Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1844)
- Date
- 1844-07-29
- Page
- Seite 441 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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441 gewonnen; denn Tarnopot wurde dadurch zum ersten Male eine im Auslande bekannte jüdische Gemeinde. Man bezeichnete es mit Recht als diejenige Gemeinde Galiziens, die diesen ehrwürdigen Mann, dessen Name schon viele Finsterlinge und chassidische Halb-Rabbi's in gefährliche Zuckungen gerathen ließ, zum Rabbiner erwählt hat. Jetzt nachdem Rappaport Jahr und Tag im gali zischen Tarnopot als Rabbiner sigurirte und sogar in der letzten Zeit seines Dortftins einer vollkommenen Ruhe um sich her genoß, laßt sich der von der Regierung vorgeschriebenen Anstellung von ausstudirten und absolvicten d>eutsch-gekleideten Rabbinern vom Jahre 1844 ab, in ihrer völligen Realisirung lzwar noch immer unter mannigfaltigen Schwierigkeiten) entgegenhoffen. — In Tarnopot habe ich den Herausgeber der Kerem Chemed seiner auch in Deutschland beliebten jährlich in hebräischer Sprache erscheinenden literarisch-wissenschaftlichen Briefsammlung), Herrn S. L. Goldberg, so wie den Schwiegersohn des seligen Herrn Kroch mal, Herrn vr. meä. Horowitz,. der mit einer gründlichen Kenntniß seiner Fachwissenschaft, eine genaue Bekanntschaft mit dem Hebräischen verbindet, kennen gelernt. Ich horte da auch: der selige Krochmat habe vor seinem Tode diesen seinen Schwiegersohn beauftragt, seine hinterlassenen Papiere zu sammeln, zu ordnen und sie dann unter endlicher Redaktion des Herrn Dr. Zunz in Berlin herauszugeben. Möge Herr Dr. Horowitz, der ja als Kenner, selbst den Werth der Schriften eines Krochmal zu beurtheilen vermag, sich beeilen, diesen verborgenen Schatz, so bald als möglich zu Tage zu fördern. — Ehe ich Tarnopot vertieß, besuchte ich noch seinen jüdischen Friedhof (üVi? m), um die nachbarlichen Graberhüget Perl's und Krochmal's in Augenschein zu nehmen. Ein erhaben -wehmüthiges Gefühl bemeisterte sich meiner beim Anblick ihrer beiden niederen einfachen Grabsteine. Das sind, dachte ich, die Monumente unserer ausgezeichneten Geister; so sind die Grabsteine eines Mendelsohn, Spinoza, Ben-David, Salomon Maimon und so auch dieser beiden, in ihrer Art, vorzüglichen Israeliten! Keinem deiner Großen, Israel! hast du, wie andere Völker um dich, prachtvolle, imposante Monumente errichtet. Selbstverleugnung, Kampf ohne auszukämpfen, Verkanntsein im Leben und Unbeachtetsein im Tode ist das Loos deiner Heroen! — Doch bald rief eine innere Stimme mir zu: Vergessenheit ist nicht ihr Loos, ihre Monumente sind wie die Religion, für die sie gekämpft, geistig, ohne bildliches Zeichen, dafür aber ewig, wie der Geist, der sie beseelte, ewig wie das Wort des einzigen Gottes, den sie angebetet, ewig wie die Nation Israelis, für die sie gewirkt und in deren Herzen sie ewig leben werden.- Ich verließ Tarnopot und setzte meine galizische Wanderung — manche seitliche Exkursion abgerechnet — in südwestlicher Richtung fort, um nach der Bukowina und Tschernowitz zu gelangen. Auf dem Wege oder eigentlich Umwege zwischen Tarnopot und Tschernowitz traf ich viele Städtchen, die wie gewöhnlich größtentheils von Juden bewohnt waren. Ihren Charakter und ihr Leben haben wir bereits oben, wo wir vom jüdischen Kleinstädlerleben Galiziens sprachen, gezeichnet; nur muß man gestehen, daß hier im östlichen Theile Galiziens ein regerer Sinn für Kenntnisse und Wissenschaft unter den Juden sich ausspricht, als im westlichen Theile Galiziens (besonders auf dem Wienerweg), wo mehr das Aeußere abgeschliffen ist, das Innere aber vom Einflüsse des Wiener-Daseins kaum oberflächlich tangirt wurde. — Dieses geistige Streben in ostgalizischen Städtchen ist zwar noch in seiner Kindheit, autodidaktisch, ungeregelt, und zersplittert gar oft seine Kraft aus Unkenntniß der wahren Mittel und des kürzesten Weges um zum Ziele zu gelangen; allein eben darum ist dieses subjektive Streben, das alle diese Hindernisse zu bekämpfen im Stande ist, um so lobenswerther. Wie leicht wird es z. B. einem deutschen Knaben in der Schule das Deutschlesen zu erlernen? Wie schwer hingegen einem kleinstädtischen, erwachsenen, verwahrlosten rein talmudischen jungen Manne, an der Seite einer Frau mit zweien oder dreien Kindern, im Hause des fanatisch-orthodoxen Schwiegervaters und in einer chassidifchen Umgebung, wenn in ihm mit einem Male der Wille sich kund rhut, das Deutsche zu erlernen. Ein Lesebuch hat er nicht. Ein zufällig gefundenes Zeitungsblatt ist sein Alles; und sein Lehrer? Der Kanzleischrekber des Mandatarius, dessen deutsche Gelehrsamkeit wahrlich auch nicht übersprudelt, nimmt es über sich in zwei bis drei Stunden an einem entlegenen Orte dem jungen Wißbegierigen die deutschen Buchstaben zu zeigen, und, vom zweiten Tage ab muß der junge Mann schon selbst buchstabiren, lesen und mit eiserner Geduld das Verstandrüß eines Satzes sich erhärten. Fallt ihm nachher irgend ein deutsches Büchelchen in die Hände, so ist es für ihn ein unendlicher Fund. Wessen Inhalts es auch