Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1844)
- Date
- 1844-08-05
- Page
- Seite 451 (sequence 7)
- Language
- German
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451 kann man wol sagen, daß sie als Gesammtheiten der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr entgegenkommen. Aus Qberschlefien, 24. Juli. (Privatmitth.) Wie es einerseits unlaugbar ist, daß die Bewohner mancher preußischen Provinz im Allgemeinen den Bewohnern Overschlesiens, und zwar besonders den Bewohnern jener Gegenden in dieser Provinz, deren Himmel sich bereits mit dem des Polenlandes zu mischen anfängt, in der Aufklärung und Bildung bei weitem vorgeeilt sind, eben so untäugbar ist eS andererseits, daß die overschlesischen Juden zu der gebildetern Einwohnerklasse Preußens gehören, und daß es fast in jeder ihrer Gemeinden Männer giebt, die durch ihre Intelligenz, durch ihre soziale und wissenschaftliche Bildung dazu ermächtigt, sowol die Kraft als auch den Willen haben würden, dem Edlem und Bessern in ihre Gemeinden Eingang zu verschaffen, wenn ihre Rabbinen dies Edlere und Bessere nur anregen wollten. — Aber diese wollen es nicht. — Doch dies ihr'Nichtwollen hat nicht etwa seinen Grund in einer völligen Unbekanntschaft mit der außer dem Bereiche ihrer Studierstube liegenden Welt, wie sie einigen früheren, alten Rabbinen nachgerühmt wurde, die selbst nicht 2222 kannten ■— nein, diese Herren Rabbinen gehören Gottlob nicht mehr zu diesem alten Schlage — sie verstehen sich nicht nur auf -L sehr gut — vielleicht zu gut! — sondern sind sogar mit der ganzen Gegenwart und allen ihren Anforderungen wohl vertraut; sie sehen wohl ein, wie noth eS thut, hier und da nützliche Reformen zu treffen — aber sie wollen es nicht, weil sie glauben, durch das starre Festhalten an dem, was als Kind der Zeit von dieser nach und nach wieder verschlungen wird, einen gewissen Heiligenschein um sich zu verbreiten — sie wollen es nicht, weil sie es lieben, die Hände müßig in den Schooß zu legen, und ihre Funktionen nach dem alten Schlendrian zu verwalten. Oder soll die Art und Weise, wie die oberschlesischen Rabbinen als solche fungiren eben die rechte sein? — Soll der Rabbine wirklich nichts Anderes zu thun haben, als im vorkommenden Falle mVNro zu paskenen, Trauungen zu vollziehen, und von Zeit zu Zeit einige, den Witz kitzelnde exegetische Erklärungen, mit einem Appendix von moralischen Sentenzen in der Synagoge aufzutischen? soll er wirklich nichts Anderes zu thun haben, als seiner Gemeinde vorzüglich an's Herz zu legen an den Sabbattagen keinen Regenschirm a'ufzuspannen und in □•’zn moi die Taschentücher, um den Leib gebunden, zu tragen? soll er wirklich nichts Andres zu thun haben, als den Frauen dringend zu empfehlen sogenannte fremde Haarscheitel zu tragen, und den Bann zu sprechen über diejenigen, die diesem Allem zuwider handeln? — Wenn dies bisher von dem größten Theile Israels auch geglaubt wurde, so haben uns doch Gottlob die Zeit und intelligente, gewissenhafte Männer, denen das Wohl Israels am Herzen lag, eines Bessern belehrt. Unsre Augen sind nun geöffnet worden, und wir haben einschn gelernt, daß die Rabbinen über wichtigere, heiligere Interessen zu wachen haben; es ist uns klar geworden, daß diejenigen, welche an die Spitze der jüdischen Gemeinden gestellt sind, nicht mehr zu den besoldeten 2^22 gehören dürfen. Sie müssen vielmehr, nach unsrer innigen Ueberzeugunz, von den Ideen der Zeit und einem Alles belebenden Geiste der Thatigkeit durchglühet sein, wenn die jüdische Religion nicht als kaltes, steinernes Monument der grauen Lorzeit, nicht als eine gewaltige, von aller übrigen Welt trennende Schranke, sondern als ein kräftiges, Leben athmendes Institut, als ein reiner Ausfluß der Alles umfassenden, göttlichen Liebe dastehen, und wenn die jüdische Nation nicht als zerbröckeltes Fragment der Bergangenheir, sondern als ein noch in der Gegenwart fest und innig zusammenhaltendes Ganze betrachtet werden soll. — Um so weher tl)Ut uns demnach die Unthätigkeit der oberschlesischen Rabbinen, mit um so größerem Leide blicken wir aus ihr dolce lar mente. Denn wenn sich auch hier und da einer dieser Herren rühmt, in seiner Gemeinde blos eine Frau zu wissen, die — homlnie dictu! — ihren eigenen Haarscheitel den Augen der Welt Preis giebt, so kann uns dies doch kerne hohe Meinung von seiner Wirksamkeit und der Religiosität seiner Gemeinde beibringen, zumal wenn wir sehen wie eilig die meisten der Frauen in ihrer Gemeinde, welche fremde Haarscheitel tragen, sich dieser Haareslast entledigen, sobald sie das Weichbild ihrer Stadt im Rücken haben, und somit deutlich genug an den Tag legen, daß sie kein religiöses Gefühl beim Umbinden des fremden Haarscheitels geleitet.— Wahrlich die Herren Rabbinen würden, glaube ich,