Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1844)
- Date
- 1844-08-19
- Page
- Seite 474 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225335-3225370--06252-3315057- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
474 gegebenen Anmaßung der Herrschaft soll es auch des Hasses ledig werden, den jene Anmaßung allein rechtfertige» &ante." R. sagt ferner: „Tie wahre Humanität ist die, die in dem Besondern und Beschrankten die Keime und Anlagen des h'öhern Menschlichen begierig aufsucht, die auf die glimmenden Funken eines edlern Sinnes selbst Ln der Nacht finsterer Zeiten, unter der Asche der Dorurtheile und der Befangenheit das Auge mit Vorliebe richtet, die in den Wüsten der Rohheit selbst die spärlichen Knospen und Blüthen der Bildung zu entdecken und mit inniger Liebe zu pflegen weiß/' So schon alles Ties gesagt ist: so stimmt es doch wenig mit dem überein, was uns die Natur und Geschichte der Menschheit lehrt. Es ist hier der große Streit des Besondern und Allgeryemen, der aber nie geschlichtet zu werden befähigt ist, weit — die Menschheit stets aus Besonderheiten besteht, aus Individuen zusammengesetzt ist. Allerdings schafft sich aus den Besonderheiten immer ein Allgemeines heraus, aber dieses Allgemeine verarbeitet sich sofort wieder in das Besondere hinein. Es ist ganz und gar der Prozeß der Assimilation im körperlichen Organismus, wo aus allen besonderen Nahrungsmitteln der allgemeine Chymus produzirt wird, welcher aber sofort wieder zu den verschiedenen besonderen Organen und Gebilden, zu Muskel, Nerv, Sehne, Knochen ff. verarbeitet wird. Der Fortschritt des Menschengeschlechts besteht eben darin, daß das Besondere, soweit es in ihm liegt, ein Allgemeines wird, dieses Allgemeine aber sich wieder in's Besondere verkehrt, um dadurch innerhalb der Besonderheit wieder weiter gearbeitet, weiter geführt werden zu können. Dieser ganze Prozeß geschieht aber schon oft genug an Individuen selbst, um wie viel weniger an großen historischen Individualitäten. Der Entdecker oder Erfinder giebt seine Entdeckung oder Erfindung an die Allgemeinheit hin, hier erfährt sie Kritik, Prüfung, Erweiterung, Widerstand. So empfängt er sie von der Allger meinheit zurück, und ist dadurch befähigt, seine eigene Entdeckung oder Erfindung weiter zu führen. So auch die großen historischen Erscheinungen. Hierzu kommt nun der Gang der Fakta selbst. Es' giebt Wahrheiten, die, wenn auch vom Individuum ausgesprochen, in sich die Bestimmung, die Notwendigkeit tragen, die allgemeine Herrschaft;u erlangen, weil sie Wahrheit sind, das Allgemeine zu werden, aber ihrer Natur nach für die Menschen schwer anzunehmen sind. Diese Wahrheiten werden daher als Besonderheiten fort existiren müssen. Die Menschheit wird viele Phasen durchmachen müssen, ehe sie jene zu ihrer Allgemeinheit zu machen befähigt ist. So lange müssen solche Wahrheiteu als Besonderheiten existiren. Sie geben sich von Zeit zu Zeit in großen Emanationen an das Allgemeine hin, um t heilweise verarbeitet zu werden, bis sie dereinst ganz begriffen werden. Als Besonderheiten werden sie auch von den Phasen der Menschheit ergriffen, werden von Zeit zu Zeit vom Allgemeinen umgestaltet, ohne daß ihr Inhalt leiden darf: aber nimmer und nimmer können sie ihre Existenz als Besonderheit, so lange die Allgemeinheit ihren Inhalt noch nicht ausgenommen, aufgeben, weil sonst die. ser ihr, für die Allgemeinheit aufbewahrte und nothwendige Inhalt zu Boden fallen müßte. Wenden wir Dies auf das Iudenthnm an. Das -Judenthum enthält als obersten Lehrsatz: Gott ist einzig und einigt) (als solcher unkörperlich, rein geistig, so daß jede Verkörperung Gottes unmöglich ist). Dieser Lehrsatz ist eine Wahrheit, welche zur Allgemeinheit für das Menschengeschlecht bestimmt ist. Das wird uns Rießer zugeben. Mögen auch einzelne Männer des Atterthums von selbst auf diese Wahrheit gekommen sein, (unvollständig war ihr Begriff von derselben immer,) fest und unbedingt war sie zuerst und allein im Judenthume ausgesprochen, für eine Gesammtheit, für eine ganze Menschenmasse stand sie zuerst und allein im Judenthume da. Dom Judenthume emanirte, aber nur theilweise, diese Wahrheit durch Ehnstenthum nnd Mohamrdanismus in die Menschheit; aber für die Massen eristirt sie in diesen bis jetzt noch nur theilweise. Mögen auch Tausende außerhalb des Judevthums vollständig und unbedingt diese Wahrheit an- und ausgenommen haben: für ungleich größere Menschenmaffen ist sie vollständig und unbedingt noch nicht da. Was folgt daraus"? Daß diese Wahrheit immer noch als Besonderheit existiren muß, eben als Judenthum, bis sie — es werden nocl? viele Jahrhunderte vergehen — zur Allgemeinheit im Menschengeschlechte geworden (was ja der Prophet auch schon sagt). Es wäre Verrath an diesem Inhalt, es wäre *) Wir führen hier nur den obersten, von unseren Gegnern unbestrittensten Satz an. Allerdings enthält das Judenthum noch mehre solcher zur Allgemeinheit bestimmten Lehrsätze, ebenso die heil. Schrift dergleichen in andrer als rein-religiöser Beziehung, aber wir lassen sie hier, da es nicht ein Lehrgebäude, sondern die Zerstörung der gegnerischen Sätze gilt, bei Seite.