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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-07-15 · Heft 29 (15.7.1844) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 29 (15.7.1844)
Date
1844-07-15
Page
Seite 412 (sequence 12)
Language
German
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412 noch unreifen Schülern zum Theit verrückt wurde; allein wer ist daran Schuld? Die Lehrer sind so tüchtig, witlenskrastig und ihres heiligen Berufes eingedenk jetzt wie früher, die Schulinspektion so thätig und aufmerksam wie ehedem, nur hat sich das Vertrauen oder vielmehr die Laune des Publikums geändert, indem neben den sie verabscheuenden Zionswächtern, denen ja jede wohlorganisirte Schule, die kein Cheider-Nest ist, ein Dorn im Auge ist, noch außerdem, wie gesagt, eine andere bei weitem zahl- und einflußreichere Partei gebildet hat, die da einer vor dreißig Jahren gegründeten, in ihrem Plane noch jetzt musterhaften Anstalt, in kommerzieller wie intellektueller Beziehung sich entwachsen wähnt; wer tragt nun die Schuld wenn ja eine vorhanden ist? — Indessen leistet die Brodyer Realschule, mit Freuden können es alle Besseren und Unparteiischen unter uns bezeugen, noch jetzt Heilsames und Herrliches. Noch jetzt werden da jährlich gar viele menschenähnliche Sprößlinge in jugendliche Menschen umgeschaffen; noch jetzt verlassen viele junge Leute diese Anstalt, mit tüchtigen Kenntnissen ausgestattet, um in der Welt unter den mannichsachstcn Verhältnissen als Menschen da zu stehen und sich auch da ehrbar und mit Achtung durchzudringen. Mögen daher jene Wohlgesinnten, die an der, Leitung dieser Anstalt Theil nehmen, keineswegs sich entmuthigen lassen, sondern einer bessern, unbefangenem und vorurtheilslosern Zukunft vertrauend zum Heile und zur geistigen Erlösung ihrer Brüder rüstig fortwirken! — Das waren die letzten Worte meines hellsehenden und patriotischen Freundes in Brody, von dem ich mich bald trennen mußte, um meine Wanderung fortzusetzen; — doch bevor ich Brody verlasse, noch ein Paar Worte als Resultat des Frühem! — Der allgemeine Charakter der Israeliten Brody's ist ein friedliebender, wohlwollender, humaner, ja man kann sagen veredelter. Bessere menschliche Empfindungen gepaart mit einem hohem Gedankenaufschwung sind dort keine Seltenheiten, nur ist in ihnen , ein Anstrich von melancholischer Stimmung und depnmirten Gemüthslebens, als traurige Folgen des Gesunkenseins dieser ehemals so blühenden Handelsstadt, so wie eine gewisse Schüchternheit, die ihnen ihre Lage gegenüber der Beamtenwelt noch mehr erschwert, nicht zu verkennen. — Eine Eisenbahnlinie zwischen Wien, Lemberg und Brody angelegt, wie sie wirklich in Aussicht ist, dürste die Lage der Letzteren um ein Großes verbessern. Der Chassidismus liegt in Brody ganz danieder, ja das ist die einzige Stadt in Galizien, die den Muth hatte einem weiland sehr renommirten Zadik, auf seiner Durchreise daselbst keinen Aufenthalt gestatten zu wollen. (Die dortige winzige chassidische Garnison gehört zu Strelisk und Rabschoid). — Handwerker giebt's da zwar viele, doch im Verhältniß der gesammten Population noch immer wenige. Sie sind Schneider, Schuster, Tischler, Klempner, Tapezierer, Buchbinder, Juwelierer (Goldschmiede) und — Uhrmacher. Letztere — die Uhrmacher — sind da wie in ganz Galizien meistens in ihrem Handwerke gewissermaßen Autodidakten und von sogenannten guten Familien *). — Reichthum ist in Brody noch jetzt wohl verhalten, Armuth hingegen, ja große, drückende Armuth leider bei weitem häufiger, ja es giebt dort eine Klasse von herabgekommenen Familien — die sogenannten Dürftigen — die an alle Lebensgenüsse im Wohlstand verwöhnt sind, und bei den unerträglichsten Entbehrungen, die sie erdulden müssen und bei der drückenden schrecklichsten Armuth, die sie zu vernichten drohet, doch bei dem Gedanken schon vor Schaam erglühen, einer menschlichen Seele ihren Zustand zu entdecken, leider solche Unglückliche giebt's dort *) Die Sache verhalt sich nämlich folgendermaßen. Bekanntlich bekommt der verlobte Jüngling (Chusin) von seinem künftigen Schwiegerpapa (Mechiten) eine Uhr zum Präsent. Aus Langweile, Neugierde und besonders um etwa eingetretenen Stockungen' abzuhelftn macht das Chusin-Bucheril die Uhr mit ihrem ganzen Organismus zum Gegenstände seines ernsten Studiums; die öfteren Reparaturen erheischen seine öfteren Besuche beim Uhrmacher, er siehet da Allem zu — freilich auf Kosten des Schiers im Cheidec — versucht spater selbst das Uhrwerk aus einander zu setzen und es wieder zusammen zu bringen und so gehet es fort bis er mir nichts dir nichts mit einem Male — Uhrmacher ist. Geht's gut, so beschrankt sich dieser Uhrmacherdilettantismus darauf im Hause des Herrn Schwiegerpapa eine leichte Wanduhr zu repariren u. dgl.; wenn aber nicht, d. h. wenn nach einigen Jahren nachdem das Nadan-Geldvorräthchen verspekulirt und konsumirt ist, und die alte so schwer zu beantwortende mosaische Frage: was werden wir essen? (?bsa:3 tte) an die Tagesordnung kommt, dann — man weiß ja nicht was sonst zu werden — wird man— Uhrmacher.— Die Handwerksautodidaktik erstreckt sich übrigens auch auf noch viele andere Zweige der Industrie und Gewerbsthatigkeit, ein guter Kopf stehet etwas zu (er chapt a Steiger in dem dortigen Volksdialekte) und macht es — gut oder schlecht gleichviel — sogleich nach. Denn in der That die Bildungsfahigkeit und die geistige Kapazität der polnischen und besonders galizischen Juden ist unglaublich! Äorresp.

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