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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-07-22 · Heft 30 (22.7.1844) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 30 (22.7.1844)
Date
1844-07-22
Page
Seite 419 (sequence 3)
Language
German
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419 bildung, nicht allein habe, sondern haben müsse. Wir haben schon früher einmal zu erweisen gesucht, daß dies durchaus nicht mit der Lehre von der göttlichen Offenbarung, welche die einzige Grundlage des Judenthums ist, streitet. Eine göttliche Offenbarung kann allerdings an sich nicht umgestaltet werden, Venn sonst ist sie keine göttliche. Eben so wenig kann, wenn der Mensch sich auch geistig und körperlich umgestaltet, das Wesen des Menschen an sich verändert werden. Seine Anlage, seine Elemente und seine Organisation als Mensch bleiben stets dieselben. Im Zudenthume ist die göttliche Offenbarung und das göttlich Offenbarte Anlage, Element und Organisation: diese müssen dieselbigen bleiben, so lange es Judenthum sein soll. Würden diese angetasiet, so wäre es kein Judenthum mehr, so wäre es also keine Fortbildung, sondern eine Auflösung, ein Tod, und behielte man hundertmal denselben Namen bei, es ist eine neue Schöpfung — (es könnte auch eine todtgeborne Mißgeburt sein —) die man unter dem alten Namen einschmuggeln will. Darum aber giebt es doch eine Fortbildung im Zudenthume, die das, was nicht zur ursprünglichen Anlage, Element und Organisation gehört, was die Textur ist, unter dem Konflikt der äußeren und inneren Bedingungen umgestaltct. Als die göttlich offenbarte Lehre vermittelst des israelitischen Volkes als eine historische Erscheinung in die Wirklichkeit treten sollte, bedurfte sie auch einer kompakten Gestaltung, welche die Anlage, die Elemente und Organisation tragen konnte, sie bedurfte eines historischen Leibes. Dieser aber ist es mit seiner ganzen Textur, der der Fortbildung bedurfte, der sie haben mußte, und hatte. Wie? hatte das Judenthum keine Fortbildung? nicht vom ersten Augenblicke seiner Existenz? findet nicht schon im schriftlichen Gesetz eine Fortbildung *) statt? Oder ist das Eintreten der Leviten an die Stelle der Erstgebornen keine Fortbildung? Ist das Königsgesetz mit seinen Eventualitäten keine Fortbildung? Setzt das Versprechen des Prophetenthums keine Fortbildung voraus? (5 Mos. 18, 18. „Propheten will ich ihnen erstehen lassen, aus der Mitte ihrer Brüder gleich dir, und in deren Mund meine Worte legen, und sie sollen zu ihnen reden Alles, was *) Man muß, wie aus unsrer ganze» Deduktion schon hervorgeht, hier überall unter „Fortbildung" nicht das Treten eines Bessern an die Stelle von Schlechterm verstehen, sondern eines Andern an die Stelle eines Frühern. ich ihnen gebieten werde ff.) ist das Erbrecht, wie es an einen geschichtlichen Moment sich antehnte, keine Fortbildung? (4 Mos. 27.) Und wie? geben die nicht-pentateuchischen Bücher der heiligen Schrift nicht eine Fortbildung sehr vieler Punkte und Theile des Pentateuchs? War die Tradition, so wie sie sich sofort au das schriftliche Gesetz anknüpfte, nicht eine Fortbildung? War das schriftliche Sammeln der Tradition keine Fortbildung? war der ganze Midrasch, sei es der Halacha, sei es der Agada keine Fortbildung? waren die Aussprüche des Sanhedrins, die Sprüche der Weisen, die Mischna und Talmüden keine Fortbildung? waren die Arbeiten des Rambam und aller Heroen unsrer Literatur keine Forbildung? waren die unzähligen rib keine Fortbildung? war der Schulchan Aruch und seine Kommentatoren keine Fortbildung? Saget an-, wie könnt Ihr Euch also vor diesem Worte so erschrecken? wie könnt Ihr darin irgend eine Zweideutigkeit finden? Fortbildung ist Alles, was auf die Existenz eines Wesens eigenthümlich einwirkt: nicht aber ist Fortbildung, was das Wesen ~üi seiner ursprünglichen Anlage, Elementen und Organisation selbst verändert. Hier ist der Punkt, wo sich die wahre Fortbildung von der Auflösung, von der Täuschung, vom Betrüge scheidet. Muß also ein jedes Ding eine Fortbildung haben, hat das Judcnthum von jeher eine solche gehabt: so muß es eine solche noch jetzt haben, und weder Furcht, noch böser Wille können sie verhindern. Es kommt aber darauf an, ihr fernerhin die rechte Richtung zu geben. Je belebter, je verschiedenartiger und darum je verworrener das geistige Leben einer Zeit ist, und je mehr eine histo-; rische Erscheinung mit der Zeit in Wechselwirkung getreten ist: desto größer sind auch die Konflikte der äußeren und inneren Bedingungen, desto mehr findet auch eine Fortbildung statt, die daher auch eine sehr krankhafte sein kann, so krankhaft, daß sie beinah so gefährlich wie eine völlige Stockung — vulgo Stabilität genannt — werden kann. Um so näher liegt es, daß diejenigen, welche das Judenthnm erhalten wollen, auch die Fortbildung desselben auf dem rechten Wege zu fördern suchen wollen. Das ist der Zweck der Rabbinerversammlung, dazu ist fle zusammengetreten. Ich glaube, daß hiermit die in den gedachten Worten gefundene Zweideutigkeit gehoben ist. Was nun der Herr Rabb. L. noch für Beispiele verlangt, verstehe ich nicht recht? Findet er B. in einer guten Synagogen-

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