Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1844)
- Date
- 1844-08-26
- Page
- Seite 493 (sequence 5)
- Language
- German
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493 dem Bisherigen nur zeigen, daß Ihr Begriff von Forlb. d. Jud. nicht der der Rabbinerversammlllttg sein konnte: so kann ich doch auch nicht umhin, Ihrer Deduktion noch Einiges entgegen zu setzen. Ich protestire auch gegen die von Ihnen dem Judenthum zuerkannte Möglichkeit, oder gar, wie Sie behaupten, Nothweudigkeit einer Fortbildung. Mir leuchtet überhaupt die Parallele nicht ein, die Sie von Natur und Menschengeist auf das vom Gottesgeislc Gegebene ziehen. Sie haben;war recht, wenn Sie sagen: „Darum aber giebt es doch eine Fortbildung im Judenthum" re.; auch ich bekenne mich hierzu und wünsche nichts sehnlicher, als eine Rabbinerversammluttg, welche die Mittel berathe, durch welche eine Fortbildung dieser Art bewirkt werde. Aber haben Sie denn nicht bemerkt, wie Ihr Genius Ihnen da das Wörtchen des mit dem Wörtchen Lm in aller Schnelligkeit vertauschte?") Ja, im Judenthum gab es immer eine Fortbildung und soll es noch geben. Die Textur, der historische Leib, wie Sie es nennen, unterlagt zu jeder Zeit einer Umgestaltung, einer Fortbildung, einer Vervollkommnung; und wenn je, so ist es in unsrer Zeit dringendes Bedürfuiß, theils um dem herrschenden Jndifferentismus zu steuern, theils um das Eindringen unjüdischer Prinzipien und Formen abzuwehren, und theils um den Rost hinweg zu schaffen, der sich in den Stürmen vormaliger Zeiten augesetzt. Aber im Judenthum muß sich diese Forlb bewegen, in den Schranken der Öffenbarungslehre muß ste bleiben/ wenn sie nicht bodenlos werden soll; sie darf nicht in eine Fortbildung des Iudenthums ausarten; denn Judenthum ist gleichbeteulend mir Offenbarungslehre, und kann daher nicht umgestaltet, viclweuiger fortgcbildet, vervollkommnet werden, wenn wir uns nicht selbst aus dem Judenthum hinausstoßen und am Ende an ein selbstfabrizirtes, blos chimärisches Judenthum gelangen wollen. Dabei muffen wir aber auch sorgfältig unterscheiden zwischen historischem Leibe des Judenthums, der allerdings fortgebildet werden kann und soll, und geoffenbartem Leibe, d. h. jener pentateuchischen Formen, welche den Geist des Judenrhums in sich bergen, die wir ebenfalls unter Judenthum verstehen, und die daher keine Fortbildung erleiden können, wenn und so lange der Offenbarer selbst denselben keine Fortbildung giebt""). Hiermit fällt alles Das hiu- *) Hierüber haben wir dem Herrn Rabb. 8. oben schon Rede gestanden. Red. **) Der Herr Rabb. L. vergißt, wie viele peutateuweg, was Sie, Herr Red., als Beweise für die schon bestanden und gesetzlich autorisirt sein sollende Fortb. d. I. anführen. Das Eintreten der Leviten an die Stelle de/ Erstgebornen war ein Offcnbarungsgesetz * **)). Das Königsgest'tz ebenso; dieses war gleichsam eine Nachgiebigkeit Gottes^), indem doch das Verlangen nach einem König Gottes Tadel nach sich zog. Das Versprechen der Einsetzung des Prophetenrhvms setzt durchaus keine Fortbildung voraus; es war vielmehr ein StalnlüätsinstLtut, da Propheten nur das von Moscheh Gelehrte zu erhalten und fortzupflanzen berufen waren 3). Das Erbrecht wurde nicht durch einen geschichtlichen Moment hcrvorgerufeu, sondern an einen solchen gelehnt. Die nicht pentateuchischen Bücher, die Tradition (wie doch das Wort selbst sagt), der Midrasch, die Aussprüche des Sauhedrins, die Mischna, der Talmud, die Werke der Heroen unsrer Literatur, die riTCJ, der tc, diese Alle waren freilich eine Fortbildung; aber nur eine Fortbildung des religiösen Mcnscheugeistes im Judenthum, keineswegs des Iudenthums 4). Wären die von Ihnen angeführten Stellen, Bücher rc. eine Geburt der Fortbildung des Judentums, so könnten sie füglich durch eine fortgoblldcte Fortbildung auch wieder iu ihr früheres Nichts zurückgedräugt werden, und das werden und können Sie doch nicht behaupten, wenigstens nicht so allgemein behaupten wolchische Formen laugst aus dem Judenthnme geschwunden sind, er denke z. B. an Jobel- und Erlaßzahr, an Zehenten, an die mosaische Jurisprudenz. Red. 1) Und darum keine Fortbildung? Red. 2) Was ist das für eine Ansiebt von einer „Nachgiebigkeit Gottes?" Dieser Unverstand, den freilich Rambam bei seiner Erklärung der Opfer auch begeht, zeigt einen schlechten Begriff von /Offenbarung Gottes!" Red. 3) Das ist nicht wahr, denn die Propheten sollten und konnten zwar nichts Moscheh Widersprechendes lehren, aber sie Hanen oft neue Seiten der Offenbarungslehre hervorzuwenden, die von Moscheh minder hervorgehoben worden waren. Das erste Kapitel von Jesaias giebt wol hinlänglich Beweis hierfür. Und wie? sind im Judenthume nicht selbst Lehren gegenwärtig vorherrschend, die in der pentateuchischen Lehre nicht geradezu ausgesprochen sind, z. B. die Unsterblichkeitslebre, die doch jetzt zu den Glaubensartikeln gehörig? Hat nicht Ezechiel die Lehre von der Versöhnung auf ganz andre Hohe gebracht, als ste im Pentateuch noch ausgesprochen ist? Ist das Alles keine Fortbildung des und im Iu. denthume? Red. 4) Das ist ganz Dasselbe, f. oben. Red.