Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1844)
- Date
- 1844-07-29
- Page
- Seite 438 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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438 „und fühle und ein edles für alles Schone und Gute „empfängliche Herz im Busen trage. Die in der letzten „Zeit erlassenen llkase sind durchaus nicht so vernichtend, ,,als die himmelstürmende Sprache der Zeitungs-Korre- „spondenten glauben machen wollen, und zeigen das „Bestreben der russischen Regierung, die Söhne Israels „aus ihrer Lethargie aufzurütteln und sie auf irgend eine „Weife zur Theilnahme an die europäische Zivilisation „aufzufordern." Es ist aber ein anderer Umstand hierbei aufgemutzt worden, der von den guten deutschen Blattern nicht so unbenutzt gelassen wird. In Einigen ist bereits gemeldet worden, wie der Verfasser der Schrift „Oesterreich und Rußland" Doktor so und so heißt und ein in Leipzig lebender Jude aus Brody sei. Obgleich der Name deutlich genannt wird, nehme ich doch Anstand, ihn hier zu nennen und zwar aus folgenden Gründen: Erstens giebt es keinen Doktor dieses Namens hier in Leipzig, und dürfte es dem Menschen, der hier so heißt, schwer fallen, sein Doktordiplom vorzuzeigen; 2) kann ich den Bezeichnten fast nicht für den Verfasser dieser Russen kosenden Schrift halten, da mir früher ein Manuskript über Rußland von ihm zu Gesicht gekommen, mit dem er hier debutiren wollte, worin in ganz entgegengesetztem Sinne wie hier gesprochen war. — Doch halt! So eben erinnere ich mich, daß L. wahrscheinlich auch die Artikel in der A. A. I. abgefaßt, die die väterlichen Bemühungen der russischen Regierung um die Juden so schön darzustellen wußten, und da kann ich mir es nicht verbergen, daß zwischen diesen und der vorliegenden Schrift eine auffallende Aehnlichkeit statt findet. Ich wende daher die eigenen Worte der gedachten Schrift S. 36 aus den Vers, an: „Doch über das Ganze „schwebt der bleiche Schatten des Verrathes," (über Gurowski's Schriften) „an den heiligsten Interessen seines „Vaterlandes, seiner Religion, seiner Sprache. Ja, Al- „les hat dieser bedauernswerthe Renegat seinem neuen „Götzen geopfert, und er klammert sich mit der Angst „eines bösen Gewissens an fein neues Adoptivland." Was ich aber von der deutschen Journalistik gesagt, berührt dieselbe zwar nicht im Allgemeinen, jedoch giebt es nur wenige rühmliche Ausnahmen. Selbst diese aber vergessen sich zuweilen auch, und können nicht umhin, dann und wann, besonders wenn ihr Prkvatinteresse im Spiele ist, ein Wörtchen fallen zu lassen, von Judenjungen, die unter die Literatur gehen, oder vom jüdelnden Ton in der Literatur u. dgl. zu sprechen; ohne zu bedenken, daß es auch, und nicht wenige, christliche feile Federn, und wieder auf der andern Seite, in jeder Beziehung tüchtige, jüdische Literaten giebt. Im Vorbeigehen will ich nur B. Auerbach, Rießer, Oppenheim, Weil, Honeck und besonders die Redaktion der gesinnungsvollen Grenzboten nennen, ohne auch nur. hiermit im geringsten die große Anzahl achtungswerther jüdischer Publizisten erschöpfen zu wollen. Auf dem publizistischen Gebiete ist aber gerade der Mann zu erkennen und was er werth ist: da es hier gar so leicht wird, seine eignen Vorurtheile und Vortheile an-, und sie, namentlich bei einem niedrigen Leserkreise in Geltung zu bringen. Um dieses eben Gesagte zu belegen, will ich nur, unter tausendfachen Beispielen eines anführen, und dabei einem mit Volksbelehrung sich brüstenden Blatte, das aber, in Wahrheit eher Volksbekehrung beabsichtigt und auch erreicht, einmal die Maske abreißen. Ich nenne das, von einem Priester des Glaubens, der sich selbst der der Liebe nennt, redigirte allgemeine Volksblatt: die Dorfzeitung. Ueberall fast, wo die Dorfzeitung über jüdische Verhältnisse sich ausspricht, — und Haß und Liebe haben das an sich, daß sie oft auf ihren Gegenstand zurückkommen — zeigt sich eine solche schmutzige Gehässigkeit, daß man mit Verachtung und Abscheu sich davon wegwenden muß. Dies mag auch als Grund gelten, warum bis jetzt nie davon Erwähnung geschehen °). Eine reifliche Erwägung aber legt mir die Pflicht auf, darauf aufmerksam zu machen, um das Gift des Hasses wenigstens nicht, ohne davor gewarnt zu haben, auf'das fonji gesunde deutsche, insbesondere thüringsche Landvolk, einwirken zu lassen. ■ Eine Frucht der Dorfzeitungslektüre war es ohne Zweifel auch, daß im Herzogthum Meiningen von fast allen Standen Deputationen nach der Hauptstadt geschickt wurden, um gegen das, von der Staatsregierung den Standen proponirte Gesetz, über die Verhältnisse der Juden, Vorstellungen zu thun; doch bekannten diese selbst daß sie eigentlich nicht wissen, gegen was sie Vorstellungen machen sollen *) **). *) Ist nicht ganz wahr, wir haben schon öfter den schmählichen Judenhaß und die Unduldsamkeit der Dorfzeitung besprochen. Wahrscheinlich gehören sie bei dieser zu den Grundsätzen, um auf Pikantes zu spekuliren. Redakt. **) S. No. 29 d. Zeit. Redakt.