Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1844)
- Date
- 1844-07-22
- Page
- Seite 420 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225335-3225366--06194-3314995- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
420 ordnung keine Fortbildung? Ln der Entfernung des b2 keine Fortbildung? Ln dem Zurückweisen falscher Ansichten, z. B. Erlaubniß des Wuchers, keine Fortbildung des Judenthums? ff. Antibaueriana. (Schluß.) Ueber die Zähigkeit des jüdischen Volksgeistes spricht Salomon manche eigenthümliche Ansichten aus, die wir hier nicht übergehen wollen. Er sagt (S. 46 ff.): „Von dem ambulanten Gotteszelt in der Wüste an, wo der ganze Kultus in blutigen Opfern bestand, bis zum Salomonischen Tempel — wo zu dem Opfer das Gebet sich gesellte (1 Kon. Kap. 8. 30, 35—50) von da bis zum Serubabelschen Tempel, wo mit dem Gebete der regelmäßige Gesang sich verbunden, (1 Chron. 7, 44. 67. 11, 23. 12, 45—47) von der Auflösung des Tempels, nach welcher Periode fast in jeder Gemeinde eine Synagoge nach individueller Einrichtung. in's Leben getreten, bis auf unsre Tage, denn in einem sehr kurzen Zeiträume sind unter den Juden Gotteshäuser hervorgerufen, in welchen in der Landessprache gebetet, gesungen, gepredigt wird — ist die Geschichte des jüdischen Kultus eine fortwährende Entwickelung, die, ohne die Prinzipe der jüdischen Religion zu verletzen, die Zeit begreift und berücksichtigt. Wenn Herr Bauer etwas gründlicher zu Werke gegangen wäre, würde er, da er einmal im Talmud die Fortentwickelung des Mosaischen Gesetzes erkannt hat, (S. 26), dieselbe nicht als chimärisch, illusorisch und geistlos (Das.) gestempelt haben. Der ganze Talmud hat keine andere Tendenz, als den Juden von der Sklaverei des Buchstabens — zu erlösen und jüdischen Volkslehrern den Weg zu zeigen, wie Alles, was nicht zünden Fundarnentallehren gehört, nach Zeit und Ort zu modifiziren sei. Gerade die Tradition (Herr Bauer müßte sich aber erst unterweisen lassen, was im Talmud als „Tradition" gilt, und nicht, wie die Ignoranz thur, jede rabbinische Grille für traditionelles — Gesetz halten;) gerade die Tradition verschafft und sichert dem Judenthume seine Perfektibilität und berechtigt uns, den Geist zu befreien aus dem Kerker, den man aus den Buchstaben des Mosaismus für denselben erbauen durfte, wie etwa früher die Pharisäer, später die Karäer gethan und wie es — darf ich es andeuten — vor 366 Jahren der Protestantismus mit dem Christenthum gemacht. Wären mit dem Katholizismus nicht andere Prinzipien verbunden, die jede freie Entwickelung unmöglich machen: so wäre derselbe, gerade wegen seiner Tradition für eine beständige Fortbildung des Christenthums weit geeigneter, als der Protestantismus mit seinen symbolischen Büchern. — Gerade der Talmud, oder die Tradition benimmt dem „jüdischen Volksgeiste" die Stabilität, die „Zähigkeit," raubte ihm keinesweges, sondern sichert ihm die „geschichtliche Entwickelung" unter allen Verhältnissen und in allen Ländern und — Welttheilen. Das Judenthum legt demnach unserm Fortschreiten weder in sozialer, noch in szientifischer, noch in kirchlicher Beziehung das geringste Hinderniß in den Weg. Jahrhunderte zeugen dafür. Und wer der alten Geschichte nicht glaubt, glaube der neuen. Das achtzehnte Jahrhundert sammt der nun bald zurückgelegten Hälfte des neunzehnten sind wohl geeignet, sich Glauben zu erzwingen. Ich kann Herrn Bauer versichern, daß meine Glaubensgenossen in Nichts hinter den Christen, ja hinter Herrn Bauer selbst Zurückbleiben, Herr Bauer ist nicht der einzige — ich kann ihm gar viele Juden nennen, die mit ihm „den Patriarchen Ferney" auch ihren Patriarchen, die „die vielen Heiligen, die französisch sprechen" auch ihre Heiligen nennen; würden sie Herrn Bauer beipflichten, „daß es wunderliche Heilige seien und daß es dennoch die ewige Ehre des achtzehnten Jahrhunderts sei, nach ihnen genannt zu werden,"*)— und so haben meine Glaubensgenossen nie die Zeit und ihre großen Ereignisse aus den Augen gelassen; daher kein Vorwurf die Juden weniger trifft, als der der Zähigkeit des jüdischen Volksgeistes." Nur in der Festhaltung der Grundte'hren der Mosaischen Religion — so wie in der Verehrung der heiligen Denkmäler, die sich unsere Väter in der ältesten Geschichte gesetzt— da sind die Juden zähe, stabil, Berge, Felsen, wie ihr wollt; da wird nicht gewankt und gewichen. Jene Grundlehren, bestimmt, einstens das Fundament der ganzen Menschheit zu werden, umklammern wir mit aller Kraft unserer Seele; *) Vergl. in der „Anekdota" rc. 2. Thl. S. 89-92 einen Aufsatz von B. Bauer.