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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-08-19 · Heft 34 (19.8.1844) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 34 (19.8.1844)
Date
1844-08-19
Page
Seite 484 (sequence 12)
Language
German
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484 die außerordentliche Isolirtheit beider Geschlechter in Polen in der Jugendwelt (so weit daß oft z.B. der Bräutigam seiner Braut bis zum Hochzeitstage, nicht in's Gesicht gesehen hat) tragt mitunter zur moralischen Gefährdung derselben nicht wenig bei, nach dem alten berühmten Mendelsohn'schen Ausspruche „Despotismus von jeder Art reizt zur Widersetzlichkeit." — Zweitens, die Verachtung des Handwerksstandes. — Nicht genug daß die Handelsthätigkeit der Juden in Galizien die überwiegende ist, und mitunter von vielen unerfahrenen, jungen Spekulanten, zu ihrem und ihrer Konkurrenten Schaden erschwert und gefährdet wird, so ist dort der Handwerksstand, diese solide und ehrbare Ernährungsweise, noch obendrein, zurückgeseht und verachtet. Alles, selbst bis zum Faktor und Hausirer wird dem Handwerker vorgezogen. Traurige Verkehrtheit! Denn welcher Stand ist wahrhaft ehrbarer als der Handwerksstand? Wer kann sich als ein unentbehrlicheres gemeinnützigeres Mitglied im Staate betrachten als der brave Handwerksmann? Es ist der Produzent, kein bloßer Konsument. Es ist der Segen Gottes, der durch sein Händewerk seinem Haufe zufließt; welches schöne Gefühl der Unabhängigkeit! In der Thar ist es vorzüglich dieser Stand, der Erholung abwechselnd mit angemeßner Arbeit, Seelenruhe in der Gegenwart und Sorglosigkeit für die Zukunft, Vertrauen auf Gott und seine eignen Kräfte, seinem Besitzer gewährt. — Es ist wahr, der jüdische Handwerksstand in Galizien liegt schon an sich sehr danieder; denn es sind ihm erstlich von Außen die Pforten zur höhern technischen Ausbildung, so wie zur wechselseitigen moralischen Haltung, der so oft durch die Zunftinnigkeit bewirkt wird, verschlossen, da der jüdische Meister kein Zunftmitglied sein darf; ferner, von innen, ist es die Äutodidakrik mit allen ihren Mangeln besonders in solchen positiven, materiellen Gegenständen die hier — in Galizien — zum Nachtheil der vollkommenem Entwickelung dieses Standes eine große Rolle spielt, und endlich drittens, und zwar was das schlimmste ist, es fehlt dem Handwerker eben durch seine Isolirtheit von innen und von außen an allen Elementen humaner Bildung. Der Mensch muß ja aber zuerst Mensch sein, ehe er ein b e sii m m te u Mensch (Gelehrter, Kaufmann oder Handwerker) wird; allein diesem Allen ließe sich ab helfen, und es ist wahrhaft Zeit hier helfend und verbessernd einzuschreiten. Aber wie? dürste man fragen. Die Antwort ist folgende: bildet Handwer ksveceine, wie es deren unrer unseren Brüdern in Deutschland und Frankreich giebt, die dort so herrlich blühen und Heil und Segen um sich verbreiten; Galizien ist aber dazu noch mehr jgeeignet als Deutschland und Frankreich, weil da die Industrie noch in ihrer Kindheit ist, weil da zwar Vieles dem gesegneten Boden abgewonnen, äußerst Weniges aber verarbeitet wird. — Ein Handwerksverein müßte aber seine Thatigkeit in doppelter Richtung entfalten und zwar 1) für isolirte und 2) für gemeinschaftliche industrielle Erziehung. — Unter isolirter industriellen Erziehung verstehen wir folgendes: die Jnspektionsbehöcde des Vereines nimmt solche Armenkinder die einen bestimmten Schulkursus durchgemacht haben (und in der Regel nicht alter als 13 Jahre sind) unter Aufsicht. Es vertheilt sie an verschiedene Meister—je nach Anlage und Lust der Zöglinge — um von ihnen verschiedene Handwerkskünste zu erlernen. Wahrend der Lehrzeit stehet der Zögling immer unter Inspektion des Vereines, und muß wo möglich zu gewissen Stunden in jeder Woche — jedenfalls aber Sonnabend — einem Vortrag über Moral und Religion beiwohnen. Nach den Lehrjahren kommen die Wanderjahre. Auch noch da wird der Zögling vom Vereine unterstützt, empfohlen, aber auch beaufsichtiget. Hat jener sich endlich als Meister etablirt, so schuldet er dem Vereine die Kosten für seine Ausbildung und muß sie dann in jährlichen Raten abtragen. Aehnliche Vereine blühen vorzüglich in den jüdischen Gemeinden Berlins, Frankfurt am Main's und Hamburgs. — Zwe itens, gemeinschaftliche industrielle Erziehung. Solche Industriezweige, die mehr zum Fabrikswesen gehören (als Weberei, Spinnerei, Färberei so wie auch fabriksmäßige Tischler- und Schlosserarbeiten) sind in dieser Kategorie inbegriffen. Diese Erziehung erfordert stabile Arbeitshäuser mit einer eignen Verwaltung. Solche Arbeitshäuser werden am leichtesten durch Aktiengesellschaften realisirt. Aehnliche Institute giebt es in Straßburg, München und mehreren anderen Orten. — In Galizien, wo es der Fabriken und Maschienerien so wenige giebt, wo die wenigen, die erst im letzten Jahrzehent begonnen, schon so blühend sind, bedarf es noch, einer besondern Ermahnung um Institute zu schaffen wodurch der leidige Müßiggang beschrankt, Tausenden von brodlosen Menschen Nahrung und Arbeit, dem Lande selbst Aufschwung und Leben, so wie den betheiligten Gründern derselben ersprießlicher materieller Vortheil und noch dazu

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