburg den Schlußstein an das Werk legt. In Kassel, wo er sodann eine Hauslehrerstelle übernimmt, wirkt er für die arme Jugend und bereitet die Stiftung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.