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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-07-22 · Heft 30 (22.7.1844) · p. Seite 421

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 30 (22.7.1844)
Date
1844-07-22
Page
Seite 421 (sequence 5)
Language
German
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421 kein Verlocken und kein Androhen bringt uns davon ab — ihr mögt uns loben oder verhöhnen, ihr mögt uns emanzipiren oder noch länger, aus christlicher Liebe, quälen und in der Sklaverei seufzen lassen — in und mit diesen Grundtehren stellen wir uns, wie einst der Hohepriester, zwischen das Leben und den Tod, zwischen einen Alles verflachenden sogenannten Rationalismus und einen Alles verdunkelnden Mystizismus, und verhindern auf diese Weise die Pest des Unglaubens, wie des Aberglaubens. Wenn Herr Bauer das — Festhalten an große und beseligende Wahrheiten — Zähigkeit nennt: so geben wir uns ihm gern gefangen, denn so mobil und so wandelbar wie Herr Bauer sich zeigt, der noch vor einigen Jahren die Unbeflecktheit der Jungfrau Maria in Schutz genommen und etwas später alle Evangelien, „die Persönlichkeit und die geschichtliche Existenz Christ:" antastet und die Evangelien in — Romane verwandelt — nein, so elastisch ist der indische Lolksgeist nicht, will es nicht, soll es nicht sein. In dieser Zähigkeit aber, in der Stabilität rückstchtlich der Grundlehren des Mosaismus, haben wir die höchste Freiheit, die gediegenste Sittlichkeit. Diese Zähigkeit ist allerdings „ein Ruhm," und macht da§ Volk, dessen Existenz sie erhält, zu einem geschichtlichen Volke (S. 12.)" Man sieht, daß sich Salomon in der frischesten Anschauung bewegt, und die fruchtbarsten Rabatten auf den Fels der jüdischen Geschichte zu tragen versteht. Mit Feuer erhebt er sich, wenn er gegen Bauer erweist, daß das Judenthum nie religiösen Fanatismus gegen irgend einen andern Glauben gelehrt habe, und daß mit Nichten in der christlichen Religion nach ihren Fundamentalschriften der Glaube die Liebe ausschließt (1 Kor. 13). Mit gleicher Kraft überführt er B., daß der Mittelpunkt des Mosaismus wahrlich nicht der „Opferritus" und die „Priesterordnung" ist, sondern die erhabensten Lehren, zu welchen sich die Auserwählten in jeglichem Volke von ganzem Herzen bekennen werden. Gleicherweise weist er B. nach, daß er den Talmud auch nicht im geringsten verstanden. Wir führen die Stelle hier an: „Er nennt den Talmud, als die Fortentwickelung des Mosaischen Gesetzes, „chimärisch, illusorisch, geistlos." Run, wir wissen, daß es an Worten Bauer nicht fehlt. Wir sind aber nicht gewohnt, von Worten uns verblenden zu Lassen. Warum ist denn die Fortentwickelung „illusorisch"« Bauer sagt: „äveil sie ein bloßes Zerspalten des Alten, ein Markten und Feilschen mit dem Alten, eine verdünnte Wiederholung desselben, aber keine neue Schöpfung ist." (S. 26.) Sollte es, oder durfte es denn aber eine neue Schöpfung sein? Die Furcht, ein polytheistisches Element könnte sich auch des Judenthums bemächtigen und die väterliche Religion mit den heidnischen Stoffen vermengt werden — rief den Talmud in's Leben. Und da man sich nicht dabei beruhigte, die väterlichen Lehren an und für sich, sondern auch die Art und Weise festzuhalten, wie dieselben von den Vätern geübt worden: so glaubten die Urheber der Tradition sich berechtigt, freilich mit einer Aengstlichkeit, die bei unserer jetzigen Auffassung an's Kleinliche zu gränzen scheint, in's Detail gehen zu müssen, um jedes „Tütelchen des Gesetzes" vor Ausartung zu schützen. Diese fromme Fürsorge um die Reinhaltung der väterlichen Religionsübungen nennt Bauer illusorisch, chimärisch und was er sonst noch für Prädikate dafür gebraucht. Er nennt den Talmud aber auch eine geistlose Entwickelung, und das zeugt davon, daß er den Geist des Talmuds nie begriffen hat. Denn gerade durch den Talmud soll dem tobten unb tödtenden Buchstaben des Mosaischen Gesetzes entgegengearbeitet werden, damit der Buchstabe nicht zur Herrschaft gelange und eine despotische Gewalt über die Gewissen ausübe und Handlungen verlange, die mit der wandelbaren Zeit und dem vielgestaltigen Leben in Konflikt kommen dürften. Daß — zum Beispiel — die Mosaisch gebotene Sabbatfeirr in allen Ländern und Klimaten Statt finden könne, ohne den Juden um Bequemlichkeit und Genuß zu bringen; daß— zum Beispiel! — die am Versöhnungstag Mosaisch gebotene Enthaltsamkeit in Gränzen bleibe und das Gesetz von Schwärmern nicht etwa zu Geißelungen des Fleisches und willkürlichen Selbstpeinigungen, die nicht ohne nachtheilige Folgen für Leib und Seele bleiben würden, gemißbraucht werde;— damit — ein drittes Beispiel!.— die Mosaisch gebotene Beschneidung nicht etwa in allen Fällen, auch wenn dem zarten Knaben Gefahr drohe, an demselben vollzogen werden müsse, sondern Ausnahmen zu gestatten seien, die Operation verschoben, ja nach Umständen ganz unvollzogen bleiben könne*), *) Maimonides Hilchoth Mila. Abschn. 1. §. 10—18.

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