Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1844)
- Date
- 1844-07-01
- Page
- Seite 379 (sequence 11)
- Language
- German
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379 des Zeitgeistes und der vielfachen Lockungen zum Austritt aus dem Judenthume nicht räthlich. Brauns chwcig, den 10. August 1843. p N'VtfT. Dr. Herzfeld, Landrabbiner. Oesterreich. WiHnitz, 21. Mai. (Privatmilch.) °) Schon schien jene nur einem teuflischen Herzen entquollene Fiktion, daß die Israeliten zu ihrem Osternbrode Christenblut brauchen, schon jene alberne, ungereimte Sage in grauer Vorzeit von mordsüchtigem Rcligionshasse geboren, seitdem praktische Menschenliebe allenthalben einheimischer wurde, dutch den gewaltigen Strom der Ereignisse in das Reich der Vergessenheit versenkt: als wider alles Vermuthen dieses Gedankenunding in neuerer Zvit wieder aufgesischt, nnd dem leichtgläubigen Pöbel überall zu dem Ende vorposaunt wurde, um ja nicht jenen unheilträchtigen Religionshaß ganz eingeschläfert zu wissen. So lange aber die Behörden solchen Verlaumdungen kein Gehör geben, bleibt es doch immer nur bloßes Geschwätz ohne alle weitere Bedeutung; wie traurig ist cs aber, wenn dieses bei hochgestellten Männern Anklang finden, wenn bei derlei Anschwärzungen von Vorstehern bedeutender Aemter mit Drohungen aller Art vorangegangcn wird. In welches Unglück Tausende von Unschuldigen dadurch gestürzt werden können, laßt sich leicht aus folgender kurzgefaßter Geschichte des Vorganges zu Tarnow ersehen. Ungefähr vierzehn Tage vor den Osterfeiertagen traf es sich dort, daß ein Bürger seinen Burschen in die Handlung schickte, um Verschiedenes anzukaufen. Dieser Bursche, welcher sonst von seinem Herrn sehr schlecht behandelt wurde, ließ es sich beikommen, von Tarnow zu entlaufen. Sein Herr der den ganzen Tag hindurch seiner vergeblich harrte, zeigte dessen Verschwinden des Abends der Polizei an. Es verstrichen dann 23 Tage, und als derselbe noch nicht zum Vorschein kam, sing der Pöbel an mit dem Gedanken umzugehen, daß die Juden diesen Burschen wegen des *) Wir geben über den Vorgang noch den folgenden Artikel, um den Gegenstand damit abgeschlossen zu haben. R e d a k t. Christenbluts zum Osternbrode aufgefangen und ermordet haben. Unglücklicherweise fand diese unselige Erdichtung fast bei allen höheren Beamten Empfänglichkeit: sie hielten unverweilt Sitzung, luden die Judenhäupter vor, und bedeuteten ihnen, den Burschen binnen drei Tage so gewiß herzuschaffen, widrigens sie das Schlimmste zu erwarten hatten. Man begreift die Trauer unter den Juden, aber kaum wird man sich die Freude bei vielen Christen vorstellen. Hier freuete sich Einer die Juden bald so wie das Kraut schneiden, dort ein Mezger in drei Tagen Judenfleisch ausschroten zu können. Die armen trauererfüllten Juden, auf ein solches Loos vorbereitet, thaten noch ihr Letztes, schickten nach allen Seiten aus, und versprachen den Entdeckern des Knaben bedeutende Summen. Zum großen Verdrussr Vieler fand man diesen Burschen drei Meilen hinter Tarnow, auf dein Wege zu seinem Vater begriffen, was er nebst der llrsache seines Entweichens auch vor Gericht bekannte; ihre Wuth stieg aber auf's Höchste, als ein Jude zu Pferde mit dieser Nachricht in die Stadt eilte. Einer von der wilden poliüfchen Burschenschaft, ein sogenannter Student, siel diesen Reitenden an, und mißhandelte ihn furchtbar, Andere wollten ihre Wuth an Anderen auslassen. Es ist einleuchtend daß Alle nur deßwegen so vermessen wurden, weil sie die Vorgesetzten Behörden für sich hatten. Nun fragt es sich, würden die Beamten im Vermissungsfalle des Burschen es je verantworten können, durch ihr Handbieten, dem rasenden Pöbel ein Vehikelgegeben zu haben, seine blinde Wuth gegen Juden auszulassen? Macht dies solchen Männern Ehre, in so einem wichtigen Augenblick, wenn auch-nur auf kurze Zeit, sich von Leidenschaften beirren zu lassen? Macht es so einem gebildeten Staate wie Oesterreich Ehre, wenn solche Männer in solch' wichtigen Fällen gesunden Menschenverstand gar nicht zu Mathe ziehen? Wie? Hierbei helfen alle Gründe, alle Beweise Nichts für eine Sache, die Ihr im Grunde doch gar nicht meint. Ist es denn nicht wahr, Ihr Tarnower, daß der Neid gegen den Wohlstand der Juden, das sie sich durch außerordentlichen Geschäftsbetrieb und ungemeinen Handelsgeist erworben, auf Euch weit mehr gewirkt, als jener mittelalterliche Wahn vom Christcnblut? Daß es Euch nur große Herzensqual ist, die Juden im Wohlstände zu sehen, die Ihr nur im