Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1844)
- Date
- 1844-08-12
- Page
- Seite 462 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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462 dem Gottesdienste verwiesen ward, schmerzte uns tief, was wir nicht zuruckhielten, auch offen auszusprechen. Was waren nun die Gründe, die man vorbrachte? Diese: 1) unser Gebet muß eine Wahrheit werden, und darum in der Sprache geschehen, die wir verstehen; 2) die hebräische Sprache ist eine tobte Sprache, seit ihrem Erlöschen hat sich unser Jdeenkreis sehr verändert und erweitert, so daß sie zum Ausdruck unsres Jchs nicht mehr genügt. Gegen den ersten Grund spricht die Wirklichkeit, der zweite Satz ist nur bedingungsweise wahr. Doch versetzen wir uns zuvor auf den rechten Boden. Was können wir bei unsren Bestrebungen allein im Auge haben? Welche Tendenz müssen wir Ln ihnen verfolgen? Wir müssen die Zukunft im Auge haben, aber auf dem Boden der Verganheit stehen. Würden wir lediglich die Vergangenheit festhalten, unveräudertich bei ihr verharren, so müßten wir uns mit ihr einschließen in ihr Grabmal, wir würden keinen Bestand haben. Ob A und B will, C und D nicht will, macht gar nichts ans; weder Autorität, noch Zwang, noch Einzelwitten kann die Zeit zurückhalten; und da nun die Beschäftigung der Zeit mit der Umbildung des Judenthums nicht geleugnet werden kann, man müßte denn wie der Strauß den Kopf in den Sand stecken, um den Jäger nicht zu sehen: so hilft auch der Trotz und die Gehässigkeit zu Nichts. Wollen wir aber lediglich auf die Zukunft schauen, bauen wir uns eine solche aus eigener Machtvollkommenheit zusammen: so erhalten wir nur „Luftschlösser," die aller Wirklichkeit, alles Bodens entbehren. Nur immerhin Ideale hingestellt, allgemeine Sätze, die für sich wol wahr sind im Allgemeinen, die aber in praxi tausendfach sich modifiziren müssen: wenn die Zeit herangckommen wäre, wo Ihr ste verwirklichen könntet — hättet Ihr kein Publikum mehr, für das Ihr sie verwirklicht. Ehe wir jedoch weiter gehen, wollen wir zuvor unsre eigene Ansicht über diesen Gegenstand aussprechen. An die Spitze derselben müssen wir aber nothwendig die Sätze stellen: 1) daß das Gebet nicht Sache des Verstandes, sondern vielmehr des Gemüthes ist, daher in Bezug auf,das Gebet auch alle die, oft allerdings dem Verstände schnurstracks zuwiderlaufenden Bewegungen des Gemüthes in Anschlag gebracht werden muss sen. 2) Daß der israelitische Wvttesdienfl nicht lediglich im Gebet als Ausdruck der Gefühle besteht, sondern daß auch ein wesentlicher Theit desselben in der Anerkenntnis des Inhalts der israelitischen Religion in dogmatischer wie historischer Beziehung, also in der Aussprache desselben, besteht. — Beide Sätze brauchen wir nicht zu erweisen, sie sind an sich klar. Der Verstand selbst braucht gar nicht zu beten, es ist das Gebet nur Aussprache und Bedürfniß der Gefühle; daher die Wirksamkeit des Gebetes nicht Aufklärung der Begriffe, sondern Veredlung des Gemüthes und Erhebung der Seele zu Gott ist. Für den zweiten Satz brauchen wir nur unser Gebetbuch zu öffnen, um die Richtigkeit einznsehen, die Einigkeit Gottes, die Ertheilung der Offenbarung, der Auszug aus Aegypten ff. ist überall anfzufinden. Wie wichtig und unentbehrlich dies aber für eine Religion ist, die von Anfang an und bis jetzt noch der unendlichen Mehrzahl der Menschen gegenüber ihren Inhalt, ihre Lehre aufrechtzuerhalten bestimmt war und ist, zu deren Auflösung alle möglichen Mittel gebraucht wurden und werden, von den härtesten der Verfolgung bis zu den mildesten der Verlockung, wird man leicht einsehen. Sie kann sich nur erhalten durch die Bestimmtheit und Unwaudetbarkeit ihrer Lehre, und durch unaufhörliches Hinweisen auf dieselbe. Fragen wir aber nun, was eigentlich der Mangel in unserm Gottesdienste-ist, ein Mangel, der bis jetzt noch nirgends gehoben worden ist: so liegt er, unsrer Ansicht nach, in dem Einerl.ei des Gottesdienstes. Das Einerlei des Gebetwortes und das Einerlei aller Formen, das ist es, was den Besuch unsrer Gotteshäuser schwächt, und waS durch Chorgesang und die würdigste Ordnung auf die Länge nicht geändert wird. So lange die Masse der Juden die Absagung des herkömmlichen Gebets für eine unverletzliche Pflicht hielt, war die Sache einfach. Die Piutim wie die Keduscha wurden gleicherweise gebetet. Unsere Ansicht mag nun hierüber sein, welche sie wolle: gewiß ist es, daß die bezeichnete Anschauung bei einer großen Zahl der westeuropäischen Juden nicht mehr vorhanden ist, und bei der Jugend immer mehr an Terrain verliert. Vielmehr macht es sich -bei ihnen vorherrschend, daß der Gottesdienst in ihnen —- Gefühle der Erbauung, der Andacht, der religiös-gemüthlichen Bewegung hervorbringe, und das vermöge er durch das bloße Absagen oder Absingen der herkömmlichen Gebete nicht. Wenn man allsabbatlich in das Gotteshaus tritt, und denselben Ton und dasselbe Wort vernimmt und dieselbe Verbeugung gewahrt zu derselben Minute, wie das vorige und vorvorige und vorvorvorige Mal: so kann