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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-07-29 · Heft 31 (29.7.1844) · p. Seite 440

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 31 (29.7.1844)
Date
1844-07-29
Page
Seite 440 (sequence 12)
Language
German
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440 schritts und der zeitgemäßen Reform eingerichtet; im Ganzen ohngefahr im Sinne des Wiener Tempels, nur fehlt hier — in Tarnopol — der vierstimmige Choralgesang (statt dessen tragt ein einfacher Vorsänger die Gebete vor) und — die Predigt. Der sei. Perl hat jedoch nahe vor seinem Ende angefangen jeden dritten Sonnabend daselbst eine rein-deutsche Predigt abzuhalten. Ob diese ferner fortgesetzt werde, bezweifle ich. Den Enthusiasmus jedoch, den jene Predigten während ihres Bestehens bei der ganzen dortigen vornehmen Jugend beider Geschlechter hervorgebracht haben und der Zulauf, der damals nach der Perl'schm Schule statt fand, obschon das Rednertalent Perl's gerade nicht das glänzendste war, bewiesen zur Genüge, wie reif die gesummte bessere jüdische Jugend in Galizien für deutsche Predigten ist, und welche unendliche, heilsame Folgen die allgemeine systematische Einführung derselben in Galizien nach sich ziehen müßte. Jene innere, mitunter so hochwichtige Gebetreformen, wie sie in manchen Tempeln Deutschlands bereits realistrt sind, sind da bis jetzt nicht versucht worden; indessen man muß das jüdischgalizische Publikum berücksichtigen. In Tarnopol giebt's unter den fähigeren Aufgeklärten ein eigenthümliches literarisches Bestreben, das hier erwähnt zu werden verdient; es ist nämlich das Bestreben, Gedichte, Flugblätter, dramatische Skizzen u. dgl. im polnisch-jüdischen Jargon zu schreiben, wobei meistens lächerliche Mißbräuche und eingewurzelte schiefe Ansichten vor den Augen des betheiligten Publikums unter der Geißel der Satyre scharf mitgenommen werden. Dieses Bestreben, so geringfügig es auch Manchem scheinen mag, ist doch gar nicht zu übersehen, und will man das Gute auf dem möglichst nächsten Weg befördern, sogar wohl zu berücksichtigen. Denn schon die bloße Anwendung dieser verkrüppelten Mundart in der Literatur hat etwas Komisches an sich; es ist der Kontrast der Usurpation, der hier das Motiv des Lächerlichen abgiebt; überdieß enthalten die vielen Eigenthümlichkeiten dieser Mundart und ihre verschiedenen Elemente aus den verschiedensten Sprachsormen eine so mannigfaltige, erheiternde Buntschäckigkeit und ihr Reichthum an Wortspielen, Kalembour's und originellen witzigen Einfällen, die durch keine andere Sprache — eben ihrer Solidität willen — wiedergegeben zu werden vermögen, ist so frappant, daß man gestehen muß, jenes Sprachgemisch ist für die dortige Lokal-Komik und satyrische Sittengeißelung aus dem großen Felde der Mißbräuche, der Verkehrtheiten und der mannigfaltigen ahetischsten Monstrositäten im dortigen polnisch-jüdischen Leben, wie geschaffen. Indem aber solche literarische Produktionen auf eine heitere, eindringliche und unwiderlegbare Weise die Mißbräuche und Verkehrtheiten aufdecken und sie in ihrer wahrer Absurdität und Schlechtigkeit darstellen (der einzige Weg um dem, für trockene Vernunftgründe tauben Pöbel und dem für Vernunftgründe taub sein wollenden Lamden oder Ehassid, welcher letztere das Vernünftig-Ernste seinerseits durch chassidische Witze lächerlich zu machen sucht, eines Bessern zu überzeugen) wird zugleich der ästhetische Durchbruch im Volksleben, der da noch am meisten fehlt, ungemein gefördert, und das Volk fängt an zu fühlen, daß es einen ästhetischen Maßstab über alles wahrhaft Schöne und Häßliche giebt, ja daß dieser Maßstab in ihm ist, dm es bis jetzt nur vermöge einer verwahrlosten und irregeleiteten Erziehung unbeachtet ließ. Es ist also im Allgemeinen jenes Bestreben zu billigen, nur muß man darin auch nicht zu weit gehen, und erstens die Granze der erlaubten Satyre nicht überschreiten; diese Gränzen bildet einerseits das göttlich Heilige, wahrhaft religiöse, andererseits das Heiligthum des Privat- und Familienlebens nahmhaft bezeichneter Individuen. Zweitens muß diese sonderbare Literatur eben nur als nothwendiges Uebergangsmoment betrachtet und daher ihr weder an sich irgend ein bleibender Werth vindizirt werden, noch auch, wie Manche es dort wähnen mögen, jenes für ernste Wissenschaft total untaugliche Sprachgemisch über das Reich der Satyre hinaus auf ernstere Gebiete zu verpflanzen versucht werden. — Unter den besseren und gebildeteren israelitischen Familien Tarnopol's herrscht eine Art esprit de corps; es ist daher das Leben in diesem Kreise auch angenehmer, freier und vergnügter als sonstwo unter israelitischen Familien in Galizien. — In Tarnopol war, zu der Zeit als ich es besuchte, das Ort- und Kreisrabbinat vakant, denn der dasige frühere Kreisrabbiner, der, auch in Deutschland berühmte Rappaport, der in der That schon allein genügte, Galizien zu verherrlichen, hatte jene Gemeinde — Tarnopol — wo für ihn keine Rosen blühten und dieses Land — Galizien — das ihn nur halb zu würdigen verstand, verlassen und betrat einen schönen Boden — Prag — wo ihn eine angemessenere Umgebung mit Liebe an sich zog und wo ihm ein seiner würdiger Berus erst zu Theil ward. — Hat aber Rappaport durch Tarnopol wenig, so hat hingegen Tarnopol durch Rappaport viel

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