Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1844)
- Date
- 1844-08-26
- Page
- Seite 491 (sequence 3)
- Language
- German
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491 Werke gethan haben, wenn man nicht dieses Prinzip als deren leitenden Artikel, als den rothen Faden gefunden hätte, der sie alle durchziehet. Allein ebenso vom heiligen Berufe geleitet, ebenso offen und frei entgegne ich Ihnen, daß durch Ihre Erklärung der K. 1 der Statuten der ersten Rabbinerversammlung keineswegs gerechtfertigt 'ist. Auch ich will keine Wortklauberei; will mich gerne bescheiden, „daß der Mißbrauch, der mit einem Gegenstände getrieben worden, von dem Gebrauche desselben, sobald er ein richtiger ist, niemals zurückhalten dürfe." Allein, Herr Redakteur, den Ausdruck Fortbildung des Judenthums kann ich niemals einen richtigen nennen, und ich bedaure, mich etwa zu den von Ihnen angeführten Unvernünftigen gezählt zu wissen, denen das Verständnis;, das Vernunftgemäße dieses Ausdrucks nicht zugänglich ist. Seine Umgebung „Erhaltung des Judenthums" und „Belebung des religiösen Sinnes" verleihet ihm, nach meiner Unvernunft, noch nicht den rechten Sinn, den Sinn nämlich, welchen Sie ihm verleihen. Diese Umgebung ist vielmehr eher geeignet, den Sinn zu verwirren, als ihn zu entwirren. Ein und dasselbe Judenthum soll doch nicht erhalten und zugleich fortgebildet werden. Um mit Ihren Worten zu reden, soll ja nur die Anlage, das Element, die Organisation des Judenthums erhalten, die Textur desselben aber fortgebildet werden; Beides nennt aber das fragliche Sta Lut I u d e n t h u m *). Das ist keineswegs Klarheit des Ausdrucks. Hier aber, Herr Red., stoßen wir schon auf deu für v unser» Gegenstand entscheidenden Punkt. Ich bin mit Ihrer Definition des Wortes Fortbildung vollkommen einverstanden, irr so fern nach derselben das Wesentliche eines Wesens nicht fortgebildet werden kann, und daß wer dieses antasten wollte, nur die Auflösung, den Tod des Wesens herbei führen würde. Ich verstehe überhaupt unter Fortbildung das Streben nach Vervollkommnung; mag es von einem innem Prozeß, oder von dem Konflikte der inneren und äußeren Bedingungen hervorgerufen werden. Aber auf das Judenthum angewandt, müssen wir uns zuvörderst über das Wort Judenthum selbst ver- °) Und allerdings mit Recht, denn Textur wie Organisation gehört zu einem und demselben Objekt, und gerade darum kann man von Erhaltung und Fortbildung des Judenthums sprechen, wie man von Erhaltung und Fortbildung jedes organischen Wesens sprechen muß. Red. . ständigen. Sie, Herr Red., — ich halte mich dessen genau überzeugt — Sie und ich fassen den Begriff, dieses Wortes nicht, wie Manche unsrer Amtsbrüder, blos negativ auf. Wir verstehen darunter nicht ein bloßes Richtchristenthum, oder höchstens einige abstrakte Lehrbegriffe, welche das Judenthum charakterisiren. Wir verstehen vielmehr darunter den ganzen Schatz, der in der h. S. uiedergelegt ist. Alte Institutionen, Lebens- und Verhaltuugsregeln, welche die ganze körperliche und geistige Thätigkeit des Israeliten in Anspruch zu nehmen und seinem Dasein die Richtung zu geben vermögen, welche mit den Grundlehren der Offenbarung im höchsten Einklänge steht; kurz: alle Ge- und Verbote der Tora sowot, als die reine Gotteserkenntniß, alles Dieses begreift das Wort Judenthum in sich *). Wir legen keinen anatomischen Apparat, kein Sezirmesser an irgend auch nur Einen Theil dieses Gesammtjudenthnms; das hieße ja, „seine Anlage, sein Element, seine Organisation" angreifen; in dem Buche Moscheh's und zugleich in unserm Herzen steht ja geschrieben 5n:»n »bi rpoin ab —. Kann nun hiernach ein Fortbilden des Judenthums Statt findend Wäre dieses nicht ein Widerspruch in sich selbst? Sehen Sie, verehrter Herr Red., darum ist es keine „blinde Furcht," kein „grundloser Schreck," der mich und die mir Gleichgesinnten ergreift, wenn wir von einer Fortbildung des Judenthums hören. Uns beängstigt der Gedanke: dieser Trug könnte sich in noch manches Herz einschleichen und Phantasie-Gestalten — Juden ohne Judenthum — erzeugen. Uns beängstigt der Gedanke: diese Dialektik könnte noch Manchem sein kostbarstes Gut, seinen Offenbarungsgtauben entwinden. Uns beängstigt der Gedanke: Israels Beruf könnte von Vielen verkannt werden; Feinde der Juden und des Judenthums glauben wir schon sprechen zu hören: „der Inhalt des alten Testamentes kann den Juden n cht als göttliche Offenbarung gelten; sonst könnte ihm ja keine Fortbilduugsfähigkeit zugeschrieben werden;" und das hieße nicht nur nnb *i:;nnb D'rn mn, sondern es wäre darauf anzuweuden *) Wir können dem Herrn Rabb. nicht beistimmen denn sehr viele Ge- und Verbote der Tora gehören zu dem historischen Leibe des Judenthums, der wandelbar ist. Die Opfergesetze z. B. sind Ge- und Verbote der Tora, und sie mußten sich zum Gebete fortbilden, das nach dem Talmud die Stelle der Opfer vertritt. Ist aber die Voraussetzung falsch, so ist auch der Schluß des Herrn R. L. falsch. ■ Red.