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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-07-15 · Heft 29 (15.7.1844) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 29 (15.7.1844)
Date
1844-07-15
Page
Seite 413 (sequence 13)
Language
German
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413 mehr als überall Ln Polen, und diese sind's, die wir besonders in unserer allgemeinen Betrachtung über die Armuth unter den Juden in Galizien (S. unten am Schluffe Galiziens) berücksichtiget haben. — Ich verließ Brody und setzte meine Reise nach Ta rnopot ununterbrochen fort. — Auf dem Zwischenwege nichts Interessantes, dafür aber um so mehr in Tarnopol selbst.— Diese Stadt, die Mitte haltend zwischen groß und klein, zwischen schön und häßlich, ist auch rücksichtlich dessen, was ihre israelitische Gemeinde betrifft, ein Komplex zweier Extreme nämlich eines dreisten Chassidismus und einer so zu sagen entschlossenen Aufklärung. In keiner Gemeinde Galiziens war von jeher und besonders in den neuesten Zeiten, der Kampf von beiden Seiten so aktiv, ja man kann sagen so verwegen, wie hier. In keiner Gemeinde Galiziens war aber auch der Sieg des fortschreitenden Prinzips so entschieden und in seinen Folgen so real und wohlthuend als hier. Freilich war hier ein Mann — Joj seph Perl war's — selig ruhe seine Asche — der mit Kraft und männlicher Willmsenergie ausgerüstet, daselbst ein bestimmtes vorgestecktes Ziel sein Lebelang ununterbrochen verfolgte, und dem in diesem seinen schönen Bestreben auch vom Kaiserthrone herab der gnädigste Schutz und die wärmste Unterstützung zu Theil ward;! allein so muß es auch sein, wenn man etwas praktisch | Gutes erwirken, wenn man eine heilsame Zukunft zum ' Durchbruch bringen will. Perl wollte nicht der sonder-! liche Gelehrte sein, er wollte der Heilsbote seiner Ge-! meinde und seiner galizischen Brüder werden und er ward's in vollem Maße. Es war ein praktischer Mann, seine gestifteten Werke, seine Schule, sein Gotteshaus, Alles tragt die Spuren praktischen Fortschritts und praktischer Brauchbarkeit an sich. Er selbst war ein praktischer Philosoph, ein Biedermann von strengster Rechtlichkeit, ein treuer Freund, der — der edelsten Selbstverlaugnung fähig war, ein Vater der Bedürftigen, ein Erzieher der Waisen; daher war es auch diese praktische Seite, die ihn in den Augen aller Guten — christlichen und jüdischen Glaubens — so sehr erhob, daher sein außerordentlicher Einfluß während seines ganzen Lebens auf die Verhältnisse der Juden in ganz Galizien, den er aber auch immer zum Heile seiner Brüder anwendete. — Diesen Geist der praktischen Thätr'gker't vererbte Perl seinem kindlichen Nachfolger, seinen Umgebenden und Untergebenden, und dieses charakterisict auch bis jetzt die tarnopoler Aufgeklärten vor den Brodyern, die zwar bei weitem gebildeter aber auch bei wertem unthatiger sind. Es ist wahr, die tarnopoler Antiaufgeklärten d. h. Chassidim und Lomdim sind einigermaßen auch aktiver, item frecher als sonstwo, wie es die barbarischen Verfolgungen des berühmten Rappopoct in seiner hiesigen weiland Kreisrabbinerperiode von dieser rohen Seite her zur Genüge bewiesen; allein dieses liegt in der Natur der Sache, indem jede Aktion eine ihr entsprechende Reaktion hervorruft, wobei aber der Fortschritt überhaupt nur gewinnen kann, da doch am Ende die Finsterniß dem Lichte weichen muß und noch dazu das erkämpfte Gute um so fester dastehet und in den Gemüthern um so tiefer wurzelt. Nur Unthatigkeit und Jndifferentismus in der Gegenwart ist das frühe Grab einer bessern Zukunft. — Nach diesen allgemeinen Betrachtungen wollen wir nun das, für uns Merkwürdige in Tarnopol einzeln besehen. — Die Tarnopoler Perl'sche Schule, deren Direktion gegenwärtig der Sohn des Verstorbenen, Herr Apotheker*) Michel Pect in den Fußtapfen seines set. Vaters und zur Zufriedenheit Aller, leitet, zerfällt in eine Knaben - und Mädchenschule. In den niederen Klassen, wo der Elementarunterricht ertheilt wird, sind beide Geschlechter vereint, in den höheren hingegen getrennt. In den höheren Klassen für Knaben wird von recht tüchtigen Lehrern ohngefahr in denselben Gegenständen unterrichtet wie in den höheren Knabenschulen Deutschlands, nur bildet hier der jüdische Religions- und Bibelunterricht eine große Rubrik. In der Abtheilung für Mädchen wird, die Fortsetzung der früher begonnenen Kurse abgerechnet, besonders in allen Arten weiblicher Handarbeit unterwiesen, die geistreiche Tochter des Verstorbenen, Madame Aschkenasi, leitet diese Abtheilung. Für freiere Lust und bessere Beleuchtung bei den feineren weiblichen Handarbeiten ist auf eine eigenthümliche Weise gesorgt; nämlich auf dem höchsten Punkte des Schulgebäudes ist ein freies Sommerhäuschen in der Form einer gefensterten Kuppel angebracht, von wo aus man die ganze Stadt und ihre reizende Umgebung übersehen kann; hier ist im Sommer der Unterrichts- und Arbeitssaal für die weiblichen Handarbeiten. — *) Dieser ist der einzige ausnahmsweise privilegirte jüdische Apotheker in den kaiserlich österreichischen Staaten. Es war ein Gnadenakt von Seiten Sr. Sel. Majestät Kaiser Franz I. für I. Perl wegen seiner um die Nation sich erworbenen Verdienste. — Korresp.

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