Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1844)
- Date
- 1844-07-01
- Page
- Seite 376 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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376 Eröffnung unsrer Versammlung an Sie zu richten, will ich Ihre Aufmerksamkeit und kostbare Zeit nicht lange in Anspruch nehmen. Ich könnte über die Wichtigkeit, über die Ncthwendigkett unsrer Versammlung mich auslaffen, allem diese haben Sie am besten gewürdigt, indem Sie meiner Einladung gefolgt sind. Ich konnte über den Charakter, den wir der Versammlung beijulcgen hätten, meine Ansicht aussprechen, allein der muß sich selbst herausbilden, sobald wir an die Bearbeitung der Statuten gehen. Ich konnte ferner Etwas über den Geist an deuten, der über uns ausgegossen sei, den Geist des Feuereifers für unsre heilige Sache, aber auch der ruhigsten Besonnenbeit in den Berarhungen, den Geist der unerschrockensten Freimütbigkeit in der Aussprache unsrer eigenen Ueberzeugung, aber auch der Liebe und Duldung unter einander gegen AnderSmeineude, den Geist der Unermüdlichkeit, um zum Ziele zu gelangen, aber auch der Ruhe in der Durchführung. Allem alles dieses lieget längst in Ihrem Bewußtsein ausgesprochen. Meine Herren! Die Augen aller unsrer Glaubensgenossen sind auf uns gcrichlet. Vom Ufer des atlantischen Ozeans bis au den Fuß der Karpathen, so wert Israel die Segnungen der Zivilisation erlangt har, wissen sie von unscrm Unternehmen, leiben sie ihm die größte Aufmerksamkeit, rmo werden mit Begierde die Worte Horen, die in diesem Umkreise gesprochen sind. Also wahrlich nicht für unsre Personen allem, im Geiste aller unsrer Glaubensbrüder, welcher Meinung sie auch zugehören, verhandeln wir hier. Ein Jeder fühlt, daß Etwas geschehen müsse, daß irgend ein Anhalt- und Mittelpunkt gegeben werde, um den in dem Prozesse des jetzigen Judentums die Formation organisch an schließen könne. Wünschen und hoffen wir, daß dieser Punkt in unsrer Versammlung gefunden worden. Das Judenthum tritt durch sie wieder in die faktisch reprascntirtrn Erscheinungen ein. Wie bis jetzt jeder Einzelne von uns für die Erhaltung und Entwickelung des -Judenthums mir aller Kraft gearbeitet hat, so treten wir heute zu demselben Zwecke in einer Vereinigung unsrer Kräfte zusammen. Ein Gesamuuwille erweckt Achtung; ein Gesammrwille hnpcmrt. Nachdem bk Versammlung nunmehr eröffnet ist, ist das erste und nothwendigste Werk, zu einer gewissen Organisation zu gelangen. Ich erlaube mir daher folgende Anträge zu stellen: 1) will die Versammlung einen Vorsitzenden und Sekretär wählen? 2) will die Versammlung von mir einen Entwurf von Statuten zur Berathung entgegennehmcn? V. Zweite Rede bei Setzung des Leichensteines für den Landrabb. Eger zu Braunschweig am lö.Juni 1^44, gehalten von l)r. Herxh eimer, Landesrabbiner zu Bernburg. Wie könnt' ich, ein Anverwandter des hier Rufenden, jetzt schweigen, wo Sie, meine theuren Amtsbrüder, Alle reden mochten? Denn Sie Alle wissen ja, der Selige, dem wir jetzt einen Grabstein setzen, war ausgezeichnet in talmudischer Gelehrsamkeit, groß in Demuth, herrlich in menschenfreundlicher That, als Geistlicher, als Mensch, als Familienvater, ein Muster. Lebenslänglich forschte er Tag und Nacht in der Lehre Gottes, einzig und allein um der Erkeuntniß und Erfüllung ihres Inhaltes willen. Wie Jjob erfuhr er die härtesten Schicksale, und ertrug sie mit der gläubigsten Hingebung in den Willen Gottes. Und seine ungeheuchelte, unerschütterliche Frömmigkeit vereinigte er mit einer Duldsamkeit gegen Andersdenkende, mit einer Menschenfreundschaft gegen Fernstehende, mit einer aufopfernden Liebe gegen die ihm Nahestehenden, wie es wahrlich nur selten sich zeigt im Leben. O wie könnte die kurze Inschrift dieses todten Steines uns veranschaulichen ein an Tugenden wie an Leiden fo reiches Leben! Doch, dieser Stein ist von hoher Bedeutung. Wie das Grabmal Rachels wird er lange dastehen als Erinnerungszeichen, daß hier ein frommer Pilger auf seinem Lebenswege gleich der frommen Stammmutter mitten auf ihrer Reise in großen Leiden geendet; als Erinnerungszeichen, daß die räthselhaften Schicksale der besten Sterblichen, bei welchen man fragen möchte: „warum geht's dem Gerechten so übel?" 15573 ih nn — eben am meisten eine Unsterblichkeit und Ausgleichung im Lande der Seligkeit verbürgen. Und wie das Grabmal des Propheten Elischa, dessen Gebeine durch Berührung einen Todten wiederbelebtea (2 Kön. 13, 21), wird dieses Denkmal das Bild des Seligen vor die Seele rufend, manchen geistig Todten neu beleben, gleich demselben mit der Zeit fortzuschreiten. Denn wer wüßte nicht, wie der Vollendete in seinem Alter noch sich bemühete, zeitgemäße Vorträge in der Muttersprache zu Hallen, die zeitgemäße gewerbliche und religiöse Bildung der Jugend zu fördern, und wie er einer der Ersten war, der die Konfirmation der Knaben und Mädchen im öffentlichen Gottesdienste ernführte? Wer