Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1844)
- Date
- 1844-06-24
- Page
- Seite 366 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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366 Nein, wohlberechnet und tiesourchdacht war der Plan, nach welchem er allmalig seine Gemeinde zu sich heranziehen wollte. Seinem ernsten Bemühen, seiner regen Wachsamkeit fehlte nicht der gute Erfolg; er fand in dem löblichen Borstande einen bedeutenden Fond von gutem Willen und regem Streben vor, und er durfte hoffen, daß seine Borschlage mit Freuden würden empfangen und mit Energie unterstützt werden. Er fing damit an das laute Beten als eine häßliche Störung der Andacht zu widerrathen, auf die Abschaffung jener grellsten Unsitte des Mizwoth- Berkaufs zu dringen und einen Ehorgesang einzuführen. So gestaltete sich der Gottesdienst immer feierlicher, ernster, anregender und darum auch genießbarer. Man ging gern in das Gotteshaus, wo nun geordneter Chorgesang, feierliche Andacht und erbauende Belehrung im Worte des Herrn zu finden war, und während früher kaum an hohen Festtagen die Synagoge besucht wurde, war sie nun an jedem Sonnabend mit frommen Andächtigen gefüllt. Freilich verloren sich allmalig einzelne Synagogen-Mitglieder, deren Ohr einmal an das lärmende Getöse gewöhnt war, aber dieser Vertust war eben nicht bedeutend und leicht übersehbar. Nachdem nun so offenbar eine bedeutende Anzahl der Gemeindeglieder den neueren Bestrebungen anhingen, und deutlich sich als Freunde des Fortschritts kund gaben, strebte G. ihnen durch irgend ein Mittel lebendigeres und innigeres Interesse an den Bestrebungen der gesammten Iudenschaft einzuflößen. Der Lehr- und Leseverein, der damals gestiftet wurde, sollte dieses Mittel und zugleich ein inniges Band der Verbrüderung sein. Es sind über diesen Verein zur Zeit an die öffentlichen Blätter Mittheilungen gemacht worden, die seine Bedeutung herausstellten, und der zweite Jahresbericht, der von Dr. Geiger vor kurzer Zeit herausgegeben wurde, zeigt deutlich, daß die Leistungen dieses Vereins von sehr bedeutender Art sind. So zeugt denn auch dieser Verein, daß unser würdiger Rabbiner unermüdlich ist im Werke des Herrn; denn jungen strebsamen Leuten auf dem Wege ihres Sterbens hilfreich sein, ist wol eben ein so gottgefälliges Werk, als einer Versammlung sogenannter Wachurim den Talmud auf sophistisch-spitzfindige Weise einige Stunden täglich zu erklären. Doch um wahrhaft innige Begeisterung für das Judenthum in den Gemüthern zu erwecken, um das langsamtödtende Gift des Jndifferentismus gänzlich auszurotten, genügen nicht Predigt und geordneter Gottesdienst, genügt auch nicht ein Leseverein, in dem alle neuen Erscheinungen für alle Mitglieder offen ausliegen, und von Zeit zu Zeit wissenschaftliche Abhandlungen vorgetragen werden. Das sah Herr Dr. ®. wol ein und darum stiftete er im vorigen Jahre nach Beseitigung vieler Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten eine Religionsschule, in der die Jugend beiderlei Geschlechts einen gediegenen Unterricht in der Religion der Vater erhalten sollten. Erfreulich war es auch hier, daß bald die Zahl der Schüler und Schülerinnen sehr bedeutend war. Daß der Religionsunterricht des Herrn Dr. G. ein segenverbreitender und wohlthatiger sei, bekundete eine am 12. d. M. abgehaltene Prüfung, und die am vorigen Sonnabend hier öffentlich in der Synagoge stattgesundene Entlassungsfeier mehrerer weiblicher Zöglinge. Zu ungewöhnlicher Stunde, Nachmittags 4 Uhr, hatten sich fast alle jüdischen Einwohner in der Synagoge versammelt, um diesem neuen, hier noch nie stattgefundenen Akte, theils aus Neugier, theils aus inniger religiöser Theilnahme, beizuwohnen. Nach einem einleitenden Chorgesange sprach der Dr. G. zu den Konfirmandinnen, die sammt ihren Eltern nahe an der Kanzel saßen, herzliche erwärmende Worte, die ihnen die Bedeutung der Feier auseinandersetzten. Hierauf beantworteten die Konfirmandinnen die an sie gestellten Fragen laut und vernehmbar, und trugen von ihnen selbst ausgearbeitete Reden vor. Zum Schluffe prägte Dr. G. seinen Schülerinnen noch zum letzten Male seine tiefen Lehren ein, und mahnte sie stets als würdige Bundesgenossinnen dem Glauben der Varer anzuhangen und ihn als einen Leitstern in das sturmbkwegte Leben mitzunehmen. Aber so erfreulich und erhebend einerseits diese lebhafte Theilnahme der Bessergesinnten an jedem Fortschritt ist, so betrübend und niederdrückend ist es andrerseits zu sehen, wie selbst das Unschuldigste begeifert, das Schönste und Segenreichste verketzert und verdammt wird. Noch war die Begeisterung für den Konsirmationsakt in Allen lebendig, hörte man schon am folgenden Sonnabend, in einer der hiesigen Nebensynagogen, von der Kanzel herab Gift und Geifer, Bannstrahlen und Verdammungsurtheile über