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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-07-15 · Heft 29 (15.7.1844) · p. Seite 411

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 29 (15.7.1844)
Date
1844-07-15
Page
Seite 411 (sequence 11)
Language
German
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411 ich, das erinnert ja an die herrliche Kavallerie der Adventen, wo die Kavalleristen neben ihren gesattelten Pferden recht hübsch zu Fuß gingen, und warum? Einzig und allein darum, erwiderte mir bitter lächelnd mein Freund, weil unser Stadt-Vize-Rabbiner Herr Kluger^) (sie!) erklärt hat, es wäre sündenhast einen Tobten durch Pserdegespann zu Grabe zu beordern, sondern auf Achseln muß er getragen werden t)n3a) und bewies dieß der Behörde die ihn um die biblische Quelle dieses Verbotes befragte, ganz unwiderlegbar dadurch, daß ja der Leichnam Jakobs von Aegypten nach Palästina auf Achseln getragen wurde (!!). Also Ihr tausenden israelitischen Gemeinden Deutschlands, Frankreichs, Englands und Italiens, die Ihr Eure Todten auf Todtenwagen nach dem Gottesacker befördert — höret und schaudert!— Ihr, Ihr könnet darum unmöglich Enkel Jakobs sein, und wir!— sehet! dieser bestaubte Todtenwagen in diesem verschollenen Winkel hier, und jene dafür nimmerruhende verhangnißvolle zwei Stangen mit ihren Verbindungsbrette sind das vollgültigste Zeugniß unserer jakobitischen Stammesreinheit. — Aber wie, im Ernst, hat sich denn hier Niemand diesem Unsinn widersehe hier in dieser aufgeklärten Gemeinde? — Da haben Siees, was ich Ihnen schon früher andeutete, erwiderte mein Freund, unsere Aufklärung basirt leider auf keinen wissenschaftlichen Prinzipien, und die wissenschaftliche Kenntniß des Judenlhums besonders in seiner historischen Entwickelung, die Kritik des Talmuds und vor Allem die Energie und Willensreinheit einer aktiven Polemik mangelt ihr gänzlich, daher die traurige Erscheinung daß sich eine Gemeinde Aufgeklärter von einem Klugen so unklug dupiren laßt. — Wir verließen das Hospital und besuchten die israelitische Realschule. Eine gemischte, freudig-traurige Empfindung bemeisterte sich meiner; freudig war sie deßwegen daß es hier —- in Brody — noch vor dreißig Jahren so große und erleuchtete Männer gab, die diese Anstalt zu Tage förderten; traurig hingegen darum daß die gegenwärtige bei weitem im Allgemeinen gebildetere Generation Brody's diese Anstalt nach ihrem wahren Zweck und Bedeutung noch immer nicht recht zu wür- *) Ueber die monströse literarische Thätigkeit dieses Mannes sowol in quantitativer (er soll 52 Manuskripte liegen haben) als qualitativer Beziehung ließe sich Vieles sagen. Einige interessante Noten hierüber findet man in Erter's Taschlich. — Korresp. dkgen weiß; ja man muß es leider gestehen, daß sie von ihr verkannt und vernachlässiget wird. — Sehen Sie, sagte zu mir mein Freund, Sie finden hier meistens Kinder der ärmeren Klassen, von sogenannten vornehmen, aufgeklärten Häusern aber sehr wenige oder fast keines, das war ehedem ganz anders. Viele Gründe trugen indeß zu dieser Sinnesänderung bei. Erstens wurde diese Anstatt errichtet in der kommerziellen Blüthenzeit unserer Stadt und zwar für immer auf Gemeindekosten. Der Handel war damals hier eine wahre Lebensquelle, Handelsbitdung daher sehr gesucht und daher auch die Realschule, die ja eigentlich eine höhere Handelsschule ist, sehr besucht. Nun haben sich aber leider die Verhältnisse sehr geändert. Der Handel hier liegt darnieder. Ein junger Mann mit bloßer Handelsbildung versehen findet seltener und schwerer sein Fortkommen, daher sind auch die Reichen in unser Realschule sehr gelichtet. — Allein man sollte doch bedenken daß erstens noch immer der größte Theil dieser Hauptstadt dem Handel ergeben ist und vom Handel lebt, daß ferner die Kenntniß dreier (der deutschen, französischen und italienischen) Sprachen und die Elemente der jedem bessern Menschen jetzt mehr oder weniger unentbehrlichen allgemeinen Wissenschaften (als Geometrie, Naturgeschichte in allen ihren Zweigen; Weltgeschichte, Physik, Chemie und Zeichnen) an sich schon ein unschätzbares Gut seien, und daß endlich die Realschule ja zugleich auch (durch den Unterricht in Moral, Religionslehre und jüdische Geschichte rc.) eine israelitische Religionsschule ist, Etwas, was durch kein Gymnasium und Lyzeum ersetzt werden kann. — Zweitens giebt's in Brody gewisse Kreise — selbst in den Sphären der Aufklärung ~~ die in dem gewaltigen Jrrthum leben, daß man durch einen armseligen Privatunterricht, der in den Zwischenstunden, die vom Cheider-Besuch frei sind, ertheilt wird, einen regelmäßigen Schulunterricht ersetzen kann! — Drittens herrscht dort wieder bei Anderen nicht die beste Meinung über Leistungen und besonders Disziplin der Realschule, und daraus erwächst ihre Antipathie für diese Anstalt. Wie verkehrt! denn nur dadurch daß viele bessere Familien vor Jahr und Tag aufgehört hatten, wie früher ihre erwachsenen Söhne in jene Schule zu schicken, hat eine jüngere Generation der ärmeren Klassen, die das Bedürfniß der Bildung an sich, wohl eingesehen und um ihre weiteren materiellen Konsequenzen unbekümmert waren, ihre Stelle eingenommen. Nun ist es wahr, daß das Verhaltniß der Lehrer und der Lehcgegenstande zu den einigermaßen

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